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uns auf. Und wie es wahr ist, dass nur derjenige frei bleibt, der zu schweigen versteht, so ist es eben so wahr, dass man den Menschen hindern muss, sich seine Gedanken festzustellen, wenn man die herrschaft über ihn mit Leichtigkeit behaupten will.

Er liess eine geraume Weile im Stillschweigen vergehen; dann fragte er, als falle es ihm unmöglich, sich in die Vorstellung der Baronin hinein zu versetzen: Und was war es denn eigentlich, das Sie so dringend zu vergessen wünschten?

Angelika hatte, in ihren Ruhesessel zurückgelehnt, in stiller Betrachtung vor sich niedergesehen, aber bei der Frage des Caplans richtete sie das Haupt empor und entgegnete: Es ist mir wunderbar, ganz wunderbar zu Mute. Ich fühle, als wären wir lange, lange getrennt gewesen. Eine Krankheit wie die meinige, in der man vom Leben zu scheiden glaubt, bildet einen tiefen Abschnitt in unserem Dasein, sondert uns von unserer Vergangenheit, hebt uns über sie und über uns selbst hinaus. – Ich weiss Ihnen das Alles kaum zu erklären, weiss es mir selber kaum zu deuten, und stehe doch vor lauter Erfahrungen, die ich mir nicht wegleugnen kannauch wenn ich es wollte. Es sieht mich Alles fremd an, wenn ich auf die letzten Jahre meines Lebens zurückblicke; es kommt mir Alles, selbst kürzlich erst Erlebtes, unwahrscheinlich, ja unmöglich vor. Ich sehe die Dinge, die Menschen anders als bisher, und, warum sollte ich es Ihnen verschweigen, selbst Sie, selbst Ihre stimme, selbst Ihre Worte klingen meinem Ohre so fremd, dass ich Mühe habe, mich darein zu finden; auch Ihre Frage befremdet mich.

Des Caplans Miene wurde ernster und strenger. Sein milder Sinn, sein nachsichtiges Herz hatten es doch früh gelernt, die herrschaft über die Geister als eine Befriedigung zu empfinden, und er war zu sehr von der wohltätigen wirkung überzeugt, welche die den Geist beschränkende Zucht seiner Kirche über die Menschen ausübt, um die herrschaft, welche er gewonnen und besessen, wieder aus der Hand geben zu mögen. Der Frevel gegen das Heiligenbild und der in Richten an einer schuldlosen Bekennerin des katolischen Glaubens von den Luteranern verübte Todtschlag, selbst die Art und Weise, mit welcher der Freiherr das Ereigniss aufgenommen, hatten des Caplans Seele doch mehr erbittert, als er sich dessen bewusst war, und die Art von Auflehnung gegen seine Führung, mit der die bis dahin so fügsame Baronin ihm entgegentrat, erinnerte ihn zur rechten Zeit daran, dass herrschaft, um wirksam zu sein, keine Unterbrechung erleiden darf.

Ich glaube es wohl, sagte er, dass meine stimme Ihnen fremd geworden ist, dass meine Frage Sie befremdet. – Denn es müssen verlockende Weisen gewesen sein, mit denen Sie Ihrem Herzen schmeichelten, bis es zu solcher Selbstzufriedenheit gelangen, bis Sie glauben konnten, der leitenden Hand fortan entbehren, zu können, der Disciplin entwachsen zu sein. – Er schüttelte mitleidig das Haupt: Sie wähnten, auf sich selbst bauen zu können, und haben es verlernt, sich selbst zu prüfen, sich selbst die notwendigsten fragen ehrlich vorzulegen und wahrhaft zu beantworten. Desshalb befremdet Sie meine bestimmt gestellte Frage; desshalb auch, gnädige Frau, klingt Ihnen meine stimme, die stimme der Wahrheit, jetzt wie eine fremde; desshalb weichen Sie der Antwort aus. Aber ich bin im stand, mir diese Antwort selbst zu geben. Sie haben ....

Angelika wollte ihn unterbrechen; der Caplan gab es nicht zu. Sie sind krank, meine arme, teure Freundin, sagte er; eine lebhafte Gereizteit steigert Ihre Ausdrücke, dass auch Sie mir wie verwandelt scheinen, und ich möchte Sie hindern, von sich auszusagen, was Sie reuen könnte. Lassen Sie mich Ihnen ein Bild Ihres Seelenzustandes geben, wie er mir erscheint, und es soll Ihnen nicht benommen sein, mich des Irrtums zu überführen, wo ich ihn begehe.

Er rückte an den Sessel der Baronin heran, legte seine Hand auf die Lehne, auf welcher sie die ihrige ruhen liess, und sprach mit dem Tone eines ruhigen Berichterstatters: Sie sind in diesen Tagen der Einsamkeit Ihr Leben durchgegangen, haben sich und Anderndie Baronin schüttelte verneinend das Haupt, und der Caplan ersah mit Befriedigung daraus, dass er es nur mit ihr zu tun habehaben sich Ihre Schicksale zergliedert und haben sich gesagt: ich war nicht glücklich, wie ich es erwarten durfte, mir ward ein schweres los zu teil, ein los, das gross und würdig zu tragen über meine Kräfte ging. Wie durfte die göttliche Allwissenheit mir ein solches zuerkennen, ohne dass die göttliche Gerechtigkeit dadurch beeinträchtigt wurde? –

Er sprach langsam und ohne sein Auge von der Baronin zu entfernen, die lautlos vor sich niedersah, während ihre Wangen sich röteten und ihr Atem sich schneller hob. Die Hand langsam von der Lehne des Sessels erhebend und auf ihren Arm legend, fuhr er immer mit derselben Ruhe fort: Sie hatten hier eine anscheinend glückliche Familie um sich, Sie erfreuten sich ihrer hülfeFamilienliebe dünkte Sie, in Ihrer augenblicklichen Hülfsbedürftigkeit, als das höchste, das erstrebenswerteste Gutund Sie sind durch Gottes Sie erleuchtenden Ratschluss von Ihrer angeborenen Familie getrennt worden, ohne in dem Herzen Ihres Gatten gerade jenem Sinne für Familienleben und Familienliebe zu begegnen, nach denen es Sie verlangte. Darin erblickten Sie einen Mangel an göttlicher Gerechtigkeit ....

Nein, o nein! rief die