der Zorn und der Hass gegen ihn in den Gemütern seiner Hörigen. Nicht nur die Familien der Schuldigen und Bestraften waren in ihren Herzen gegen ihn empört, auch die völlig Schuldlosen, auch die besten und ihm bis dahin anhänglichsten unter seinen Leuten waren ihm aufsässig und verwünschten mit seiner Harterzigkeit auch sein Herrenrecht. Sie hätten es nicht zu sagen gewusst, was sich in ihnen und in ihrem verhältnis zu ihrem Herrn geändert hatte, aber der Amtmann und der Justitiarius erkannten, was geschehen war, und hatten in ihrer richtigen Voraussicht und in richtigem Verständniss des Volkscharakters und des Menschenherzens den Freiherrn von persönlichem Einschreiten in der eigenen Sache fern zu halten gewünscht.
Es war nicht die Härte der Strafe, ja, nicht einmal die Art, in der man die Schuldigen zum geständnis gezwungen, gegen welche das Bewusstsein der Leute sich auflehnte. Es hatte, seit die erste Aufregung in den Pfingsttagen vorüber gewesen war, kaum einen Menschen auf den Gütern gegeben, der das Geschehene nicht bedauerte und der nicht der vollen Meinung gewesen wäre, dass es bestraft werden, schwer bestraft werden und die Strafe hingenommen werden müsse. Hätte der Herr Justitiarius den des Todtschlags schuldigen Stephan in Ketten nach der Stadt geschickt, hätte er den Stellmacher, der nach der Aussage des Kochs diesen niedergeworfen und misshandelt hatte, schliessen, ihn bei wasser und Brod, wie der Freiherr es getan, in das seit Jahren nicht mehr benutzte sogenannte Verliess einsperren, und den blödsinnigen Burschen, der den Herrn Caplan verwundet, von dem Büttel peitschen lassen, sie würden es hingenommen haben, ohne mehr denn gewöhnlich zu murren und zu klagen; denn der Justitiarius war dazu da, auf das Recht zu sehen. Er handelte nicht für das Seinige, er war dem Herrn verantwortlich und ward dafür bezahlt, auf des Herrn Vorteil und Zukommen zu achten so gut wie der Amtmann. Er konnte nichts verzeihen, er konnte nichts schenken, er konnte und durfte nicht Gnade für Recht ergehen lassen. Aber der Herr konnte es, dem Herrn hatte Niemand zu befehlen, er war Niemandem verantwortlich, er konnte Erbarmen haben – und er hatte kein Erbarmen gehabt.
Ein Wunder war das, wie die Leute meinten und es zu einander sagten, freilich nicht; denn was wissen die Reichen und Vornehmen von der Not und der sorge des Armen? Ob der Freiherr da war, ob er lebte oder starb, seine Frau und sein Sohn wohnten in dem schloss, Wald und Feld, Wiese und Höhe gehörten ihnen. Seit Menschengedenken war es ihnen von Vater auf Sohn so zugefallen. Ohne dass sie die Hand rührten und den Arm bewegten, war ihnen Alles in den Mund gewachsen und sie hatten nach Keinem zu fragen gehabt, und getan und gelassen, was ihnen wohlgefallen. Wer hatte denn den gnädigen Herrn zur Rechenschaft gezogen, als die Pauline in das wasser gesprungen war? Ob man einem Menschen in der Hitze des Augenblicks das Leben nimmt, oder ob man ihn langsam dahin bringt, dass er es sich vor Verzweiflung selber nehmen muss, das sei wohl das Nämliche, ja, das Letztere sei im grund schlimmer. Denn die fremde Kammerjungfer hatte ihr ehrliches Begräbniss gehabt, und die arme Pauline, die guter Leute Kind gewesen war, wie nur Eine, war ohne Sang und Klang als ekler Leichnam auf einem unbezeichneten platz in der Ecke des Kirchhofes eingescharrt worden, hatte mit ihrem Selbstmorde ihrer Seele Seligkeit verscherzt, und selbst das Haus hatte man niedergerissen, worin sie einst gewohnt. Wenn das nicht eine Sünde und ein Verbrechen gewesen war, dann war nichts Sünde; aber freilich, dem Armen sieht man auf die Finger und dem Reichen durch die Finger, und dem armen, gedrückten und geplagten Menschen wird das Herz zuletzt so voll gemacht, dass er sehen muss, wie er sich's befreit, wenn für ihn nicht Erbarmen zu finden ist, wo er es zu suchen hat.
Den ganzen Tag hindurch standen die Türen im amt und in der Pfarre nicht still. Die Leute kamen, um vor Leidensgefährten sich auszusprechen. Sie wussten gut genug, dass der Amtmann und seine Schwester sich über die Herrschaften zu beschweren hatten, sie wussten, dass es dem Pfarrer und seiner Frau hart ankommen würde, die Pfarre zu verlassen, sie hofften von der Unzufriedenheit der Gekränkten Aufmunterung für ihre eigene Erbitterung und ihren Hass zu finden, und wenn sie sich nicht nach Erwarten aufgenommen fanden, gingen sie mit erhöhtem Widerwillen und neuem Grolle von dannen, denn sie sagten sich: Was schiert's im grund den Amtmann und den Pfarrer, was aus uns wird? Der Amtmann hat sein Schäfchen in das Trockene gebracht, und zu leben hat der Pfarrer auch. Sie sind Einer wie der Andere, es hat keiner ein Herz im leib für des Armen Not. Sie treten Alle, Alle auf den Armen. Aber auch der Wurm krümmt sich und sticht, wenn er's vermag, er muss nur den rechten Fleck und den rechten Augenblick abzupassen wissen.
Es sah übel aus in der herrschaft! Das alte patriarchalische verhältnis, auf welches der Freiherr so stolz gewesen, war nach allen Seiten hin bis auf den Grund zerstört. Er fühlte sich geschieden von seinen Leuten, er hatte das Bewusstsein, ihre Liebe und Verehrung eingebüsst, ihren Hass auf sich geladen zu haben, und sie waren ihm verhasst geworden. Der Amtmann begann die Tage zu zählen, die er in dem ihm jetzt so lästigen Dienste noch zu verleben hatte