Baronin, nicht darin ....
hören Sie mich zu Ende, begehrte der Caplan. Ich weiss es, nicht darin allein glaubten Sie einen Mangel an göttlicher Gerechtigkeit zu erblicken. Aber dass Sie früh dazu bestimmt waren, die Schuld und die Versündigung des Freiherrn teilend tragen zu müssen, dass Sie, der Liebe zu einem gleichaltrigen mann entbehrend, die ganze Kraft Ihres Herzens erst kennen lernten, als es für Sie nicht mehr gestattet war, über Ihr Herz zu verfügen; dass Ihre Neigung sich einem mann zugewendet hat, der sie nicht erwiderte, einem mann, dem Sie nie angehören konnten, auch wenn Sie ihm in der vollen Freiheit Ihrer Jugend begegnet wären – dass Sie kämpften, sich besiegten, ohne die Frucht Ihres Sieges in dem Frieden Ihrer Ehe zu geniessen; dass Sie schuldig schienen, ohne es zu sein; dass des Freiherrn Glaube Ihnen nicht vertraute; dass sein beleidigter Stolz keine Versöhnung zwischen Ihnen zuliess, wie Ihr Herz sich auch in Reue vor ihm demütigte – das Alles machte Sie zweifeln an der allweisen Gerechtigkeit des Herrn. – Und, fuhr er fort, während sein Auge zu leuchten begann, hier auf dem einsamen Lager, verlassen von dem Beistande der religiösen Tröstung, den zu entbehren Ihr Herz noch viel zu schwach war, hier in dem haus, nach welchem Ihre irrende Empfindung sich oft mit sträflicher Liebe hingesehnt, weil der Mann hier weilte, dem Sie Ihre Liebe zugewendet hatten, hier trat die Versuchung abermals an Sie heran, und von ihr verleitet, haben Sie sich gesagt: Ich habe gelitten, nicht gefehlt! Ich bin unglücklich gewesen und nicht schuldig! Ich habe vergessen wollen und es nicht vermocht! Ich bin also nicht verantwortlich für das, was über meine Kräfte geht! All mein Streben nach Vollendung hat mich nicht beglückt und diejenigen nicht beglückt, die zu beglücken ich gewünscht habe! Hier sind zufriedene Menschen, die nicht über sich denken und hinleben in gleichgültiger Gedankenlosigkeit; ich will hingehen und werden wie sie! Ich will werktätig werden wie sie und meine geheimen Neigungen nicht prüfen, ich will den Menschen wohltun, dem Tage leben, der Zeitlichkeit leben, wie diese Familie hier, und wenn dann meine Stunde schlägt, so will ich hintreten vor den Tron des Herrn und ihm sagen: Du hast mich geschaffen mit meiner Schwäche und Sündhaftigkeit, du hast die Versuchung in meinen Weg gestellt, ohne mir die Kraft des freudigen Siegens zu geben; dein ist meine Schuld, nicht mein – ich wasche meine hände in Unschuld!
Er hätte noch lange so fortsprechen können, ohne dass die Baronin ihn unterbrochen haben würde. Sie hatte ihre hände auf ihren Knieen gefaltet, ihr Haupt ruhte auf ihren Händen. Wie die stimme des Gerichtes tönten die langsam und gewichtig gesprochenen Worte des Geistlichen auf sie hernieder, sie glaubte eine Offenbarung zu vernehmen, ein Wunder zu erleben; denn dies Alles, eben dies Alles hatte sie sich gesagt, diese Zweifel hatten ihr Herz bewegt, zu diesen Schlüssen hatte es sie gedrängt. Wie ein Erleuchteter, ein Seher erschien ihr der Mann, der also ihre innerste Seele erkannte. Sie war wieder völlig willenlos in seine Hand gegeben. Freilich hatte er ihr Nichts gesagt, als was sie ihm seit Jahren immer und immer wieder in ihren Bekenntnissen anvertraut, und doch traf es sie wie mit einem Zauber; denn der Mensch, wie oft er sich auch seine eigene Seele zergliedert und entüllt, ist sich neu und überraschend, wenn ein Anderer ihm das Bild entrollt, das er diesem selbst geliefert hat, und in der Ueberraschung vergisst er, dass er dies getan.
Der Caplan hatte seinen Sitz verlassen. Hoch und ruhig auf die Gebeugte niederblickend, hütete er sich, sie zu erheben. Er wusste, dass er sie zu schonen hatte, und die Baronin war ihm teuer; aber auch jetzt wieder empfand er, was er sich als einem der Glieder jener grossen hierarchischen Verbrüderung schuldig sei, die sich die herrschaft über den Menschengeist als ihr angestammtes Erbe und Recht zuerkennt.
Es war nicht sein persönliches Belieben und Empfinden, es war nicht nur das Wohl und Wehe, nicht nur die Unterwerfung dieser einen, am Abhange ihres Lebens stehenden Frau, mit denen er es zu tun hatte. In dieser Frau hatte er das Geschlecht derer von Arten an der Kirche und in der Kirche festzuhalten; aus ihrer Hand musste und konnte er am sichersten die Machtvollkommenheit über den Knaben gewinnen, der bestimmt war, den stolzen Namen fortzupflanzen; und wäre das auch nicht gewesen – er schuldete es sich und seiner Kirche, eine Seele in ihren Banden festzuhalten, die ihr einmal gewonnen worden war und deren Bekehrung seiner Zeit viel von sich sprechen machen.
Es war still in dem Zimmer; der Caplan stand sinnend an der Seite der Baronin. Da er sie also in sich versunken sah, reichte er ihr die Hand. Es ist jetzt an Ihnen, meine arme Freundin, sprach er, mich meines Irrtums, wie ich Sie bat, zu zeihen, wenn ich mir einen solchen zu Schulden kommen liess.
Sie hob ihr Antlitz in die Höhe, es war von Tränen überströmt. O, Vergebung, Vergebung! war Alles, was sie sagen konnte, denn ein krampfhaftes Weinen unterdrückte ihre Worte.
Seba, die sich während dieser Unterredung im Nebenzimmer aufgehalten, trat, ohne eine Aufforderung abzuwarten, in die tür. Der Ton der Weinenden gab ihr nach ihrer Meinung ein Anrecht dazu,