Jahre und die natürlichen Verhältnisse sie an eine Selbstbestimmung gewöhnt, in welcher sie sich durch die Gräfin in jedem Augenblicke beschränkt fand. Weil sie mit ihrer Mutter, seit sie ihr Vaterhaus verlassen, nur einmal und wenige Tage beisammen gewesen war, und weil diesem flüchtigen Beisammensein eine durch lange Jahre fortgesetzte Trennung gefolgt war, hatte sich Angelika's Bild in dem Herzen ihrer Mutter nur in ihrer mädchenhaften Gestalt, nur in dem töchterlichen Verhältnisse erhalten, und mit der Tochter wieder vereint, hatte die Gräfin, da ohnehin die Krankheit Angelika's dazu verlockte, sich der Bestimmung über sie, wie eines ihr unter allen Umständen gebührenden Rechtes bemächtigt. Wer aber einmal der Zucht und Leitung entwachsen ist, fühlt sich von ihr beengt, und am schwersten, wenn sie sich auf Kleinigkeiten und auf die freie Bewegung innerhalb gleichgültiger Dinge erstreckt. Es ängstigte Angelika, wenn die Mutter ihr Dieses riet und Jenes gebot, sie Dieses tun und Jenes lassen hiess, während sie wahrscheinlich aus freiem Antriebe das Gleiche getan haben würde. Sie fand sich zu einem Widerspruche geneigt, den sie sich zum Vorwurf machte, und zwang sich zu einer Fügsamkeit, die ihr schwer fiel, weil sie sich sagte, dass ohnehin eine Trennung zwischen ihr und ihrer Mutter obwalte, über die kein guter Wille ihnen hinweghelfen könne und die schmerzlich anzudeuten die Gräfin nicht unterlassen hatte.
Angelika hatte es deutlich gesehen, dass ihre Mutter sich verletzt gefühlt, als jene sie gebeten, erst um elf Uhr zu ihr zu kommen, da sie die Gewohnheit und das Bedürfniss habe, die Stunde von zehn bis elf Uhr mit dem Caplan zuzubringen, und eben so hatte die Gräfin es nicht zurückhalten können, dass ihre Tochter in dem Ausdrucke ihrer Dankbarkeit und Freundschaft gegen die Flies'sche Familie ihr zu weit zu gehen scheine. Das Alles hatte Angelika verstimmt, und auch über Seba beschwerte sie sich endlich.
Der Caplan hatte ihr ruhig zugehört. Als sie ihre Mitteilungen abbrach, sagte er: erkennen Sie in dieser neuen Erfahrung, meine teure gnädige Frau, wie häufig der Mensch in seinem Wünschen irrt, wie wenig es seinen Erwartungen entspricht und seinem Glücke dient, wenn die ersehnte Erfüllung ihm gewährt wird. Ich fürchtete es, dass jene ausschliessliche Mutterliebe, die ihr Kind allein besitzen, die es selbst mit seinem Gotte nicht teilen mag, Sie beunruhigen würde, und es ist gekommen, wie ich es voraussah. Nehmen Sie diese Erfahrung als eine erkenntnis hin, die der Himmel Ihnen darbietet, und fügen Sie sich der Frau Gräfin in dem Gleichgültigen, in dem Unwesentlichen, um desto fester Ihre selbsterworbene und selbständig betätigte religiöse überzeugung zu behaupten. Verbergen Sie sich vor der Frau Gräfin weder mit Ihren abweichenden Meinungen, noch mit jenen religiösen Uebungen, welche unsere Kirche uns auferlegt, und auch in Bezug auf Ihre Freundin tun Sie Ihrem Empfinden keinen Zwang an. Die Dankbarkeit ist eine heilige Pflicht, aber eine noch erhabenere Aufgabe ist es, dem Irrenden die Hand zu reichen und dem Menschen, dessen Auge verdunkelt ist, dass er sich selber nicht zu erkennen vermag, ein Führer und eine Stütze zu sein. Ich billige und lobe es, dass Sie sich Seba in Ihrer Weise näherten, dass Sie sie an sich zogen und ihr Vertrauen zeigten, um Vertrauen zu gewinnen; nur vergessen dürfen Sie es nicht, dass dieses reichbegabte Mädchen von Jugend auf sich selber überlassen war, dass ihr der geistige, der göttliche Anhalt fehlte, dessen wir uns rühmen und getrösten, und dass sie also leichter als viele Andere vom rechten Pfade sich verirren konnte.
Eine dunkle Röte, ein Erschrecken flogen über die Baronin hin. Halten Sie es für möglich ....! rief sie und wagte nicht, dem Gedanken Worte zu geben, den der Geistliche in ihr erweckt.
Er zuckte die Schultern. Wir sind Alle fehlbar! sagte er mild. Ihre Freundin Seba ist zu grosser Liebe, zu grosser Hingebung geneigt, und unsere jungen Edelleute – einen jungen Cavalier bezeichneten Sie mir ja aber als den Gegenstand von Seba's Neigung – unserer jungen Edelleute Sitten sind nicht streng. Wer kann es wissen, ob es dem armen Mädchen nicht unmöglich ist, Ihr Vertrauen zu erwiedern, ob es sich nicht verbirgt, aus Furcht, Ihrer Liebe verlustig zu gehen? Haben Sie Geduld mit ihr und weisen Sie sie um ihres Schweigens willen nicht zurück.
Die Baronin hatte die hände unwillkürlich gefaltet. Sie konnte sich in die Anschauung des Geistlichen nicht gleich finden, denn sie hatte Seba immer weit über sich gestellt, hatte in ihr das Urbild weiblicher Herzensreinheit geliebt und verehrt, und sollte sie jetzt plötzlich schuldig, sollte sie sich in einem sträflichen Zusammenhange mit ihrem Bruder denken. Sie wollte diese Vorstellung von sich weisen, den Caplan eines unbegründeten Verdachtes zeihen, aber es stimmte so Vieles zusammen, es erklärten sich mit dieser Voraussetzung für die Baronin plötzlich einzelne auffallende Erlebnisse, die sie mit Seba gehabt hatte, sie konnte den in ihr erweckten Zweifel an der Unschuld ihrer Freundin nicht mehr unterdrücken. Weit entfernt jedoch, sich dadurch von ihr losgetrennt zu fühlen, stieg ein sie überwältigendes Mitleid für Seba in ihr empor und erhöhte und erhob die Liebe, welche sie bisher für sie gehegt hatte.
Der Caplan störte sie in diesem Empfinden nicht. Er hatte ohnehin ihre Achtsamkeit auf andere Vorgänge zu lenken, denn man durfte der Baronin die Nachricht von den in Richten geschehenen Ereignissen nicht länger vorentalten, wenn man sie nicht gleich