Freiherr und der Graf, welche die Nacht hindurch von dem Brande wach erhalten worden waren und beide in den Jahren standen, in denen Anstrengungen, Schrecken und Sorgen sich nicht so leicht als in der Jugend überwinden lassen, sahen ermüdet aus. Den Grafen betrübte dazu die Hinfälligkeit seiner Tochter; der Freiherr bemühte sich, seiner Schwiegermutter die frühere, freie Herzlichkeit zu zeigen; indess er war verdüsterten Sinnes, er musste sich zur heiteren Rücksichtnahme für seine Gäste zwingen, und der Gräfin Herz war, ebenfalls beschwert, nicht dazu angetan, ihm seine Aufgabe zu erleichtern. Nur die Herzogin besass sich ganz und gar und kam durch ihre kluge Haltung Allen wesentlich zu hülfe.
Sie hatte sich völlig matronenhaft gekleidet, und Angelika konnte nicht umhin, so genau sie die Herzogin kannte, sie doch mit Verwunderung zu beobachten und zu betrachten. Ihre Stirn war ernst geworden, ihr blick hatte den schmelzenden Ausdruck verloren, ihr Mund sein anmutiges Lächeln. Jeder, der die Herzogin jetzt zum ersten Male sah, musste sich sagen, diese Frau habe ein schweres Schicksal mit Ergebung getragen und überwunden. Bescheiden jede Rücksichtnahme für sich zurückweisend, wusste sie alle ihre Sorgfalt als auf die Baronin gerichtet darzustellen, und wie bei jeder solchen Täuschung, wie bei jeder solchen heuchlerischen Schaustellung zwang grade die Dreistigkeit derselben diejenige zum Schweigen, welche sich von ihr beleidigt und abgestossen fühlen musste.
Angelika konnte ihren Eltern nicht sagen, dass die Herzogin sie unglücklich gemacht, dass sie ihr ihres Gatten Liebe entzogen, ihre Ehe zerstört, ihren Seelenfrieden vernichtet habe; denn wie bei dem ersten Besuche, welchen Graf Berka und seine Frau der Tochter abgestattet, hatte diese die Ehre ihres Mannes und ihres Hauses vor den Eltern zu vertreten, und es wollte sie bedünken, als sähen ihre Eltern schärfer, als sie wünschte, als wären sie über gewisse Dinge und Verhältnisse besser unterrichtet, als ihr lieb war.
In Erinnerung an die frühere Anwesenheit des gräflichen Ehepaares, bei welcher man das erste Frühstück auf der nach dem Parke gelegenen Terrasse eingenommen hatte, damit die Leute aus den Dörfern die Eltern ihrer herrschaft sehen könnten, hatte man auch jetzt an dem Tage nach der Rückkehr der Baronin, der ein Sonntag war, am Nachmittage den Park geöffnet und ein Vesperbrod im Freien aufgetragen. Ganz wie damals war die Mahlzeit an dem oberen Ende der Terrasse vor dem chinesischen Häuschen hergerichtet. Wie damals standen die Diener in ihrer Gala-Livree bereit, es zu präsentiren; die Baronin ging nur nicht mehr so freundlich plaudernd und so schön an dem arme der Gräfin einher, der Graf und der Freiherr trugen nicht mehr die stattlichen Röcke aus farbigem Sammt, auch sie hatten allmählich die goldbesetzten dreieckigen Hüte und die wohlfrisirten Perrücken abgelegt. Aber die runde, breitkrämpige Kopfbedekkung, die weiten, schmucklosen Tuchröcke, die breitklappigen Westen, die dicken Halstücher machten immer noch einen fremden Eindruck an ihnen, und sie schienen den Degen an ihrer Seite doch immer noch zu vermissen.
Ausgestreckt auf ihrem Ruhebette, in ihren weissen Kleidern, mit dem weissen Schleier über dem blonden Haare, sah die Baronin einer Nonne gleich. Sie war nicht mehr die hohe, gebietende Gestalt, deren Schleppkleid einst so prächtig ihren gemessenen Bewegungen gefolgt war; sie und die Gräfin hatten nicht mehr die kleinen Federhütchen auf, und es war auch Niemand aus den Dörfern gekommen, sich an der Schönheit und Stattlichkeit der Herrschaften zu erfreuen. Die Leute waren nicht begierig, dem Freiherrn unter die Augen zu treten, und noch weniger begierig, ihn zu sehen. Die Gartenarbeiter, welche im Vorübergehen verstohlen nach den Herrschaften hinaufsahen, meinten, dass die Diener sich jetzt besser als die Herren ausnähmen. Die zeiten hatten sich eben geändert, und die Menschen mit ihnen.
Die Gräfin sass mit ihrem Sonnenschirme an der Seite ihrer Tochter und hielt ihr das zu grelle Licht ab; die Herzogin, mit einer Filetarbeit beschäftigt, leistete ihnen Gesellschaft. Den Enkelsohn an der Hand haltend, spazierte der Graf mit seinem Schwiegersohne umher; aber es waren nicht die sie zunächst umgebenden Dinge, nicht die leuchtende Pracht des Abends, nicht die Schönheit des Parkes, welche sie beschäftigten. Der Krieg hatte die Grenzen Frankreichs lange schon überschritten, grosse Ereignisse, grosse Gefahren standen an dem Horizonte, die Welt ging unverkennbar einer Neugestaltung mit raschem Schritte entgegen, und es fragte sich, ob man darauf hoffen dürfe, sich in ihr zu behaupten, wenn man ihr Schranken zu setzen versuchte, oder ob man sich ihr fügen müsse, um nicht in ihr unterzugehen.
Des Grafen und des Freiherrn Meinungen waren sehr verschieden; sie verständigten sich nicht wie sonst, und weil sie entschlossen waren, das kaum hergestellte gute Einvernehmen zwischen sich aufrecht zu erhalten, sprach keiner von ihnen seine letzte überzeugung aus. Man gab von beiden Seiten mit vorsichtiger Zurückhaltung nach, man überwand sich, man schwieg, man beobachtete einander, man suchte zu erraten, was der Andere meinte, sich ihm gefällig zu zeigen, ohne der eigenen Ansicht etwas zu vergeben. Ein solcher Verkehr ist aber eine schwere Arbeit und kein Genuss, und die Männer wendeten sich bald wieder der Gesellschaft der Frauen zu, in welcher die Unterhaltungsgabe der Herzogin die Fremden zu fesseln und von allem Störenden mit kluger Berechnung abzulenken wusste.
Inzwischen sann der Freiherr über die Weise nach, in der er der Flies'schen Familie seine Erkenntlichkeit für die der Baronin geleisteten grossen Dienste bezeigen möchte, und bei dem Wohlstande jenes gastlichen Hauses war das keine leichte Sache