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zu beruhigen, als sie es erfuhr. Die Baronin behielt sie bei sich, nahm augenblicklich ihre Dienste an, um ihr durch die Gewissheit, dass sie ihrer Herrin notwendig sei, die Trennung von der alten und den Uebergang in die neue Heimat zu ersetzen. Marianne tat ihr Bestes, aber für sie war der Abstand, welcher die Nichte ihres fräulein Ester, die Freifrau von Arten-Richten von den Personen trennte, in deren haus sie ihre Frau Baronin zufällig antraf, ein gar zu grosser. Sie konnte sich nicht darin finden, die gnädige Frau ohne ihre Dienerschaft zu sehen, es kränkte sie, wenn nicht ein Kammerdiener, sondern Seba der Baronin den Tisch bereitete und die speisen zutrug, und es beleidigte alle ihre Vorstellungen, wenn Angelika, was sie jetzt immer tat, die Freundin Du hiess und ihr mit Schmeichelnamen und mit den freundlichsten Worten für ihre Dienste dankte. Unter dem Vorwande, ihr die Mühe abzunehmen, strebte Marianne danach, Seba von diesem Tun zurückzuhalten, und die Baronin selbst ersuchte die Freundin aus Rücksicht für Marianne, die alte Dienerin walten zu lassen. Seba erkannte und ehrte die Beweggründe Angelika's, aber mit den feinen Sinnen eines zärtlichen Herzens empfand sie, wie mit dem Hinzukommen von Mamsell Marianne eine fremde Welt zwischen sie und Angelika getreten sei. Sie musste eine stumme Zuhörerin machen, wenn Marianne von den zahlreichen Verwandten und Bekannten der Häuser von Arten und von Berka erzählte, die in der Residenz ansässig waren, wenn sie von der herrschaft sprach, die zu ihres Fräuleins zeiten in das Haus gekommen oder die Gäste der Baronin gewesen waren, als diese die Residenz bewohnte. Sogar die feierlich unterwürfige Art, in der sie zu der Baronin redete und mit der sie sie bediente, fiel Seba auf, und während sie sich bis dahin des Gedankens erfreut hatte, dass Angelika es in ihrem haus und in ihrer Pflege so gut als möglich gehabt habe, fing es sie zu beunruhigen an, dass sie doch mancherlei entbehrt haben könne, und das tat ihr wehe. Sie kam sich arm vor, weil sie fürchtete, dass sie nicht Alles zu schaffen und zu gewähren vermocht habe, was lange Gewohnheit ihrer Freundin zu einem, von der weniger Verwöhnten nicht gekannten und also auch nicht vorausgesehenen Bedürfniss gemacht. Der Dank Angelika's, den sie bis dahin mit gutem Glauben aufgenommen hatte, begann sie zu ängstigen, aber die Baronin, die sonst mit höchstem Verständniss jeder Regung in dem Herzen der Freundin zu folgen pflegte, hatte jetzt keinen anderen Gedanken, als den an ihre Mutter.

Es war schon spät am Abend, als die Gräfin Berka, an dem festgesetzten Tage, vor dem Flies'schen haus vorfuhr. Man hatte Angelika willfahren und ihr das Wiedersehen der Mutter gleich nach deren Ankunft gestatten müssen, um der sie aufregenden Spannung und Erwartung ein Ende zu machen. Seba hatte die Gräfin zu ihrer Tochter hinaufbegleitet, sie hatte gesehen, wie sie einander in die arme gesunken waren; dann hatte sie sich entfernt. Mehr als eine Stunde war vergangen, ehe die Baronin durch Mamsell Marianne den Caplan zu sich bescheiden und dann auch Seba und ihre Eltern bitten liess, sich zu ihr zu bemühen.

Die Gräfin kannte Herrn Flies und seine Frau. Sie hatte manche Bestellung, manchen Einkauf bei ihnen gemacht und sie immer für rechtschaffene Leute gehalten. Sie erinnerte sich, dass Graf Gerhard einmal in ihrem haus gewohnt habe, und wusste es ihnen recht sehr Dank, dass sie sich der Baronin so eifrig angenommen. Aber es dünkte ihr so natürlich, dass eine Familie wie die Flies'sche sich eine Pflicht und eine Ehre daraus machte, der Baronin von Arten beizustehen, sie fand es so selbstverständlich, dass Seba sich glücklich fühlen müssen, ihrer Tochter, ihrer Angelika, helfen und dienen zu dürfen; und es waren nicht Seba's Hingebung und Liebe, die sie schätzte und anerkannte, sondern der richtige Tact, mit welchem diese sich zurückzog, seit die Gräfin ihre Stelle neben der Tochter wieder einnahm.

Angelika war wie von einem Zauber befangen und gelähmt. Sie fühlte es, wie die herablassende Freundlichkeit ihrer Mutter ihre Gastfreunde und vor Allen Seba kränken musste, sie hörte so gut wie diese das Abfindende und Verabschiedende in dem Dankesworte der Gräfin; aber sie mochte die Mutter nicht tadeln, von der sie so lange getrennt gewesen war, sie wagte nicht, ihr in diesen ersten Stunden des Beisammenseins es zu erklären, welch lebhafte Neigung, welche Freundschaft sie für Seba fühlte, und Seba's Verschlossenheit hatte sie in ihrem eigenen Empfinden irre gemacht.

Fünfzehntes Capitel

Die Nacht verging der Baronin nicht gut. Die Freude hatte sie zu sehr aufgeregt, die Erinnerungen langer Jahre hatten sie zu mächtig bestürmt, die Nähe ihrer Mutter hatte ihr nach dem ersten Aufwallen der Freude und der Rührung es fühlbar gemacht, welche Wandlungen in und mit ihr vorgegangen waren, und was der Freiherr durch rasches Nachdenken in sich zum Bewusstsein gebracht hatte, jene Einsicht, dass lange Trennungen eine Rückkehr in die früheren Verhältnisse unmöglich machen, das bewies sich für die Baronin durch das Zusammensein mit ihrer Mutter.

Der Caplan fand sie, als er am Morgen zu ihr kam, in einer Niedergeschlagenheit, die sehr gegen die freudige Erwartung der vergangenen Tage abstach, und ohne dass er sie darum zu befragen brauchte, schilderte sie ihm den Kampf in ihrem Herzen. Trotz der herrschaft, welche ihr Gatte über sie ausgeübt, hatten die