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Aber weit mehr als die kleine Verstimmung, welche die Freundinnen gegen einander augenblicklich hegten, seinen Absichten entsprach, war die Versöhnung mit ihrer Familie ihm für Angelika bedenklich, und er fragte sich, ob in diesem Falle es nicht geboten sei, die Freundschaft und den Zusammenhang seines Beichtkindes mit Seba zu begünstigen, um in dieser ein Gegengewicht gegen den Einfluss zu gewinnen, den der erneute Verkehr mit ihrer Familie auf die Baronin auszuüben nicht verfehlen konnte. Er hielt es für wahrscheinlich, dass die Gräfin Berka die liebevolle Hingebung der Baronin an die Tochter ihres Juweliers sehr auffallend finden und nicht billigen würde; er sah es voraus, dass bei dem Grade von Selbstständigkeit, den die Baronin eben jetzt gewonnen hatte, ein Widerspruch ihrer Familie sie nur fester an Seba binden müsse, und er hielt es für gut und heilsam, wenn sich gleich Anfangs irgend ein trennendes Element zwischen sein Beichtkind und dessen protestantische Angehörige stellte, wenn dem Herzen der Baronin auch von dieser Seite kein volles Genügen geboten, wenn ihr vielmehr Hindernisse und Beunruhigungen in den Weg gestellt wurden, welche zu beseitigen, zu beschwichtigen und tragen zu helfen, sie ihres religiösen Glaubens und seines Beistandes nötig haben musste.

Da der Freiherr es von dem Ermessen des Caplans und von den Wünschen der Baronin abhängig gemacht hatte, in welcher Weise das Wiedersehen mit ihren Eltern ausgeführt werden sollte, erklärte Angelika sich sofort bereit, auf den Vorschlag ihrer Mutter einzugehen, die sich erboten hatte, die Tochter holen zu kommen und sie selber nach Richten zu geleiten, wo der Vater sie erwarten und wohin die übrigen Familienmitglieder sich erst begeben sollten, wenn das Befinden der Baronin ohne Nachteil den Verkehr mit einem grösseren Menschenkreise zulassen würde.

Ein reitender Bote des Grafen hatte die Anfrage und das Anerbieten der Gräfin überbracht und sollte den Bescheid der Tochter mit zurück nach Berka nehmen. Der Graf hatte ihm einen zweiten Boten nachgesandt, der die Wiederkehr des ersten auf halbem Wege erwarten sollte, um dann mit dem Relaispferde den ersehnten Brief der Tochter so schnell als möglich in die hände der Eltern zu bringen. Am Abende des nächsten Tages konnte er in Berka, am Morgen des fünften Tages konnte die Gräfin in den Armen ihrer Tochter sein.

Die erste Freude kennt nicht Raum, nicht Zeit; sie überflügelt beide, um dann in sehnsüchtiger Ermüdung das unerbittlich gleichmässige Fortschreiten der Secunden desto schwerer zu empfinden. Sie kennt Nichts, als ihr Ziel, und vergisst mit erbarmungsloser Gleichgültigkeit, was hinter ihr liegt, was sie noch von ihrem Ziele trennt und was sie opfern muss, es zu erreichen. Nur Ein Gedanke, nur Eine Empfindung waren in der Baronin mächtig: das Glück über die ihr bevorstehende Vereinigung mit ihren Eltern und Geschwistern.

Dass sie sich von ihren Pflegern trennen, dass sie Seba verlassen musste, schien ihr völlig zu entfallen; sie schien sich nicht zu erinnern, wie ihr vor dem Abschiede gebangt, wie sie noch vor wenig Stunden alle ihre Hoffnung darauf gerichtet hatte, sich den Zusammenhang mit der Freundin zu erhalten, vor der kein geheimnis zu haben ihr eine Herzensbefriedigung gewesen war. Selbst der Zurückweisung, die sie erfahren, gedachte sie in diesem Augenblicke nicht, und Seba liebte sie zu sehr, um sie an sich zu mahnen und die Freude der Baronin durch ein Zeichen ihres eigenen Schmerzes beeinträchtigen zu mögen.

Angelika hatte beabsichtigt, in ihren Zimmern Nichts rühren und Nichts einpacken zu lassen, bis Marianne dies tun könnte; jetzt liess die Ungeduld sie nicht rasten. Sie hatte ihren Eltern selbst geschrieben und den Caplan beauftragt, den Freiherrn, mit genauer Angabe der getroffenen Verabredungen, von ihrem Entschlusse in Kenntniss zu setzen. Mit dem Kalender in der Hand hatte sie die Tage gezählt, welche bis zu ihrer Ankunft in Richten noch verfliessen mussten. Man hatte die Nachtquartiere ausgewählt und die Massregeln so getroffen, dass mit der Estafette, die man dem Freiherrn sandte, auch die Benachrichtigungen an die verschiedenen Gastausbesitzer mitbefördert wurden, und kaum waren diese Geschäfte abgetan, so verlangte die Baronin, selbst Hand an das Einpacken wenigstens der kleinen Gerätschaften zu legen, deren sie sich zu bedienen pflegte.

Da sie zu schwach war, sich längere Zeit stehend zu erhalten und in den Stuben umher zu gehen, trug Seba ihr die Schatullen und Kästchen zu, holte die verschiedenen Gegenstände, welche Angelika nicht mehr nötig zu haben glaubte, herbei, und die Baronin bat und forderte, bestimmte und begehrte, wickelte ein und packte und war so von ihrer Arbeit hingenommen, dass sie es gar nicht bemerkte, wie Seba still geworden war und welche Traurigkeit sich über sie gelagert hatte.

Auf den Wunsch der Baronin musste der Caplan hinuntergehen, um Herrn Flies und seine Frau von dem Geschehenen in Kenntniss zu setzen. Sie kamen beide herauf, es wurde Alles noch einmal besprochen; das sichtliche Bedauern ihrer Wirte, sie bald scheiden zu sehen, rührte die Baronin und erweckte ihre ganze Dankbarkeit. Sie war gut und herzlich gegen Seba's Eltern, sie sprach auch dieser zu, aber es war etwas Rasches, Flüchtiges in ihrer Weise, es war der Ton nicht mehr, den Seba kannte, der aus dem tiefsten Herzen kam, und mit aufsteigendem Zweifel fragte sie sich: Hätte ich auch sie vergebens geliebt?

Am anderen Tage kam Mamsell Marianne. Man hatte sie zu der Baronin beschieden, ohne sie von dem geschehenen Verkaufe des Hauses, in welchem sie ihr ganzes Leben zugebracht, in Kenntniss zu setzen, und es kostete Mühe, sie