1864_Lewald_163_225.txt

und mitleidigen Duldsamkeit. Wie die Eltern auch an der hinsiechenden Tochter hingen, wie schwer die Trennung ihnen werden musste, sie sprachen nicht davon, ihren Besuch über die festgesetzte Zeit zu verlängern, und weder der Freiherr noch Angelika vermochten sie dazu aufzufordern, denn die Einweihung der Kirche stand nahe bevor, es gab für diese noch mancherlei zu ordnen, und man durfte nicht wünschen, den Grafen und seine Gattin zu Zeugen derselben zu haben.

Der zweite Besuch, welchen ihre Eltern der Baronin in Richten machten, war dem ersten in vieler Beziehung ähnlich, und Angelika erfuhr an sich selber, wie wundersam oftmals in unserem Leben entfernte Zeitpunkte einander gleichen, wie sich zu wiederholen scheint, was wir erleben, während wir selbst uns gewandelt finden und Alles um uns her gewandelt ist.

Weil man sich vor dem Scheiden gefürchtet hatte, fühlte man sich leichter, als es überstanden war, und wie nach der ersten Abreise ihrer Eltern wurden auch dieses Mal der Freiherr und Angelika durch eine äusserliche Tätigkeit in Anspruch genommen.

Siebzehntes Capitel

Die Beschwerden, welche der Caplan bei seinem Bischofe, und die Meldung, welche der Pastor bei der Regierung gemacht hatte, hatten ihre Früchte getragen. Mit dem Bischof durfte man sich leicht zu verständigen hoffen, denn die Entfernung des Pastors war bei dem Freiherrn, selbst wenn er genötigt sein sollte, ihn zu pensioniren, eine beschlossene Sache, und die Errichtung eines Pfarramtes in Rotenfeld, für welches natürlich der Caplan ins Auge gefasst war, stimmte den Bischof für alle Massnahmen des Freiherrn im Voraus günstig. Einmal von seinen drückenden Verlegenheiten befreit, bewegte dieser Letztere sich in seiner alten Weise, und da er, was er unternahm, vollständig zu tun, was er besass, vollkommen zu besitzen liebte, wollte er, nun der Bau beendigt war, die Kirche auch mit einem vollständigen Personal versehen. Der ansehnliche Vorrat von Kirchengerätschaften, den man in der alten Capelle im schloss seit zwei Jahrhunderten gesammelt und der mit den neuerworbenen Stücken schon einen hübschen Kirchenschatz begründete, sollte seinen Sacristan bekommen, man musste einen Glöckner haben, der den Kirchendiener machte, und vor Allem wünschte der Freiherr, der ein grosser Freund des Kirchengesanges war, die Einweihung der Kirche nicht ohne einen solchen zu vollziehen.

Von diesem Verlangen bis zu dem Gedanken, sich dauernd ein Quartett von Knabenstimmen für die Kirche zu sichern, war es für den Freiherrn nicht weit. Angelika erhob ihre wirtschaftlichen Bedenken dagegen, indess der Freiherr wusste sie über dieselben zu beruhigen und fand den Weg, sie für seine Wünsche zu gewinnen. Er meinte, da man nur eine kleine katolische Gemeinde für die Kirche habe, müsse man eine wohltätige Stiftung mit der Kirche in Verbindung setzen, und dies sei ohne grosse Opfer auszuführen. Wenn man einen jungen Geistlichen zum Sacristan ernenne, der des Orgelspieles mächtig und im stand sei, einigen Knaben ausser dem Unterrichte der Musik den gewöhnlichen Schulunterricht zu erteilen, so könnte man neben der Kirche eine kleine katolische Schule errichten und sich, wenn man die heranwachsenden Knaben immer zu den Lebensberufen anleitete, für welche sie Anlage oder Neigung betätigen, allmählich eine Anzahl wohlerzogener katolischer Handwerker oder Beamten heranbilden, die zugleich den Stock für die Ausbreitung der Kirche innerhalb der herrschaft abgeben würden. Vier Knaben aus armen und wohlgesitteten Familien zu erziehen, war sicherlich ein gutes Werk, und eine solche kleine Colonie auf den Gütern zu erhalten, keine Aufgabe, welche irgendwie die Kräfte des Gutes überschritt.

Für ein solches wohltätiges Unternehmen durfte man natürlich sicher sein, die Zustimmung der Baronin schnell zu erlangen, und der Bischof, dem so unerwartet die Möglichkeit geboten wurde, einen jungen Geistlichen anzustellen, ein paar Leute als Glöckner und Kirchendiener zu versorgen und einigen strenggläubigen Familien durch Unterbringung ihrer Söhne seine Zufriedenheit auszudrücken, stimmte dem ganzen Vorhaben mit grosser Anerkennung bei.

Aber auch den Wünschen des Caplans kam die Absicht des Freiherrn entgegen. In der entsagenden und begeisterten Liebe seiner Jugend hatte er sich von der Welt zurückgezogen und auf eine weitgreifende Tätigkeit innerhalb der Kirche, ja, selbst auf das Walten in einer Gemeinde verzichtet, um dem Andenken einer Geschiedenen zu leben, um ihrem Bruder nahe zu sein und sich selber aufzuerbauen. Indess eine Jugendliebe wirft nur bleiche Strahlen auf das spätere Leben, und wenn der Caplan sich auch sagen durfte, dass er Angelika der Kirche gewonnen habe, war doch grade mit den fortschreitenden Jahren oft der schmerzliche Gedanke über ihn gekommen, dass er das reiche Mass seiner Kräfte nicht genug gebraucht, dass er nicht genug gewirkt für die Verbreitung und den Ruhm der Kirche, der er angehörte; und eben die letzten traurigen Ereignisse in Rotenfeld hatten ihm wie eine Mahnung gedäucht, die ihm noch vergönnten Lebenstage eifriger zu benutzen.

Es schien ihm ein Wink des himmels, ein sichtbares Eingreifen des Höchsten zu sein, dass Gott der neugegründeten Kirche, wie in den ersten Tagen des christentum, gleich ihren Blutzeugen zugesellt, und die Vorstellung, dass dies Alles habe geschehen müssen, um ihm eine Mahnung und ein Sporn zu sein, ward immer mächtiger in ihm. Er hatte mit ruhiger Erhebung einst der Grundsteinlegung zu der Kirche beigewohnt, ihren sehr verzögerten Bau gelassen fortschreiten sehen; nun zählte er die Tage, welche bis zu ihrer Einweihung vergehen mussten.

Seit seinen jungen Jahren hatte er die Kanzel nicht betreten, nicht unter der erhabenen Wölbung eines Gotteshauses gepredigt, nicht vor dem Altare einer Kirche die Messe celebrirt. Viele Hoffnungen waren ihm verloren gegangen, auf Manches hatte er verzichten lernen.