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ich fürchte, ich werde daran sterben, dass ich mein ungenügsam Herz und meine Pflicht nicht mit einander zu vereinen, dass ich mir nicht genügen zu lassen wusste.

Seba hätte ihr Mut einsprechen mögen, aber sie vermochte es nicht. Eine Traurigkeit wie diese schien ihr über den Trost erhaben zu sein, und die Baronin hatte es auf einen solchen auch nicht abgesehen, denn sie ergriff Seba's Hand, schloss sie in die ihrige und sagte: Ich wollte Dir das gern sagen, liebe Seba, damit Du siehst, wie sehr ich Dir vertraue, wie ich Dich liebe und kein geheimnis vor Dir haben will! Aberund sie schlang ihren Arm mit mädchenhafter Zärtlichkeit um Seba's Nackenauch von Dir, Liebe, weiss ich mehr, als Du mir anvertraut hast, und auch das wollte ich Dir eigentlich sagen, ehe Marianne morgen kommt und ehe wir von einander gehen!

Seba bog sich zurück, dass sie sich von dem arme Angelika's freimachte, sah sie mit starrem Auge an und sprach kalt und tonlos: Sie wissen Nichts!

Doch, Liebe, ich weiss! sagte jene, die nicht fassen konnte, was mit Seba vorging.

Aber diese ergriff die Hand der erschreckten Frau, und sie eben so schnell, als sie dieselbe erfasst hatte, wieder von sich stossend, rief sie hart und fest: So vergessen Sie, was Sie wissen!

Die Baronin verstummte; Seba sah finster brütend vor sich nieder. Sie hatte es wohl vernommen, wie Angelika ihr unaufgefordert zum ersten Male das schwesterliche Du gegönnt; sie hatte sich dessen gefreut, sie war gerührt worden von der Hingebung, mit welcher ihr die Baronin ihr Vertrauen gewährt hatte, um das ihrige zu erhalten. Nie hatte ihr Herz sich mehr befriedigt, nie hatte sie sich glücklicher, als in der Liebe dieser Frau gefühlt, und eben durch das flüchtige Glück heraufbeschworen, trat das Schrecken ihrer Vergangenheit plötzlich wieder dämonisch vor sie hin. Sie kämpfte einen bittern, schweren Kampf. Das menschlich berechtigte Verlangen, einmal in ihrem Leben ihr Herz zu entlasten, die Scheu es auszusprechen, was sie erlitten und gefehlt hatten, und vor Allem die sorge, der kranken Angelika ein Mitwissen und einen Schmerz aufzuladen, welche für sie, für Gerhard's Schwester, schwerer als für jeden Andern zu tragen sein mussten, stritten in Seba's Inneren mit wechselnder Gewalt, aber die Liebe für Angelika trug über jedes selbstsüchtige Verlangen den Sieg davon, und matt und wie erschöpft von ihrem stillen Ringen und Selbstüberwinden, sagte sie: Die Stunde ist nun da, vor der mir oft gebangt hat und in der ich auf Deine Liebe verzichten oder fordern muss, was nur grosse Liebe gewähren kann! Glaube, dass ich nicht unwert bin der Liebe und des Vertrauens, deren Du mich würdigst; glaube, dass sie mein Glück, mein höchstes Gut sindaber frage mich Nichts!

In ernstem Schweigen blieb sie an der Seite der Baronin sitzen. Angelika war auf einen solchen Ausgang nicht gefasst gewesen. In ihr Mitleid mit der Freundin mischte sich ein Gefühl der Kränkung. Sie war es nicht gewohnt, sich zurückgewiesen zu sehen, und was konnte, was musste zwischen ihrem Bruder und Seba vorgegangen sein, dass diese vor der Erinnerung mit so kranker Scheu zurückwich? Sie mochte die Gedanken nicht verfolgen, welche sich ihr aufdrängten, und beiden Frauen kam das Dazwischentreten des Caplans gelegen, der, eben heimgekehrt, gleichzeitig mit den brieflichen Nachrichten des Freiherrn auch ein Schreiben der Gräfin Berka erhalten und diese nun beide der Baronin zugänglich zu machen hatte.

Angelika war sehr ergriffen, als sie zum ersten Male wieder ein direktes Lebens- und Liebeszeichen der Ihrigen erhielt. Und ich sollte meine Leiden nicht segnen, ich sollte nicht erkennen, dass die Vorsehung ihre wundersamen Wege hat und dass sie uns für unsere Schmerzen himmlische Belohnungen zu bereiten weiss! rief sie, während ihre bebenden hände die Briefe ihrer Eltern an ihre Lippen drückten und ihre Augen in Freudentränen glänzten. Ja, gewiss, es gibt wunderbare Ausgleichungen und Herzenstrost, wenn man desselben eben nötig hat! –

Sie mochte kaum bedenken, wie wehe sie Seba mit diesen Worten tat, denn die ganze Rücksichtslosigkeit des Glückes war über sie gekommen; aber der Caplan sah die Niedergeschlagenheit in des Mädchens Mienen, und es entging ihm eben so wenig, dass die Baronin den Ausdruck ihrer Freude nicht so ausschliesslich wie sonst an ihre Freundin richtete. Es musste etwas zwischen ihnen vorgefallen sein, es musste sich ein Zwiespalt zwischen ihnen aufgetan haben, und dem Geistlichen kam dies nicht unerwünscht; denn die Gesellschaft eines Freidenkenden, eines Zweiflers hat, selbst wenn er seine Meinungsäusserung zurückhält, immer ihre Gefahren für die Ruhe eines Herzens, das man in den Banden des zweifellosen Glaubens und in den geistigen Schranken festzuhalten wünscht, in welche der kirchliche Zwang die Seelen bannen muss, um seine Gewalt über sie nicht zu verlieren; und ohne den Anschein der Neugier auf sich zu laden, hatte der Caplan dennoch in den verschiedenen Unterhaltungen mit Madame Flies und mit der Kriegsrätin den Namen des Mannes erfahren, welchen Seba geliebt hatte. Er war, wie Seba's Wesen sich ihm kund gab, für sein teil überzeugt, dass sie dem Grafen näher gestanden, als ihre Eltern und ihre Freunde wussten, dass sie ihre Unschuld an ihn verloren habe und dass eine Festigkeit und Abgeschlossenheit wie die ihrige nicht aus einem jungfräulich unentweihten Herzen erwachsen konnten.