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. Man konnte nicht daran denken, Herrn Flies eine Entschädigung für die gehabten Kosten anzubieten; eines jener Geschenke von Wertgegenständen, denen man den Charakter eines Andenkens verleiht, war in diesem Falle auch nicht angebracht, denn die Frau und die Tochter des Juweliers hatten unter seinen Vorräten nur zu wählen, und weil der Freiherr glaubte, dass er sowohl den Wünschen seiner Frau als dem Gefühle ihrer Pflegerin gleichzeitig am besten begegnen könne, wenn er sich zu einer jener Liebesgaben erbötig zeigte, die man sonst nur mit seines Gleichen austauscht, tat er der Baronin den Vorschlag, Seba mit der Copie ihres bald nach ihrer Verheiratung in der Residenz gemalten Miniatur-Bildes zu beschenken. Man hatte diese Copie damals gleich nach der Vollendung des Originals nehmen lassen, um sie der Gräfin zum Weihnachtsfeste zu bescheren. Das Familienzerwürfniss hatte diese Absicht vereitelt; jetzt mochte man auf eben diese Gabe für die Gräfin aus begreiflichem grund nicht zurückkommen, und einfach in einen emaillirten Goldreif als Medaillon gefasst, schien das Portrait vor allem Andern geeignet, den Dank des Freiherrn und die Freundschaft der Baronin am edelsten und ehrenvollsten auszusprechen.

Indess wider sein Erwarten fand der Freiherr bei Angelika nicht gleich die freudige Zustimmung, auf welche er gerechnet hatte. Sie war verlegen, ihre Blikke richteten sich nach ihrer Mutter, als sei sie unsicher, ob diese eine solche Liebesgabe billigen würde; aber grade dieses Letztere bestimmte den Freiherrn, seinen Vorschlag geltend zu machen, und Angelika zeigte sich dann auch schnell und völlig mit der Absicht einverstanden. Der Freiherr selber schrieb den Brief, denn er selbst wollte der Geber des Angedenkens sein und in einer über jedes Abwägen hinausgehenden Weise sich mit der Flies'schen Familie abgefunden haben; aber er ermächtigte Angelika, ihren Dank hinzuzufügen.

Das bedingte sowohl, was sie schreiben, als die Art, in welcher sie schreiben konnte, sie musste sich an Allgemeines halten. Nur am Ende ihres Briefes wiederholte sie den von ihrem Gatten gebrauchten Ausdruck, dass es ihr eine grosse Freude sein würde, den ihr so teuer gewordenen Freunden jemals dienstlich sein zu können; und sie fügte dieser Versicherung den für Seba völlig verständlichen Nachsatz hinzu: "Glaube mir, dass der Gedanke an Dich und an unser letztes Beisammensein mich nie verlassen, dass mein Herz für Dich beten wird wie für mich selbst, und dass Du mir die höchste Liebe erweisen würdest, wenn Du es mir sagen wolltest, ob ich irgend etwas für Dich, für Dein Glück und für den Frieden Deiner Zukunft tun kann!"

Der Freiherr sah es, wie Angelika eine Locke ihres Haares abschnitt und in die Rückseite des Medaillons einlegte. Er las die von ihr geschriebenen Zeilen, ohne eine Bemerkung darüber zu machen. Die Ausdrucksweise jener Zeit war eine conventionell gesteigerte, man bediente sich grosser Worte für die lebhaften Empfindungen, die man geflissentlich in sich nährte, und dass es an Gefühlsergüssen zwischen der Baronin und Seba nicht gefehlt haben würde, darauf war der Freiherr gefasst gewesen. Es gefiel ihm freilich nicht besonders, dass seine Frau das Judenmädchen mit Du ansprach, er tadelte es auch gegen seine sonstige Weise im Beisein der Gräfin, und diese gab ihm Recht. Sie äusserte sich überhaupt nicht beifällig über Seba; Angelika wagte es nicht, sie zu verteidigen, man konnte es jedoch in ihren Mienen lesen, dass diese abfälligen Urteile sie betrübten.

Im Uebrigen gingen die Tage im schloss ruhig hin. Nach der Ermüdung durch die Reise musste man der Baronin Zeit zur Erholung gönnen, durfte man nicht daran denken, Gesellschaft zu sehen; und da der Besuch der Eltern ohnehin nicht eben lange währen sollte, wünschten sie, sich der Tochter ohne Störung zu widmen. Alles was man unternahm, wurde mit Rücksicht auf die Kranke getan. Man konnte sich nicht darüber täuschen, dass für sie keine Herstellung zu hoffen sei und dass nur Schonung und Ruhe ihr Dasein noch zu fristen vermöchten. Jedes Gespräch, das sie erregen konnte, wurde vermieden, sie selber schien vor allen Erörterungen über ihr Leben, über den Freiherrn, über die Herzogin, über die Plane, welche sie für die Erziehung ihres Sohnes hegte, Scheu zu tragen. Auf die missbilligende Bemerkung ihres Vaters, dass man im schloss fast nur noch Franzosen im Dienste habe, entgegnete sie, die Not dieser geflüchteten Leute und die Rücksicht auf die Fürbitte der Herzogin hätten sie dazu gebracht, sich ihrer zu bedienen. Und, fügte sie mit einer gewissen Ueberwindung hinzu, wenngleich ich selbst für Renatus die alten, uns angestammten deutschen Diener lieber gehabt hätte, so ist es doch andererseits viel wert, dass er jetzt nur Personen um sich findet, die ihn in seinen religiösen Begriffen nicht verwirren. Kinder haben des völligen Einklanges in ihrer Umgebung sicherlich am nötigsten.

Die Eltern liessen diese Unterhaltung fallen; aber es gab der Gegenstände in Schloss Richten gar zu viele, die man nicht berühren mochte. Der Graf, der schon aus der Ferne von den schwankenden Vermögensverhältnissen seines Schwiegersohnes Kunde gehabt hatte, überzeugte sich, dass der Schade tiefer gehe, als er geglaubt, und versuchte, da er viel praktische Umsicht besass, dem Freiherrn unter der Hand zu raten, wie man mit dem Verkaufe eines Teiles der Güter den andern sichern und dauernd erhalten möge. Der Freiherr wies jedoch jede Mitteilung und jeden Rat zurück. Man war und blieb also beisammen, ohne mit einander zu leben. Man hätte einander lieben mögen, brachte es aber nicht weiter, als bis zu einer gegenseitigen nachsichtigen