denn sie hatte einzustehen für das Befinden der ihr anvertrauten Kranken.
Um Gottes willen, was ist geschehen? rief sie, unbeirrt durch die gebietende Erscheinung des Caplans, indem sie auf die Baronin zueilte und an ihrem Sessel niederknieete.
Nichts, nichts! entgegnete Angelika mit sanfter Abwehr.
Nichts? wiederholte Seba, während ihre klugen Augen sich von der Kranken zu dem Geistlichen und von diesem zu der Kranken wandten. Nichts – und Sie weinen, dass es Ihnen den Atem versetzt, und Ihre hände sind so kalt? – Sie wollte auffahren in ihrer zornigen Besorgniss, aber sie überwand sich, und mit schneller überlegung sich an den Geistlichen wendend, sagte sie: Herr Caplan, wir haben die Ehre, Sie unsern Gast zu nennen, und sind sehr glücklich darüber; da man aber mit seinen Gästen doch in Frieden und Freundschaft leben soll, lassen Sie uns ein Abkommen mit einander treffen!
Dem Caplan, der mit erprobtem Scharfblicke in der ganzen Haltung Seba's die Entschlossenheit eines festen Herzens erkannte und der von der Baronin bereits erfahren hatte, wie sehr diese für ihre Pflegerin eingenommen war, kam es darauf an, in Angelika keine Art von Misstrauen gegen ihn aufkommen zu lassen. Er hielt sie wieder fest in seiner Hand, und er war wie immer gern bereit, ihr so viel Freiheit der Bewegung zu vergönnen, als er ihrem Heile angemessen glaubte. Es war sonst nicht in seiner Art, ähnlichen Aufrufen, wie Seba an ihn richtete, mit Leichtigkeit zu begegnen. Die Sprache der Galanterie, die er mit seiner Würde unvereinbar fand, hatte seinem Ernste ohnehin nie zugesagt und lag ihm jetzt noch ferner; aber er ging, von einer plötzlichen Ueberlegenheit bestimmt, auf Seba's Forderung freundlich ein und versicherte, dass er sehr bereit sei, jeden von ihr gemachten Vorschlag anzunehmen, wofern er ihm entsprechen könne.
O, gewiss, rief sie, Sie können es, nur ein wenig Güte und ein wenig Selbstverleugnung sind dazu vonnöten! – Sie kauerte neben Angelika's Sessel auf einem Schemel nieder und sagte lächelnd: Aber ich muss weit, sehr weit ausholen dürfen!
Und wie weit? fragte der Caplan, dem die Achtsamkeit nicht entging, mit welcher die scherzende Seba in den Mienen der Baronin zu lesen trachtete.
Von der Schöpfungsgeschichte an, entgegnete sie; denn wie Juden und Christen in ihren religiösen Meinungen und Vorstellungen auch aus einander gehen, die Erzählung von der Reihenfolge, in welcher Gott die Welt erschaffen hat, die haben sie gemein, und ....
Und? wiederholte der Caplan, dem Seba's geflissentlich spielendes Plaudern nur einen erhöhten Begriff von ihrer willensstarken Klugheit gab.
Und, sprach sie, sichtlich zufrieden mit sich und mit dem Eindrucke, den sie auf den Caplan machte, und es steht geschrieben: erst als Gott der Herr den Körper Adam's in Kraft und Schönheit vor sich sah, hauchte er ihm den Odem seines Geistes ein!
Der Caplan konnte seine Ueberraschung über diese Wendung nicht verbergen. Er verneigte sich vor Seba mit der Versicherung, dass er sich diese Aufklärung zu Nutze machen werde. Sie tat, als höre sie nicht, dass er sie verspotte, und sich von ihrem Schemel aufrichtend, rief sie mit einem Tone leichtfertiger Zuversicht: Tun Sie das, beherzigen Sie mein Gleichniss, hochwürdiger Herr, denn ich mache sonst von dem Rechte Gebrauch, das mir der Freiherr und der Arzt einräumten, als sie die Frau Baronin mir und meiner Pflege übergaben: ich lasse Niemanden zu ihr ein, der ihr irgend eine Aufregung verursacht!
Sie haben starke Begriffe von Autorität, ich achte das, entgegnete der Caplan, dem der Charakter dieses Mädchens immer bedeutender erschien, und Sie sind geneigt, Ihre zufällige herrschaft zu gebrauchen, wie mir scheint!
Die Baronin wollte einlenken, weil sie fürchtete, Seba könne dem Caplan missfallen; aber diese war gewohnt, sich selbst zu helfen. – Wollen Sie mich tadeln, wenn ich zu geniessen suche, was noch mein, nur noch wenige Tage mein ist? fragte sie. Bis Mademoiselle Marianne eintrifft, gehört die Frau Baronin mir, und ich habe für ihr Wohlbefinden einzustehen. Es wird nicht lange dauern, und – die Augen wurden ihr feucht, obschon sie lächelte – mein Regiment ist aus! Dann, Herr Caplan, dann tun Sie Alles, was Ihnen geboten scheint, nur unter meiner Obhut, nur hier, soll meine Kranke heiter sein, soll die Frau Baronin nicht so weinen!
Sie weinte aber selbst, während sie diese Worte sprach. Die Baronin hatte ihr die Hand gereicht, Seba drückte sie an ihre Lippen. Der Caplan war jeder Bewegung, jeder Miene Seba's gefolgt. Er sah die Zärtlichkeit, mit welcher die Baronin an ihrem mund hing, die sorge, mit der sie auf den Eindruck achtete, den des Mädchens dreister Freimut auf ihn machen würde, und er war zu klug, um sich in einen Kampf einzulassen, den er vermeiden konnte, ohne dadurch zu verlieren. Denn einen Streit mit einem nicht ebenbürtigen Gegner aufnehmen, heisst diesen erheben, indem man sich erniedrigt, und der Caplan besass die vorsichtige Selbstbeherrschung des Clerus, dem er angehörte. Er verstand zu warten, aber er verstand mehr als das: er kannte die Menschen und hatte früh gelernt, sie zu beobachten.
Er hatte Seba gesehen, da sie eben in das jungfräuliche Alter getreten war, und ihr sanftes, schüchternes