Wesen hatte damals nicht erraten lassen, zu welcher Kraft und Entschlossenheit sie sich entwickeln würde. Es mussten besondere Umstände mitgewirkt haben, ihr dieses Charaktergepräge aufzudrücken und sie in solcher Weise über ihre Jahre und ihre Lebensverhältnisse zu erheben. Sie hatte nicht jene Weichheit, welche das Mädchen zu kennzeichnen pflegte, sie besass die ganze Sicherheit einer vom Leben geprüften und durch dasselbe gereiften Frau. Sich unterordnend und liebevoll dienend, war sie doch die Herrschende in ihrem Vaterhause, und auch ihr Einfluss auf Angelika war unverkennbar. Wie aber war sie zu der Selbstbeherrschung gelangt, welche ihr die Macht über Andere sicherte? Denn nur derjenige, welcher seiner selbst gewiss ist, erlangt eine Gewalt über die Anderen.
Fast gegen seinen Vorsatz hatte er sein klares Auge scharf auf sie gerichtet, und sie ertrug und erwiderte seinen blick mit Festigkeit. Nur ihre Wangen färbten sich, und der Mund, jener schwer zu beherrschende Verräter unserer Gedanken, zuckte leise, wie in stolzem Trotze. Der Caplan glaubte genug gesehen zu haben, und senkte mild die Lider, während er sich mit freundlichem Worte für diesen besonderen Fall als von ihrer besseren Einsicht und grösseren Sorgfalt überwunden nannte. Ja, er ging noch weiter; er erbot sich, um jede angreifende Unterhaltung zu vermeiden, die Baronin, so lange sie in Seba's Obhut sei, nur in deren Beisein zu sprechen, denn er wisse, wie hoch ein gewissenhaftes Herz übernommene Verpflichtungen halte, und wie liebevoll man über ein Leben wache, das man mit Mühe und Aufopferung in einem geliebten Menschen zu erhalten gestrebt habe. Die Baronin reichte ihm dankbar die Hand; sie hatte gefürchtet, dass der Caplan sich erzürnen, dass er sich gegen Seba aussprechen könne, und sie liebte Seba.
Niemals war eine Freundschaftsversicherung, niemals ein geständnis gegenseitiger Zuneigung zwischen den beiden Frauen ausgesprochen worden; sie hatten einander auch nicht um ihre Schicksale befragt, sich ihre Erlebnisse nicht besonders anvertraut, wie Frauen dies so leicht und gern tun; aber Bedürfniss, Hülfsleistung und Dankbarkeit hatten eine Neigung und endlich eine Liebe zwischen ihnen erzeugt, die so natürlich entstanden war, dass beide ihr rasches Wachstum kaum gewahrten. Seba freute sich in jedem Augenblicke an der formvollen Güte der Baronin, die Baronin genoss unablässig ihrer Pflegerin bereitwillige Hingebung. Sie rühmte dem Geistlichen, welch glückliche Tage sie verlebe, seit sie alle Dienste, deren sie bedürfe, von der Hand einer Freundin empfange, und seit sie gelernt habe, wie süss es sei, zu fordern, wo man mit der Möglichkeit des Gewährens dem Andern eine Freude zu bereiten sicher sei.
Der Caplan widersprach ihr nicht. Im Gegenteil, er erkannte Seba's Vorzüge unbedenklich an; nur einmal warf er die Frage auf, ob die Baronin irgend etwas über den Weg erfahren habe, welchen die Charakterbildung ihrer Freundin genommen, ob sie irgend welche Kenntniss von deren sittlichen und religiösen Anschauungen habe. Sie verneinte Beides, tat danach aber doch die Aeusserung, dass sie vermute, Seba sei unvermählt geblieben, weil sie eine unglückliche Liebe im Herzen trage. Der Caplan nannte dies unwahrscheinlich, da das Mädchen Eigenschaften und Vorzüge besitze, welche auch einem anspruchsvollen mann genügen müssten. Die Baronin schwieg eine Weile, indess ein ihr in der beichte zur Gewohnheit gewordenes Vertrauen in den Caplan und das Verlangen, ihre Seba nicht als eine Verschmähte erscheinen zu lassen, trugen über ihre Verschwiegenheit den Sieg davon, und zögernd, als bekenne sie eine eigene Erfahrung, sagte sie, dass ihrer Freundin Liebe, wie sie glaube, einem mann gegolten, von welchem nicht nur ihre Religion, sondern auch sein Stand sie geschieden habe.
Sie kennen seinen Namen? fragte der Caplan; da die Baronin die Antwort nicht augenblicklich gab, liess er jedoch selbst die Frage fallen, und erst nach einer Weile sagte er, wie man eine flüchtige Bemerkung hinwirft: Ich würde mich wundern, wenn Mademoiselle Flies sich hätte leicht entmutigen lassen, denn an Willenskraft hat sie offenbar nicht Mangel, und Standesvorurteile lassen sich gar oft besiegen, wenn nur die kirchlichen, die religiösen Hindernisse zu besiegen sind. Wie anders aber würde dieses Mädchens Wesen sich entfaltet haben, wenn seine übergrosse Selbstgewissheit durch die erkenntnis jener göttlichen Liebe gemildert worden wäre, von welcher alle irdische Liebe nur der Abglanz eines schwachen Strahles ist!
Er brach dann diese Unterhaltung ab, sicher, dass sie in der Baronin nachwirken würde, und er hatte sich darin nicht getäuscht. Sie war unverkennbar bemüht, Seba in die Nähe des Caplans und diesen zu Erörterungen über religiöse fragen zu bringen, wenn Seba irgend auf solche einzugehen geneigt war. Aber nachdem die Baronin auf ihren Wunsch an einem der folgenden Tage gebeichtet und das Abendmahl empfangen hatte, hielt grade der Caplan sich fest an sein gegebenes Versprechen und schien, jeder angreifenden Unterhaltung geflissentlich ausweichend, es nur auf die Pflege und Erheiterung der Kranken abgesehen zu haben.
Dreizehntes Capitel
Der Freiherr hatte sich von seinem Vorhaben nicht abbringen lassen, er hatte selbst zu Gericht gesessen über die Angeklagten und Schuldigen. Aber auf den Besitzungen des Freiherrn wie überall auf dem land hing und hängt der niedere Mann an dem Hergebrachten. Aus dem Hergebrachten schöpft er seine Einsicht, nach dem Hergebrachten richtet er seine Folgerungen, auf das Hergebrachte stellt er sich, wenn er mit seinen Erwartungen sich an die Zukunft wendet, und was ihn von diesem Boden entfernt, flösst ihm ohne Weiteres Misstrauen ein.
Mancher von den Insassen der Güter war wegen kleinerer oder grösserer Vergehen in den letzten