wenigen ihnen noch gegönnten Augenblicke zu verlieren, vermochte sie endlich Seba dahin, sie zur Gräfin zu begleiten und bis zu ihrer Abreise noch bei ihr zu verweilen. Als man in den Gastof kam, fand man in dem Zimmer der Gräfin den Tisch bereits gedeckt. Der Caplan hatte noch einen Besuch bei dem Propste machen wollen, und sein Kommen wurde erst nach dem Frühstücke erwartet.
Die Gräfin war in ungewöhnlich guter Laune; sie rühmte das Aussehen ihrer Tochter, zeigte sich auch gegen Seba, obschon sie dieselbe nicht erwartet hatte, freundlicher und herzlicher, und erkundigte sich dazwischen doch wieder mit solcher Geflissenheit nach dem Befinden der Baronin, und ob sie sich auch recht frisch, recht kräftig fühle, so dass Angelika endlich die Frage aufwarf, ob sie denn heute etwas Besonderes zu leisten habe, weil die Mutter sich so ängstlich um den Zustand ihrer Kräfte sorge.
Die Gräfin lächelte. Der Zufall hat Dir eine Ueberraschung zugedacht, sagte sie; fühlst Du Dich im stand, sie zu geniessen?
Ach, mein Vater! rief Angelika, indem sie sich erhob.
Nein, nicht der Vater, entgegnete die Gräfin, während auf ein leises, von ihr gegebenes Zeichen die tür des Nebenzimmers sich öffnete und in aller seiner stolzen Schönheit Graf Gerhard in das Zimmer trat.
Mit einem Ausrufe der Freude warf die Baronin sich ihm an die Brust; aber fast in demselben Augenblicke wendete sie sich um, und ihrer Bewegung folgend, sah der Graf jetzt plötzlich Seba vor sich stehen.
Bleich wie der Tod und keines Wortes mächtig, trat er zurück. Seba hatte die Ecke des Marmortisches erfasst, an dem sie stand; sie musste sich halten, um nicht umzufallen. Die Baronin war auf den nächsten Stuhl gesunken, die Gräfin stand mitten in dem Gemache und sah, ohne den Vorgang zu begreifen, mit Schrekken auf ihre Kinder, und um sich her.
Was ist das? Redet, redet! Was bedeutet das? rief sie, während sie sich zur Tochter wendete.
Frage nicht, o, frage nicht! rief diese. Indessen die Lebhaftigkeit der Mutter überhörte es, und sich gebieterisch zu ihrem Sohne wendend, sprach sie: Kennst Du dieses Mädchen? Rede, rede, Gerhard! Was ist Dir dieses Mädchen?
Aber kein Ton von des Grafen Lippen gab ihr Antwort. Wie von einem Banne befangen, hingen seine Augen an Seba's starrem, bleichem Antlitze, an ihrem zuckenden mund. Er hätte fliehen mögen, aber er konnte die Stelle nicht verlassen; er hätte sprechen mögen, aber Seba's brennendes Auge schloss ihm den Mund und noch immer wartete die Gräfin auf eine Antwort.
Da richtete Seba sich empor wie Einer, der mit Aufbietung aller seiner Kraft gewaltsam seine Fesseln sprengt, und schön wie eine Judit in ihrem wilden Zorn, flammend in ihrem Rachegefühl, rief sie: Was ich ihm war? – Sie lachte, dass es den Andern Mark und Bein durchschauerte – was ich ihm war? – Ein Zeitvertreib für eine müssige Stunde, ein billiger Triumph noch im Moment des Scheidens, weiter nichts, weiter nichts! – Gewettet hatte er beim Wein in seiner Cameraden lustiger Gesellschaft, dass er mich besitzen würde, und – hier vor seiner Mutter, hier vor seiner Schwester, vor Dir, Angelika, will ich es bekennen – meine Liebe hat ihm das Gewinnen leicht gemacht, denn .... sie hielt inne, der Atem versagte ihr, die verhaltenen Tränen drohten sie zu ersticken, und plötzlich in ein Weinen ausbrechend, das aus den Tiefen ihres gequälten Herzens kam, fügte sie hinzu – denn ich habe den Elenden geliebt mit aller Inbrunst eines reinen Herzens, mehr als mich selbst, mehr als Vater und Mutter, mehr als Alles auf der Welt!
Sie hatte ihre Kraft erschöpft, sie musste sich niedersetzen, und den Kopf auf ihre arme legend, die sie auf dem Tische ausgebreitet, weinte sie mit verborgenem gesicht.
Auch die Gräfin hatte sich setzen müssen; nur Gerhard stand wie ein Gerichteter zwischen den drei Frauen da. Plötzlich erhob sich die Baronin, ging mit raschem Schritte zu ihrem Bruder, und seine Hand ergreifend, während sie ihn zu Seba hinzuziehen suchte, rief sie: O, vergüte! Vergüte, mein Bruder! Sühne, was Du an ihrem edlen Herzen gesündigt hast! Lass sie die Deinige werden, sie, die ich wie eine Schwester liebe!
Aber der Graf wehrte seiner Schwester, und fast tonlos, so dass nur das Schweigen der Frauen seine Worte hörbar machte, sprach er: Und wenn ich es wollte – es kann nicht sein!
Da hob Seba den Kopf in die Höhe, und ihn mit kaltem Auge messend, sagte sie, während, den Andern zum Erstaunen, ihren Zügen und ihrer stimme die Ruhe wiederkehrte: Und wenn Du es wolltest und wenn Du es dürftest – Du vermöchtest es nicht! Denn wie könntest Du mir die vertrauensvolle Liebe wiedergeben, die ich einst für Dich gehegt habe? Wie könnten Dein Rang und Dein Name mich damit versöhnen, Dein Weib, das Weib – eines Ehrlosen zu werden, den ich verachte, wie ich ihn einst geliebt!
Seba! flehte Angelika, flehte die Gräfin.
Halte ein! rief der Graf, indem er zusammenbrechend sich zu den Füssen seiner Mutter warf, die sich unwillkürlich von ihm wendete.
Seba regte sich nicht. Mit eisigem Blicke sah sie auf den Grafen hin, die Stille war