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entsetzlich, sie konnten einander atmen hören. Mit einem Male stand sie auf, sah um sich her und schien etwas zu suchen.

Die Baronin erhob sich ebenfalls; sie erriet, was jene vorhatte, und nahm ihre Hand, um sie zurückzuhalten.

Ich will fort, sagte Seba matt; meines Bleibens ist hier nicht. – Sie ging nach ihrem Hut und Shawl.

Du darfst, Du kannst nicht gehen! versicherte Angelika, die sich selber kaum aufrecht zu erhalten wusste.

sorge nicht, ich habe ertragen gelernt! gab Seba ihr zur Antwort.

Sie setzte achtlos den Hut auf, nahm den Shawl um ihre Schultern und wollte sich entfernen. Da warf Angelika sich vor ihr nieder, und die hände flehend zu ihr erhoben, bat sie: Denke meiner nicht mit Hass!

Deiner? Deiner? Wie könnte ich? versetzte Seba, indem sie Jene in ihre arme schloss, und noch standen sie, ihre heissen Tränen mit einander mischend, Brust an Brust gelehnt, als die Gräfin zu ihnen herantrat.

Seien Sie barmherzig, bat sie, vergeben Sie, und Gott wird auch Ihnen seine Vergebung angedeihen lassen!

Seba schüttelte schweigend das Haupt. Ich habe mich vor mir selbst gedemütigt bis zur Zerknirschung, und mich in mir selbst erhoben, sagte sie; ich habe durch Liebe zu sühnen gesucht, was ich aus blinder leidenschaft gesündigt; ich bedarf keiner anderen Vergebung! Ich habe mir selbst verziehen! – Mag er, wenn er es kann, das Gleiche tun!

Und ohne den Grafen weiter eines Blickes zu würdigen, verliess sie das Zimmer und das Haus.

Sechszehntes Capitel

Es war eine traurige Reise, welche die beiden Frauen zurückzulegen hatten. Graf Gerhard, der, von der Hochzeit eines Cameraden kommend, zufällig mit seiner Mutter in dem Gastofe zusammengetroffen war, hatte die Stadt noch in der nämlichen Stunde verlassen; die Abreise der Frauen hatte wegen der Erschöpfung der Baronin bis zum Nachmittage hinausgeschoben werden müssen.

Die Gräfin war tief erschüttert, Angelika völlig herzzerrissen und fassungslos. Sie hatte der Mutter mit einem Eide geloben müssen, dass kein Wort über diesen furchtbaren Vorgang jemals von ihren Lippen kommen solle, und die Gräfin hatte, von ihrem Sohne ein gewandeltes Leben fordernd, ihm das gleiche unverbrüchliche Schweigen zugesagt. Der Gedanke, dass ihres Sohnes Ehre der Welt gegenüber also nicht angetastet werden würde, das war der Trost, an dem sie sich emporrichtete, wenn das vernichtende Urteil, welches Seba über ihn gesprochen, in seiner unerbittlichen Strenge in dem Herzen der Gräfin nachklang.

Der Caplan, dem es nicht hatte verborgen bleiben können, dass Seba die Baronin nach dem Gastofe begleitet und dass sie dort mit dem Grafen Gerhard zusammengetroffen war, hatte keine Mühe, sich das Geschehene zu deuten, und die Stimmung der beiden Frauen, deren Begleiter er war, zu erklären. Er richtete keine Frage an Angelika, aber er verstand es, wesshalb sie mehr als je zuvor von der sorge um die Erziehung und Charakterbildung ihres Sohnes hingenommen schien, und er suchte sie bei diesen Gedanken festzuhalten.

Da man um der Baronin willen immer erst spät am Morgen aufbrechen konnte, war es schon gegen Abend, als man auf der herrschaft anlangte, und Angelika's Traurigkeit ward mit der Ankunft auf ihrem eigenen Grund und Boden nicht vermindert. Der Anblick des Pfarrhauses, des Amtofes, des frischen Grabes auf dem katolischen Kirchhofe riefen ihr keine tröstlichen Erinnerungen und Vorstellungen in das Gedächtniss. Als sie an der schönen, neuen Kirche vorüberfuhren, wagte sie nicht, die Mutter auf dieselbe aufmerksam zu machen, und die Gräfin äusserte sich nicht darüber.

Es wurde der armen Angelika immer banger um das Herz. Mit Einem Male rief sie: Um Gottes willen, was ist das?

Man sah zum Wagen hinaus; das ganze Gehöft, welches, zwischen Rotenfeld und Richten gelegen, aus zwei kleinen Wohnhäusern und einer Gruppe von Ställen und Scheunen bestanden hatte, war in einen Trümmerhaufen verwandelt. Die nackten Schornsteine sahen gespenstisch und geschwärzt aus dem sie umgebenden Schuttaufen hervor, die dicken, schweren Rauchsäulen qualmten mit ihrem erstickenden Geruche zu dem blauen, leuchtenden Himmel hinauf.

Einer der Wirtschafter, welcher bei dem Auseinanderlegen und Löschen der noch brennenden und schwelenden Balken die Aufsicht führte, kam auf einen Anruf an den Wagen heran. Er meldete, dass das Feuer mitten in der Nacht in beiden Scheunen fast gleichzeitig ausgebrochen und, wie es sich herausgestellt, wahrscheinlich von dem stumpfsinnigen Sohne des Hirten, den man gestern mit einer Prügelstrafe zum Abschiede aus der Haft entlassen hatte, angelegt worden sei. Die Bewohner der beiden Häuser hatten nur ihr Leben retten können; die ganze Heuernte war verbrannt, der Verlust, selbst die Baulichkeiten abgerechnet, sehr empfindlich. Man hatte nun abermals ein neues Verbrechen gegen das Eigentum des Gutsherrn zu bestrafen.

Und ich bin so schwach! seufzte Angelika. Sie fühlte, dass ihr mehr zu tragen auferlegt war, als ihre Kräfte ihr gestatteten.

Man mochte es machen, wie man wollte, die Gräfin erfuhr schon jetzt von den auf den Gütern obwaltenden Verhältnissen mehr, als ihre Tochter wünschte. Sie versuchte Angelika damit zu beruhigen, dass solche Ereignisse ja öfter vorkämen, dass man vor dergleichen Böswilligkeiten nirgends sicher sei, und die Baronin gab sich diesem Troste, so gut sie konnte, hin.

Als man vor dem schloss vorfuhr, waren seine Bewohner heruntergekommen, die heimkehrende Herrin und deren Mutter zu begrüssen; aber man fand sich allseitig nicht wohl aussehen. Der