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, Eva konnte es kaum erwarten, sich und Herbert und den Bruder von jedem Zusammenhange mit den Herrschaften frei zu sehen; der Justitiarius seinerseits fand sich durch das persönliche Einschreiten des Freiherrn in seiner Amtswürde beeinträchtigt, und in der Pfarre war man eigentlich am niedergeschlagensten, denn nicht allein für sich, nein, für die ganze Gemeinde fürchtete man dort das Aeusserste.

Vierzehntes Capitel

Während dessen lebte die Baronin stille friedliche Tage in Gesellschaft ihrer Freundin und ihres geistlichen Beraters. Man hatte ihr im Garten unter den grossen Bäumen ein leichtes Zeltdach aufschlagen lassen, in welchem sie vom Morgen bis zum Abend weilte. Die Nähe der bevorstehenden Trennung machte die Freundinnen nur des Glückes bewusster, welches sie jetzt genossen, und doch meinte Seba zu fühlen, dass Angelika sie in einer ihr sonst nicht eigentümlichen Weise beobachte, dass sie ihr etwas sagen wolle, etwas auf dem Herzen habe, und es fiel ihr auf, dass sie, seit der Caplan im haus war, das Gespräch so häufig auf religiöse fragen und Gegenstände richtete, die sie sonst geflissentlich vermieden hatte. Auch von ihren Familienverhältnissen sprach sie jetzt noch öfter und noch rückhaltloser, als sei ihr daran gelegen, der Freundin ein Zeichen ihres Vertrauens zu geben, und es wollte Seba überhaupt bedünken, als suche die Baronin jetzt geflissentlich ihr nahe und näher zu treten, als walte neben dem natürlichen zug ihres Herzens noch eine Absicht in ihr vor. Es war, wie gesagt, regelmässig der Caplan, welcher die Unterhaltung ablenkte, wenn die Baronin in seinem Beisein der geistigen Wandlungen gedachte, die sie erlebt, wenn sie des Trostes erwähnte, den sie in dem Anlehnen an einen unsichtbaren Helfer und in dem Beistande eines treuen, welterfahrenen und verschwiegenen Beraters gefunden habe, und Seba wusste ihm dies Dank. Auch hatte er sich trotz seiner Zurückhaltung bald genug in das Leben der Flies'schen Familie hineingefunden und das Zutrauen der Eltern und der Tochter eben durch seine Zurückhaltung gewonnen.

Er besass alte Bekannte und Freunde in der Stadt, hatte mit seinen geistlichen Amtsgenossen, deren es mehrere an der katolischen Kirche des Ortes gab, von Alters her Verkehr, und da er ausserdem in den Morgenstunden die Biblioteken zu besuchen pflegte, während auch die noch immer nicht aufgegebenen Nachforschungen nach Paul einen teil seiner Zeit beanspruchten, waren Seba und die Baronin nach den ersten Morgenstunden, in welchen Angelika mit dem Caplan die gewohnten religiösen Betrachtungen wieder aufgenommen hatte, sich bis zum Mittag selber überlassen.

Eines Morgens hatten sie in dem hellen Sommerwetter lange und ruhig plaudernd bei einander gesessen. Man erwartete am folgenden Tage das Eintreffen von Mamsell Marianne, und die Heimkehr der Baronin sollte dann in kleinen Tagereisen vor sich gehen. Die Freundinnen hatten die Möglichkeit eines Wiedersehens besprochen, das durch den Umzug der Flies'schen Familie nach der Residenz gar sehr erschwert ward; ein ausführlicher Briefwechsel war verabredet worden, als die Baronin sich erhob, um, auf Seba's Arm gestützt, in den Gängen des Gartens umher zu wandeln. Man konnte dabei einige der Nachbarhäuser sehen; die Baronin wollte wissen, wem sie gehörten, und plötzlich den Kopf nach dem Flies'schen haus zurückwendend, fragte sie, ob Herbert's Zimmer nach der Seite des Gartens gelegen wären.

Herbert's Zimmer? Also Sie wussten es, dass er in unserem haus wohnt? rief Seba und wurde rot, als habe sie sich ein Unrecht vorzuwerfen und als bereue sie den Ausruf.

Zweifeltest Du daran? entgegnete die Baronin; sieh', da bin ich scharfsichtiger gewesen. Ich erkannte grade an der Sorgfalt, mit welcher Ihr es vermiedet, Herbert's vor mir zu gedenken, dass Ihr Alle wusstet, was ich für ihn empfunden habe, und ich hatte mir vorgenommen, es Dir zu sagendenn wesshalb sollte ich es Dir verschweigen, da ich Dich wie eine Schwester liebe?

Sie verlangte sich niederzusetzen, und Seba meinte sie nie schöner als in diesem Augenblicke gesehen zu haben. Ihre Augen glänzten, obschon die Lider sie verschämt bedeckten, ihr Mund lächelte, während der Schmerz ihn leise umspielte, und es lagen in ihrer stimme wie in ihrem ganzen Ausdrucke eine Unschuld und Wahrhaftigkeit, die etwas Ueberwältigendes für Seba hatten.

Ich habe viel gelitten, liebe Seba! nahm die Baronin das Wort: denn schön, wie die Empfindung war, die mich zu Herbert zog, war sie mir nicht mehr erlaubt. – Sie hielt wieder inne und sagte dann: Es war sein Mitleid mit mir, das mich rührte; es waren seine Jugend und seine Warmherzigkeit, die mich zu ihm zogen. Ich trug eine sehnsucht nach Liebe in der Brust, und ich vergass, dass Gott nicht jedem Menschen die Erfüllung seiner Wünsche für zuträglich erkennt. Ich wollte glücklich sein nach meinem Ermessen, nicht das Glück erkennen, welches Gottes Ratschluss mir zuerteilt hat, und ich habe noch immer Stunden, in denen ich ohne den Beistand meines guten Beichtigers mich nicht auf mich selber verlassen könnte, obschon der Tod ein guter Lehrmeister ist und man in seiner Nähe mit neuen Augen sieht. Ich habe viel, recht viel gelernt, als ich mich ihm verfallen glaubte, und ich habe mit Gottes Beistand noch Vieles zu vergüten in der Welt. Auch Herbert habe ich Unrecht getan und will versuchen, es ihn vergessen zu machen. Sage ihm das, Liebste, wenn Du ihn wiedersiehst, undfügte sie mit tiefer Traurigkeit hinzuDu sollst es wissen, Du ganz allein: