1864_Lewald_163_226.txt

Er begann zu fühlen, dass er älter werde, weil der Kreis seiner Wünsche, Plane und Erwartungen sich verengte. Neues Streben und damit neue Hoffnung in sich aufnehmen, heisst aber, sich eine neue Jugend schaffen, und wie sollte man diesem Reize widerstehen, auf diese Möglichkeit verzichten, so lange man noch die Kraft dazu empfindet? Es war die sehnsucht nach verlängertem Leben, ohne welche der Mensch dem tod noch früher verfallen würde, es war das halb unbewusste Verlangen nach Lebenslust, die in dem einst so entsagungsfähigen mann noch im hohen Mannesalter den Ehrgeiz weckten.

Er und der Freiherr teilten jetzt den Verdruss, den sie Seitens der protestantischen Kirche zu tragen hatten, und fanden sich in der Tätigkeit für die Einweihung der Kirche mit Genugtuung zusammen. Man hatte schon lange eines der zum amt gehörenden, aber ausserhalb des Amtofes und sehr nahe bei der Kirche gelegenen Gebäude zur Kirchenwohnung ersehen. Bisher hatten die Wirtschafter sie inne gehabt; nun, da man dem künftigen Amtmanne überhaupt kein so breites Leben wie den Steinerts einzuräumen dachte, sollten die Wirtschafter im Amtause ihr Unterkommen finden und der Sacristan mit den vier Knaben, welche der Freiherr zu Assistenten bei dem Gottesdienste zu haben wünschte, ihre wohnung bei der Kirche erhalten. Es war dabei auf einen verheirateten Glöckner abgesehen, der die Beköstigung des Sacristans und seiner Schüler übernehmen könne.

Eine Zeit lang hatte der Freiherr, von der Herzogin beeinflusst, wohl die Absicht gehegt, auch den Caplan nach Rotenfeld übersiedeln zu lassen; aber er hatte dessen Anwesenheit, während jener mit der Baronin in der Stadt gewesen war, doch mehr vermisst, als er erwartet haben mochte, und grade der Hinblick auf Angelika machte es ihm wünschenswert, den ihr so werten Mann in ihrer Nähe und auch in der Nähe des Knaben zu lassen, dem die Aufsicht und der Unterricht des Caplans mit jedem Tage nötiger werden mussten.

Während man in nächtlicher Stille die Särge aus dem bisherigen Erbbegräbnisse in die Marmorgruft der neuen Kirche brachte und der Caplan die weissen Rosenbüsche an der Eingangstür derselben pflanzen liess, während die Kanzel ihre letzten Verzierungen erhielt, der aus der Stadt angelangte Beichtstuhl aufgestellt ward und der Freiherr sich mit dem Fürstbischof ins Einvernehmen setzte, damit dieser, der den Grundstein eingeweiht, auch am Margaretentage die Einsegnung des fertigen Baues übernähme, ward er es nicht sonderlich gewahr, dass die Herzogin ungewöhnlich viel Briefe erhielt und schrieb, dass sie öfter teilnahmslos erschien und, seit der Graf und die Gräfin Berka das Schloss verlassen hatten, von Reiseplanen sprach, die ihr neuerdings gekommen sein mussten, denn es war nie davon zuvor die Rede gewesen. Sie zeigte sich jetzt weniger als sonst bemüht, den Freiherrn zu unterhalten, bewies der Kranken wirklich jene Sorgfalt, deren Anschein sie während des Besuchs der Berka'schen Familie angenommen hatte, und trotz ihrer Abneigung gegen die Herzogin konnte Angelika es nicht übersehen, dass eine Veränderung mit derselben vorgegangen war und dass sie jetzt wieder mehr als in den verwichenen Jahren dem Bilde entsprach, welches Angelika in den ersten Tagen sich von ihr gemacht hatte.

Als der Postbote wieder einmal nach der Stadt geritten war, um die Posttasche abzuholen, brachte er in dieser neben dem eigenhändigen Schreiben des Fürstbischofs, das seine Zusage entielt, auch ein grosses, aus der Residenz kommendes, mit mehreren Siegeln verschlossenes Paket für die Herzogin, sowie die Antwort Seba's auf die Sendung und die Briefe des Freiherrn und Angelika's.

Seba dankte dem Freiherrn in einem kurzen Schreiben, dessen formvolle Haltung er rühmend anerkannte, für die Freude, die er ihr bereitet, für die gütige Weise, in welcher er ihren geheimen Wunsch erraten und befriedigt habe. Auch der Brief an die Baronin war nicht eben lang. Seba schickte ihr, da sie augenblicklich über kein anderes Bild von sich verfügen konnte, ein kleines, in Pastell gemaltes Portrait, das sie in ihrem sechszehnten Jahre darstellte. Es war kurz vor der Zeit gemacht worden, in welcher sie den Grafen hatte kennen lernen, und der ganze Zauber seelenvoller Kindlichkeit und Unschuld lag in dem Bilde noch über dem edlen, holden Antlitze ausgebreitet. Die Baronin hatte dieses sie rührende Bild, das in der stube des Vaters hing, nie zuvor gesehen.

"Sei um mich nicht in sorge", schloss Seba ihren Brief an die Baronin. "Es ist mir wohler und freier um das Herz, als seit gar langer Zeit. Nicht alle Naturen können die gleiche Strasse gehen und jede muss ihre Befreiung und Befriedigung auf ihre eigene Weise suchen. Da ich Dich liebe, tut es mir wohl, Dich in Deinem Glauben und in Deinem Anlehnen an Deine Kirche glücklich zu denken; gönne Du mir, da Du mich liebst, die Erhebung und Auferbauung meiner Seele und meiner Zukunft auf meine Weise. Du erwartest die Gerechtigkeit aus der Hand des Höchsten, der mit seiner Vorsehung Dein Leben lenkte; ich entbehre dieses Glaubens, ohne der überzeugung und des Trostes zu entbehren, dass unsere selbstbestimmten Taten in unseren Leiden und Freuden ihre Folgerichtigkeit haben; und Deine Liebe und die letzten Augenblicke, die ich mit Dir verlebte, haben mir dies wieder vollgültig dargetan. Die Genugtuung, deren ich bedurfte, ist mir jetzt geworden.

Der Herr Baron und Du, meine Angelika, legen es mir beide nahe, eine Bitte, der Gewährung sicher, an ihn zu richten. Sie soll denn, wenn auch nicht eigentlich für mich, gesprochen werden. Herbert, der jetzt seine Aufgabe im Dienste