das Wollen, die uns glücklich, die uns selig machen! Ich habe das hier in meiner Einsamkeit und in meinem Leiden tief empfunden! Was habe ich nicht Alles gedacht und wie Weniges getan! Mit den grossen fragen und Geheimnissen habe ich mich beschäftigt, in welche wir kurzlebigen Geschöpfe uns hineingebannt fühlen, wenn wir über die enge Schranke unseres Daseins hinauszublicken wagen; von meinen widerstrebenden Gefühlen hin und her getrieben, habe ich mich nur um mein Empfinden, um mein Seelenheil gesorgt, und es darüber ganz und gar versäumt, für das Heil derjenigen zu sorgen, die Gott in meinen Lebensweg gestellt hat, oder etwas zu leisten, was mich hätte in der Erinnerung trösten und aufrichten können. Und an Niemandem hat sich meine Selbstsucht schwerer versündigt, als an dem Knaben, den wir jetzt vergebens suchen.
Das Schicksal Paul's, von dessen bisherigem Leben und von dessen Verschwinden sie sich durch Seba ausführliche Kunde verschafft hatte, das weltliche Ergehen ihrer Familie lagen ihr vor allem Anderen am Herzen und namentlich beschwerte die Erinnerung an Paul ihr das Gewissen.
Sie nannte es einen schweren Fehler, dass sie immer nur dasjenige zu lieben vermocht habe, was ihr eigen gewesen sei, was sie durch ihre Selbstsucht mit ihrem Herzen vermitteln können, während ihr jetzt von Fremden die uneigennützigste Menschenliebe zu teil geworden sei – von Fremden, die sie um ihres Stammes und um ihres Glaubens willen so tief unter sich gewähnt. Und an Niemandem, wiederholte sie, hat sich meine Selbstsucht schwerer versündigt, als an dem armen Knaben, welchen wir jetzt vergebens suchen. Ich habe es in meiner Eifersucht und in meiner ungerechten Verachtung gegen die Mutter dieses Knaben einst hochmütig verschmäht, ihm die Stelle in dem haus meines Gatten einzuräumen, die ihm gebührte, die sein Vater ihm gewähren wollte. Das hat sich nun gestraft; sein blosser Anblick hat mich gedemütigt, wie ich's verdiente. Damit ein Kind so vollständig die Züge seines Vaters wiedergiebt, so völlig seines Vaters Ebenbild werde wie dieser Knabe, muss viel Liebe zwischen den Eltern desselben geherrscht haben, mehr Liebe, mehr Hingebung, als der Freiherr und ich für einander in der Zeit empfanden, welche unserem Sohne das Leben gab. Wenn ich unseren Renatus betrachte, der seinem Vater so wenig ähnlich sieht, kommt er mir neben jenem Sohne meines Gatten wie ein Enterbter, komme ich selbst mir neben der unglücklichen Mutter Paul's wie die Unglücklichere vor, denn sie besass sicherlich die Neigung des baron weit mehr, als ich. Paul ist im wahren Sinne des Wortes ein Kind der Liebe, und er wird wiederkommen! Sein keckes, stolzes Antlitz verbürgt ihm das Glück, das solchen Kindern eigen sein soll!
Der Caplan hatte nicht im entferntesten voraussehen können, ein Urteil wie dieses von der Baronin zu vernehmen, weniger noch, dass sie diese Verhältnisse in Seba's Anwesenheit besprechen würde. Ausschliesslich wie die Kaste, in welcher sie geboren war, hatte Angelika früher Alles, was ihre und der Ihrigen Lebensverhältnisse betraf, der Kenntniss und dem Urteile dritter Personen zu entziehen gestrebt; jetzt nannte sie diese Art der Zurückhaltung eine Maskerade vor sich selbst. Denn, sagte sie, ich täuschte damit nur mich, und ich habe hier erfahren, dass Fremde wussten, was ich vor mir selbst verbarg. Ich habe eine schwere Lehrzeit durchgemacht, aber sie ist nicht an mir verloren gewesen. Obschon ich schwach bin, gehe ich doch gekräftigt aus ihr hervor. Der Ausspruch: Wen der Herr liebt, den züchtigt er! der mir sonst immer hart und darum der göttlichen Liebe nicht angemessen erschienen ist, hat sich mir zu einer Wahrheit erhoben. dafür danke ich Gott, und ich werde auch von Ihnen, mein teurer Freund, künftig nicht mehr fordern, was Sie mir nicht gewähren können, was man sich selbst erringen oder entbehren muss!
Und was hätten Sie derart gefordert? fragte der Caplan, der immer vorsichtiger und achtsamer wurde, je weniger er im ersten Augenblicke den Gemütszustand der Baronin zu beurteilen vermochte. Welches Verlangen hätten Sie gestellt, das Ihnen aus der Gnadenfülle unserer trostesreichen Kirche nicht befriedigt werden können?
Ich verlangte .... Sie hielt inne, schien zu überlegen und sagte danach, als wolle sie ihrem Berater keinen Zweifel über sich lassen: Ich verlangte Vergessenheit – und ich habe sie nicht gefunden!
Der Caplan lächelte, als sähe er ein Kind seine Händchen begehrlich nach der Mondessichel erheben. Freilich, sagte er, der Letestrom ergiesst seine Wellen nicht durch die christliche Welt, er ist versiegt! Aber, fügte er mit ganz verändertem Tone und mit gehobener Haltung hinzu, aber flösse er auch reich und voll vor unseren Lippen, wie dürften wir begehren, daraus zu trinken? Wie dürften wir Vergessenheit verlangen für irgend etwas, das Gottes Ratschluss uns erleben liess? Ich erkenne Sie und Ihren gottergebenen Sinn in diesem Wunsche nicht wieder, meine teure gnädige Frau!
Der Caplan verstand die Kunst, die Menschen sprechen und schweigen zu machen, und die Baronin fühlte diese seine Macht. Ohne noch ermessen zu können, ob es der Einfluss ihrer nichtchristlichen Umgebung, ob es ein Erwachen ihrer protestantischen Erinnerungen oder eine Folge ihrer eigenen einsamen Grübelei sei, welche die Baronin zu einem von seiner Führung unabhängigen Gedankengange verleitet hatten, hielt er es für angemessen, sie wenigstens von dem Aussprechen ihrer Gedanken abzuhalten, denn das Wort ist gestaltend und das Gestaltete ist lebendig und tritt, uns selber bannend, für und wider