Es war ein schlimmer Augenblick, als man mit Stockschlägen gegen die Angeklagten verfuhr, denn es war das nicht vorgekommen seit Menschengedenken. Wohl hatte man zu allen zeiten jugendliche Missetäter mit dem Stocke gestraft, aber man hatte nicht Geständnisse mit dem Stocke erpresst, und es kam dem Justitiarius hart an, als der Freiherr den Befehl erteilte. Leise bittend, versuchte er davon abzumahnen, indess der Freiherr gab ihm kein Gehör. Er fühlte einen Widerwillen gegen die vor ihm stehenden Uebeltäter, er kam sich wie erniedrigt dadurch vor, dass er in ihrer Nähe sein, ihren Anblick ertragen, die Schliche und Winkelzüge ihrer engen Köpfe verfolgen, den Ausflüchten und Listen nachspüren sollte, mit denen sie sich zu retten strebten, und er vergass, dass nichts als sein eigenes Gelüsten, ihnen seine Oberherrlichkeit klar zu machen, ihn zu dem amt gezwungen hatte, das verwalten zu müssen er wie eine Schmach empfand.
Ungerührt und nur angewidert von dem Anblicke der sich im Schmerze windenden und demütigenden Schuld, liess er die erlangten Geständnisse zu Protokoll nehmen, und stehenden Fusses sprach er seine Willensmeinung aus. Das Recht über den des Todtschlags Eingeständigen stand nicht dem Freiherrn, sondern dem staat zu. Es wurde also der Befehl erteilt, ihn noch in dieser Stunde, in Ketten geschlossen, an das Gericht der Kreisstadt abzuliefern. Auch die Strafen gegen die übrigen Angeklagten wurden sofort verhängt und fielen härter und strenger aus, als man es des Landes hier gewohnt war. Der Freiherr schien sich an dem Leiden Anderer für die Pein entschädigen zu wollen, welche dieser Morgen ihm bereitete.
Mit eigener Hand unterschrieb er das Verhör und den Bericht, die nach der Kreisstadt mitgegeben wurden, eigenhändig unterzeichnete er das Urteil seiner Leute, und finsterer noch, als er gekommen war, schritt er, ohne sie und ihr niedergeworfenes Flehen eines Blickes zu würdigen, an ihnen vorüber und zum saal hinaus.
Er hatte die Angelegenheit erledigt haben wollen, ehe die Baronin wiederkehrte, ehe die gräflich Berka'sche Familie auf das Schloss kam. Nun hatte er sie abgetan, und doch fühlte er sich nicht leichter. Es war ein Misston in sein Inneres gekommen, den er sich selber nicht zu deuten wusste, aber er hörte ihn immerfort peinlich in sich erklingen, er konnte ihn nicht verstummen machen. Das Wohlwollen, welches er gegen seine Untertanen sonst gefühlt hatte, war wie aus seiner Brust gerissen; er sah mit verachtendem Widerwillen auf das Volk herab, und ein bitteres Hohnlachen war die Antwort, die er sich gab, als er seine gegenwärtigen Erfahrungen und seine jetzige Stimmung mit den philantropischen Bestrebungen und Ansichten seiner jungen Jahre verglich.
Er hatte früher sich oftmals darüber ausgesprochen, dass ein Edelmann seine Würde nirgends so völlig behaupten könne, als auf seinem Grund und Boden; dass er einen grossen und schönen teil seiner Standesvorrechte opfere, wenn er sich hinter die Mauern der Städte zurückziehe und in die Nähe der Höfe begebe, und obschon er von natur gesellig war, hatte sein Hang zu völliger, selbstbestimmter Freiheit ihn das gesonderte Leben auf dem eigenen hof immer als einen Vorzug betrachten machen. Jetzt dünkte es ihm angenehm, der Nähe und der Berührung mit der stumpfen Masse des niederen Volkes möglichst entoben zu sein, und sein ästetischer Widerwille gegen dessen Rohheit schlug, ohne dass er sich dessen klar bewusst war, in jene auf das bessere Blut begründete aristokratische Geringschätzung des Volkes um, das ihm gehörte und aus dessen Arbeitskraft er die Möglichkeit zu seiner freien, edelmännischen Selbstbestimmteit und Willkür schöpfte.
Er war unzufrieden mit Allem, was ihn umgab, er meinte immer und immer aufs Neue zu erkennen, dass er sich auf falschem Wege befunden, dass er nicht genug Zucht gehandhabt, dass er in gütiger Lässigkeit überall zu viel freies Belieben um sich her bestehen lassen; denn das freie Belieben des ungebildeten und unreifen Menschen begann ihm, je schärfer er die Verhältnisse ins Auge fasste, immer entschiedener als die Quelle alles Uebels zu dünken, und während er in seiner warmherzigen und glückverlangenden Jugend daraus den Schluss gezogen haben würde, dass man mit allen möglichen Mitteln danach streben müsse, der Unbildung durch Verbreitung von Aufklärung ein Ende zu machen, meinte er jetzt verdüsterten Sinnes aus seinen eigenen Erfahrungen zu erkennen, dass der einzelne Mensch und vor Allem die grosse Masse durch Güte nicht zu gewinnen und der bildenden Erziehung nicht zugänglich sei, dass man ihr also keine Freiheit verstatten dürfe, wenn man sich und sie selber nicht der Gefahr eines gefährlichen Missbrauchs dieser Freiheit aussetzen wolle.
Immer geneigt, in Allem, was ihn persönlich betraf, an eine gewissermassen sichtbare Einwirkung der Vorsehung zu glauben, schien es ihm ein Fingerzeig des himmels zu sein, dass diese erkenntnis sich ihm eben durch einen gegen seinen Kirchenbau verübten Frevel neu bestätigte. Er war gegen denselben in den letzten Jahren gleichgültig geworden, er hatte selbst oft gewünscht, ihn nicht begonnen zu haben; nun, da der Bau sich so stattlich erhob, dass er seine künstlerische Lust neben der Besitzesfreude daran hatte, nun wurde er durch ein von der wüsten Rohheit begangenes Verbrechen daran gemahnt, dass die Masse des Zügels und der Zucht nicht entbehren könne; und dass diese ihr unerlässliche Zügelung ihr von dem protestantischen Pfarrer nicht angelegt worden sei, dafür meinte er die Beweise jetzt zur Genüge erhalten zu haben.
Während er eben so erbittert als schwermütig im Laufe des Tages und noch spät am Abende im vertrauten gespräche mit der Herzogin seine Seele von ihrem Kummer zu entlasten strebte, brannten und brüteten