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die heiligsten Bande, durch die schmerzlichsten Erinnerungen, durch Leiden und Freuden, durch die Hoffnungen und Sorgen für ihres Sohnes Zukunft verbunden und zu einander gehörend. Niemals waren sie in ihrem Denken und Empfinden mehr im Einklange gewesen, als unter dem ersten, feierlichen Läuten dieser Glocken, und doch hatten sie es verlernt, sich einander vertrauend hinzugeben. Vereinsamt und zagend standen sie sich gegenüber, das Herz tat beiden wehe, weil jeder von ihnen seine Aufwallung zurückhielt.

Endlich überwand der Freiherr sich. Wir sind am Ziele, sagte er, und wie man auf der Höhe eines berges der Mühen, mit denen man ihn erstieg, leicht vergisst, um sich der herrlichen Fernsicht zu erfreuen, so dürfen auch wir, der Opfer, die wir bringen müssen, fortan nicht mehr gedenkend, uns des Geschaffenen erfreuen, das denen, die nach uns kommen werden, von uns Kunde geben und unsere Namen in eine ferne Zukunft tragen wird. Lass uns einander Glück dazu wünschen!

Er küsste sie mit Feierlichkeit auf die Stirne, und unfähig, ihre Erschütterung zu verbergen, zu scheu, sich ihm in die arme zu werfen, küsste sie ihm die Hand. Das fuhr ihm wie ein Stich durchs Herz.

Angelika, Beste, was tust Du? rief er erschrocken aus. Aber sie sah ruhig zu ihm empor und sagte: Lass es geschehen! Es hat mir wohlgetan, lieber Franz, Dich so mild gestimmt zu finden, und ich gewinne dadurch den Mut, eine Bitte an Dich zu richten!

Er setzte sich an ihre Seite; sie blieb eine Weile in schweigendem Nachdenken versunken, dann sagte sie: Ich möchte mich dazu des Bildes bedienen, das Du eben jetzt gebrauchtest, Lieber! Man sieht vom erreichten Ziele die Dinge freier an, undDu wirst Dich darüber so wenig zu täuschen vermögen, als ichauch mein Ziel wird bald erreicht sein! Da möchte ich den Personen, denen ich genaht bin, so weit es möglich ist, gern freundliche Erinnerungen hinterlassen!

Der Freiherr unterbrach sie. Sie hatte bisher niemals von der Wahrscheinlichkeit ihres frühen Todes zu ihm gesprochen. Er versuchte ihre Ahnung zu bekämpfen, er wollte sich selber die Wehmut verscheuchen, es gelang ihm Beides nicht.

Was uns auferlegt ist, werden wir erwarten und tragen müssen, sagte Angelika ergeben, aber erfülle meinen Wunsch. Lege noch heute Eva's Hand in Herbert's Hand. Es würde mich schmerzen, wenn er, der uns so schön gedient, und derjetzt wirst Du mir es glaubenrein und ehrenhaft Dir gegenüber dasteht, unserer mit Abneigung gedenken sollte.

Der Freiherr schloss, wie unter einer schmerzlichen Berührung, unwillkürlich die Augen, seine Brauen, seine Lippen pressten sich zusammen: Angelika blieb ruhig und gelassen. Das Erlebte lag weit hinter ihr.

Der Tag ist uns, die wir den Bau begründet haben, ein hohes fest, sprach sie; Du wünschest ihn der Herzogin zu einem Ehrentage zu machen. Lass ihn für Herbert, für Eva und für ihren Bruder gleichfalls zu einem Tage freudiger Erinnerung werden, und auch mein Herz wird ihn dann als einen doppelt gesegneten empfinden, denn ich werde Deine Verzeihung in der Gewährung meiner Bitte empfangen zu haben glauben.

Lass die Vergangenheit begraben sein, lass uns auf die Zukunft blicken, sagte der Freiherr mit milder Abwehr, und sei es, wie Du's wünschest. Noch heute will ich Eva meine Zustimmung verkünden.

Angelika dankte ihm dafür. Sie wollte Zeit und

Stunde wissen; ihr Gatte bat, ihm dies zu überlassen; er wollte sich wie immer die Freiheit augenblicklicher Entschliessung vorbehalten.

Inzwischen war es Zeit geworden, sich nach der

Kirche zu begeben. Wie vor acht Jahren fuhr man in vier Wagen durch das Dorf, weniger noch als damals liessen die Gutsinsassen sich blicken. Es war Sonntag; sie waren vollzählig zu ihrem Pfarrer in die Kirche gegangen. Die Pfarrerin hatte diesen mit Bitten und mit Tränen davon abzuhalten gestrebt, dass er eben an dem heutigen Tage ein Aergerniss gäbe, aber der Pastor liess es sich nicht nehmen, grade heute mit feurigem Worte sein Herz vor der Gemeinde auszuschütten und sie zu warnen, dass sie sich nicht durch äusseren Glanz und äusseren Vorteil verführen lassen sollte.

Der Amtmann und Eva fehlten in der Kirche. Wie

sehr sie ihren alten Pfarrer auch verehrten, sie hatten zu viel Freude an dem Ehrentage Herbert's; sie waren dem Baue durch alle seine Stufen mit zu grosser Teilnahme gefolgt, als dass sie es sich und Herbert hätten versagen mögen, das schöne Bauwerk in seinem ersten Schmucke zu sehen, die ersten Orgeltöne in diesem Gotteshause erklingen zu hören.

Die Wagen machten ausserhalb des Kirchhofes Halt. Der Freiherr, seine Gattin am arme, seinen Sohn an der Hand, durchmass den mit Blumen bestreuten Weg. Da er und Angelika sich in der Vorhalle mit dem geweihten wasser netzten, war es ihnen, als hätten sie dies nie zuvor getan, und es durchschauerte sie feierlich.

Von der Herzogin begleitet, begaben sie sich in die herrschaftliche, der Kanzel gegenüber gelegene Loge. Die katolische Dienerschaft aus dem schloss hatte unten in den Bänken Platz genommen. Unter dem Portale empfing der Caplan, als Pfarrer der neuen Kirche, den Fürstbischof und sein Gefolge. In vollen, jubelnden Klängen liess die schöne Orgel ihr Halleluja ertönen, die Chorknaben schwangen die silbernen Weihrauchgefässe, und das grosse, bischöfliche Kreuz voraufgetragen, schritt der Bischof mit seinem