Leute immer von Einem an den Anderen appellirten, hat das ganze Regiment gelockert. Es hat Jeder drein geredet – zuletzt sogar der Gottard. Habe ich das Regiment, und ich denke es in die Hand zu nehmen ganz und gar, da hat's mit dem Hin und Her ein Ende, und das tut endlich Not!
Er setzte sich nach diesen Worten an den Schreibtisch nieder, so dass er Adam den rücken zudrehte, wandte sich dann noch einmal zu ihm zurück, um ihm einen Auftrag an den Gärtner zu geben, der auf dem Kirchenplatze einige Aenderungen machen sollte, fragte nach dem Ertrage der Heuernte und ob Adam im stand sein würde, zu einem bestimmten Zeitpunkte gewisse Zahlungen zu leisten; dann entliess er ihn.
Sie wollen nicht hören, sie wollen sich nicht helfen lassen! dachte Adam, aber es tat ihm wohl, dass er sich das Herz erleichtert und das Seinige getan hatte. Von dem Pfarrer zu reden, für ihn eine Fürbitte um der Gemeinde willen einzulegen, wie er es vorgehabt hatte, dazu war er gar nicht gekommen. Indess wie Alle, die ein gutes Ziel im Auge haben, gab er seine Hoffnung nicht leicht auf, und es war nun die Ankunft des Caplans, auf die er sich vertröstete. Konnte der auch nichts ausrichten, liess der Freiherr sich gar nicht bedeuten, dem greisen Pfarrer den Weg der einlenkenden Verständigung zu eröffnen, mussten die alten Leute wirklich von Neudorf fort, nun, so hatte Eva Recht, so gab es in dem haus zu Marienau Raum genug, den greisen Freunden der verstorbenen Eltern ein warmes Plätzchen zu bereiten und die alten Leute durchzuhalten, bis Gottard sie einmal in seine Pfarre führte. Für den Adam Steinert auf Marienau war das eben keine grosse Sache.
Zwölftes Capitel
Wie seine Dienerschaft und seine Beamten den Freiherrn verändert gefunden hatten, so ward der Caplan, als man ihn nach seiner Ankunft zu der Baronin führte, durch ihren Anblick in Erstaunen gesetzt, wennschon er es verstand, ihr diesen Eindruck zu verbergen. Aber es war nicht allein ihre körperliche Schwäche, die ihn überraschte, es war etwas Fremdes in sie gekommen, das er sich nicht gleich zu deuten wusste. Während es ihm bedünken wollte, als habe sie jenen ihr schon als junges Mädchen eigentümlichen Ausdruck gebietender Vornehmheit verloren, hatte sie doch an Sicherheit und Bestimmteit in ihren Aeusserungen gewonnen, und er vermisste an ihr die freiwillige Unterordnung, mit welcher sie ihm sonst genaht war.
Nach dem Briefe, welchen der Caplan von dem Freiherrn erhalten, hatte er nicht anders glauben können, als dass es der Baronin um seinen geistigen und geistlichen Beistand zu tun sei, dass sie zu beichten und das Abendmahl aus seiner Hand zu empfangen begehre. Indess wie erfreut sie sich über seine Ankunft auch bezeigte, sagte sie ihm dennoch, dass sein Ausbleiben ihr wohl getan habe, und dass sie glaube, ihr Alleinsein in diesem fremden haus sei ihrem Seelenheile förderlich gewesen.
Als der Caplan zu wissen begehrte, wie sie dies meine und in welcher Weise der Umgang mit ihren Pflegern ihren Sinn gewandelt habe, versetzte sie: Auf die einfachste Weise von der Welt! Hätte ich Sie, mein Freund, hier gehabt, da ich zu sterben glaubte, so hätte ich mich Ihnen, wie immer, mit allen meinen Schmerzen und Sorgen in die Hand gegeben und nur an mein eigenes Heil, an meinen Trost gedacht, und Sie würden vielleicht in Ihrer mitleidigen Barmherzigkeit mir nicht gesagt haben, dass auch in dem Verlangen nach geistiger Erhebung und Vervollkommnung sich die Selbstsucht des hochmütigen Menschenherzens verbergen kann. Hier aber habe ich unter Menschen gelebt, von denen, wie ich glaube, sich keiner mit der eigentlichen sorge um sein Seelenheil beschäftigt. Herr Flies und seine Frau haben bis in ihre jetzigen Jahre hinein so viel Notwendiges zu tun gehabt, dass ihnen keine Zeit geblieben ist, über sich selbst nachzudenken; und Seba lebt so ausschliesslich für die Befriedigung der Anderen, dass sie die eigene darüber ganz vergisst, oder dass sie dahin gekommen ist, ihre Zufriedenheit in dem Wohlbefinden Anderer zu geniessen.
Der Caplan wandte ihr ein, dass sie in Gefahr stehe, Gleichgültigkeit gegen das geistige Leben mit Seelenfrieden und Gewissensfreudigkeit zu verwechseln; aber sie wollte dies nicht zugestehen.
Ich habe Herrn Flies einmal gefragt, sagte sie, wie er es angefangen habe, sich seine beschauliche Ruhe und klarheit anzueignen.
Und was hat er Ihnen geantwortet? erkundigte sich der Geistliche, dem daran gelegen sein musste, die Leitung über das Herz der durch ihn bekehrten Frau nicht zu verlieren.
Ich habe an jedem Tage nach bestem Wissen meine Schuldigkeit getan, hat er mir gesagt, und habe also immer die Zuversicht in mir getragen, auf dem richtigen Wege zu sein.
Der Caplan machte eine Bewegung mit dem kopf, die es kund gab, dass er diese Antwort vorausgesehen hatte, und meinte danach: Darin verbirgt sich die Selbstzufriedenheit aller derer, welche glauben, durch ihre eigene Kraft zur Seligkeit gelangen, welche meinen, mit guten Werken, die in der Religion der Juden eine grosse Rolle spielen, den Himmel erwerben zu können. Aber es ist nicht nur das Tun, das selig macht, es ist ....
Zum ersten Male liess Angelika ihren geistlichen Freund seinen Ausspruch nicht vollenden, und lebhafter als er es von ihr gewohnt war, rief sie: Nein, es ist gewiss und allein das Tun und nicht das Streben, das Vollbringen und nicht