Gefolge dem Altare zu, die erste Messe in der Kirche zu lesen.
Dann bestieg der Pfarrer seine Kanzel, und Angelika wie der Freiherr glaubten ein Wunder vor sich zu sehen. Wie verjüngt strahlte sein Antlitz, mit fremdem, mächtig ergreifendem Tone schallte seine stimme von der hohen Wölbung der Kuppel zurück. Er fühlte die Begeisterung, das Feuer und den Eifer seiner jungen Jahre in sich wiederkehren, die rückwirkende Kraft der Gemeinde erwies sich an ihm mächtig, und er kannte die Herzen derer, zu denen er zu sprechen hatte, genau genug, um die Worte zu finden, mit denen er sie bewegen konnte. Er wusste, was dem haus derer von Arten fehlte, er war diesem haus durch ein langes Leben so eng verbunden gewesen, der Freiherr und Angelika waren seinem Herzen jeder auf seine Weise so nahe verwandt, dass es keiner Kunst bedurfte, dass er nur der eigenen Eingebung zu folgen brauchte, um sie mit sich zu erheben.
Mit stolzem Selbstgefühle verliess der Freiherr nach beendigtem Gottesdienste seinen Sitz. Er liess Herbert herbeirufen, um ihn dem Fürstbischof vorzustellen. Angelika sah ihn in diesem Augenblicke zum ersten Male wieder. Als auch sie ihm dankte und ihm ihre Hand hinreichte, wagte er es, sie an seine Lippen zu ziehen, und sie sah Tränen in seinem Auge, die sie sich zu deuten wusste.
Ja, sprach sie, ich bin recht krank, aber heute mag ich nicht daran denken, heute ist es auf lauter Freude abgesehen, und ich hoffe Sie am Abende noch zu begrüssen.
Die Herrschaften und der Bischof nahmen die Kirche und die Kirchenwohnung in Augenschein; sie belobten Alle den Baumeister; Herbert hatte heute ein grosses Wohlgefallen an der Anerkennung, denn Eva und ihr Bruder hörten sein Lob und waren stolz auf ihn; aber der Anblick der Baronin liess in ihren guten Herzen keine wahre Freude aufgehen.
In demselben zug, in welchem man sich nach der Kirche begeben hatte, verliess man sie. Angelika schien keine Ermüdung zu empfinden. Sie machte bei dem Mittagbrode, das man dem Bischofe zu Ehren veranstaltet hatte, mit Freundlichkeit die Wirtin; sie empfing die zahlreichen Gäste aus der Nachbarschaft, welche man für den Abend eingeladen hatte, das Namensfest der Herzogin zu begehen.
Der schöne Tag machte dem mildesten Abende Platz. Man brachte die letzten Stunden des Nachmittags auf der Terrasse zu. Als die Sonne sank, fuhren die Wagen vor, um diejenigen, welche, wie Angelika, die Mühen des Weges zu scheuen hatten, nach der Birkenhöhe hinauf zu bringen. Der Justitiarius, der Amtmann und Eva hatten Einladungen zu dem Abendbrode erhalten, das man oben einzunehmen dachte. Herbert und der Gehülfe, wie das ganze Gefolge des Bischofs, befanden sich selbstverständlich unter der Gesellschaft. Bei einem im Freien veranstalteten Feste brauchte man mit den Einladungen nicht so ängstlich zu sein.
Der Park war belebt wie in den glänzendsten Tagen des Hauses, der Freiherr recht eigentlich in seinem Elemente. Der Fürstbischof, die geistlichen Herren seines Gefolges, die Herzogin, die adeligen Familien der Nachbarschaft bildeten eine stattliche Versammlung.
Als man oben auf der Höhe anlangte, fand man den neuerbauten kleinen Tempel in allen seinen hervorragenden Linien mit Blumenguirlanden geschmückt. "Der Freundschaft!" war mit goldenen Buchstaben über der Eingangstüre zu lesen. Man hatte die Marmortafel, welche diese Inschrift trug, erst während des Tages angebracht. Eine sanfte Musik ertönte aus dem inneren des Baues, die Türen öffneten sich, das Bild der Herzogin, welches während ihres Aufentaltes in der Stadt im Auftrage des Freiherrn von einem geschickten Maler ausgeführt worden war, hing reich bekränzt dem Eingange gegenüber. Man hatte davor eine Art von Altar aufgerichtet, auf welchem Blumen und Feldfrüchte, Garten- und Feldarbeits-Gerätschaften wie in einem Tempel der Ceres und der Flora aufgestellt waren. Von dem Sacristan wohl eingeübt, sang das Quartett der Knaben ein Loblied auf die Herzogin, das von dem Freiherrn selber dem Schiller'schen "Mädchen aus der Fremde" nachgedichtet worden war.
Bei der Strophe:
Sie teilte jedem eine Gabe,
Dem Früchte, jenem Blumen aus;
Der Jüngling und der Greis am Stabe,
Ein jeder ging beschenkt nach Haus –
führte der Freiherr die Gefeierte vor den Altar. Unter den dort aufgestellten Gerätschaften befanden sich verschiedene kleine Körbe, in denen auf und unter blühenden Blumen, mit den Namen der anwesenden Personen bezeichnet, die mannigfachsten Geschenke vorbereitet lagen. Er händigte ihr das erste dieser Körbchen aus und bat sie, als Schützerin dieses Tempels, der fortan ihren Namen tragen sollte, den versammelten Freunden ein Andenken an sich zu hinterlassen.
Die Herzogin, solcher Darstellung im höchsten Grade mächtig, unterzog sich mit vollendeter Anmut ihrer Aufgabe, und eine gewisse Rührung, eine ihr sonst fremde Weichheit verliehen den Geschenken, die sie auszuteilen hatte und die dem Range der Herzogin wie dem Ansehen der Empfänger angemessen waren, einen erhöhten Wert.
Schweigend und in sich selbst versunken wohnte Angelika dem Schauspiele bei. Sie schien es kaum zu bemerken. Ihr Auge sah durch die offenen Bogenfenster in das Tal hinaus. Auch Herbert hatte wenig Sinn für die gegenwärtige Feierlichkeit. Er ahnte, was in dem Herzen der Baronin vorging.
So, im sinkenden Tagesscheine, hatte er einst mit ihr auf dieser Höhe gestanden, hier auf dieser Stätte war sie ihm als das Urbild edler Schönheit erschienen, hier hatte ihre Trauer ihm das Unglück ihres Lebens entüllt, hier hatte er sich ihr in selbstloser Freundschaft zu eigen geloben wollen