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nach ihrer Ankunft einer Erschütterung durch irgend eine zufällige Mitteilung derselben aussetzen, und wenn man, worauf es dem Freiherrn besonders ankam, den gräflichen Eltern die Kenntniss gewisser Verhältnisse entziehen wollte.

Alles, was sie hören und erfahren musste, steigerte mit den Sorgen der Baronin ihr Verlangen, bald wieder in ihrer Heimat zu sein. Sie hoffte ausgleichen, vermitteln zu können; die Aufregung, in welcher sie sich befand, täuschte sie über das Mass ihrer Kräfte. Sie entwarf Plane für eine völlig neue Lebensführung, sie traute es sich zu, ihren Gatten allmählich zu einer solchen überreden zu können, sie wünschte vor allen Dingen die Entfernung des Pfarrers zu verhüten, und wie sie noch vor wenig Tagen die Ankunft ihrer Mutter ersehnt hatte, so wünschte sie jetzt, grade wie bei dem ersten Besuche, welchen ihre Eltern ihr in Richten gemacht, dass die Anwesenheit derselben erst vorüber und sie in der Lage sein möchte, die von ihr jetzt für unerlässlich gehaltene Einwirkung auf ihren Gatten zu versuchen.

Die Gräfin bemerkte es, dass Angelika zerstreut war, wollte den Grund davon entdecken und zeigte sich unzufrieden, als ihr dieses nicht gelang. Die beiden Frauen, wie sehr sie einander auch liebten, kamen sich nicht von Herzen nahe, sie hatten an einander vielerlei zu schonen, und Angelika sprach es gegen den Caplan noch an demselben Abende aus, wie sie fühle, dass eine Frau, selbst wenn ihre Ehe dem Ideale einer solchen nicht entspräche, ihre Heimat doch ausschliesslich in dem haus ihres Gatten, in der mit ihm begründeten Familie habe, und dass es sicherlich nicht leicht für sie sein werde, die Ansprüche ihrer angebornen Verwandten zu befriedigen, den alten Pflichten zu genügen, ohne die neuen zu beeinträchtigen.

Der Caplan gab ihr dies zu. Er sah, dass er von dem Einflusse der Berka'schen Familie nichts mehr zu befürchten habe, und er war es also, der die Baronin abermals ermahnte, sich ihrer Mutter so weit als möglich fügsam zu beweisen, der die Gräfin ersuchte, sich die Freundschaft, welche die Baronin für die Tochter ihrer Wirte hege, ohne Einspruch gefallen zu lassen. – Es handelt sich um wenig Stunden, gnädige Gräfin, sagte er, um etwas gefälligkeit gegen die schwärmerische Empfindungsweise der Frau Baronin, und es ist schön, wenn die Jugend ihre Gefühle für dauernd, für unendlich hält!

So ging der letzte Tag vorüber, den Angelika im Flies'schen haus zu erleben hatte. Es gab vielerlei zu tun; die schöne Zierlichkeit, welche Seba in den von der Baronin bewohnten Zimmern zu erhalten gewusst, selbst während die Krankenpflege dem Hindernisse in den Weg gestellt, musste jetzt allmählich zerstört werden. Die Gräfin war beständig an der Seite ihrer Tochter, Mamsell Marianne und der Kammerdiener der Gräfin liessen die Koffer auf den im hof stehenden Reisewagen schnallen, die Baronin hielt sich ruhig auf ihrem Sessel. Sie schien jetzt mehr als während ihrer ganzen Krankheit darauf bedacht, sich zu schonen und ihre Kräfte zusammen zu halten. Nur ihre Blicke wanderten umher; sie suchten Seba und folgten ihr, und einmal, als die Baronin sich erhoben hatte und die Freundinnen sich in dem Nebenzimmer zufällig allein befanden, schlang die Baronin ihre beiden arme um Seba's Hals, und sie an sich drückend, sagte sie: Lass uns einander nicht verloren gehen, glaube an mich, wie ich an Dich, und lass mich hoffenlass mich hoffen, dass wir uns einst so wie in Liebe auch im Glauben noch zusammenfinden! O, dass Du es kenntest, das selige Gefühl, sich durch die Gnade eines Mittlers dem Trone des Höchsten zu nähern, und all seine Sünden, all seine Leiden und Schmerzen durch das Vertrauen auf den himmlischen Erlöser von sich genommen zu fühlen! Denke an mich, so oft Du betest, Seba, und so oft ich mich in Demut vor dem Heilande beuge, soll Dein Name auf meinen Lippen sein, und ich will beten, zu ihm beten, dass er Dich zu sich rufe und dass wir einst zusammen auf unseren Knieen unsere Herzen zu ihm erheben!

Sie sah schön und verklärt aus, als sie also sprach. Seba betrachtete sie mit Rührung. Du bist sehr gut, meinst es sehr gut mit mir, Angelika, sagte sie, indem sie ihre hände gefasst hielt und ihr tief ins Auge blickte, und ich werde Dich nie vergessen! Denn Du hast mir mehr gegeben, bist mir mehr geworden, als Du ahnen kannst! Lass Dir das genügen; lass es Dir genügen und liebe mich immer, immer! Was auch kommen möge, liebe mich!

Sie ging von dannen; die Baronin schaute ihr gedankenvoll nach, dann knieete sie nieder, nahm das Crucifix Amanda's, welches sie immer am Halse trug, in ihre hände und betete lange und still. Sie nahm Abschied von diesen Räumen und flehte Gottes Segen auf das gastliche Haus ihrer Freunde, auf das ungläubige und der Erleuchtung und des Trostes so bedürftige Herz ihrer Freundin herab.

Am folgenden Morgen um elf Uhr, so hatte man es verabredet, sollte die Baronin in dem Reisewagen nach dem Gastofe fahren, in welchem die Gräfin abgestiegen war, mit dieser noch ein Frühstück einnehmen und dann für die erste, absichtlich sehr kurz bestimmte Tagereise aufbrechen. Von den Segenswünschen ihrer Gastfreunde begleitet, wollte die Baronin das Haus verlassen, aber die Trennung von Seba fiel ihr gar zu schwer, und voll Verlangen, keinen der