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der Nacht, und wider seine Gewohnheit war er früh am Morgen nicht zur Herzogin gegangen, sondern hatte sich gleich an die Geschäfte gemacht. Der Justitiarius war lange bei ihm gewesen und dann in das Amt gegangen. Er wollte dem Adam erzählen, dass der Freiherr selbst der Gerichtsverhandlung beizuwohnen denke, was er sonst nie getan, und dass er die Sitzung schon auf morgen anberaumt habe. Sie schüttelten beide die Köpfe dazu, aber sie sprachen wenig; es ging ihnen zu nahe.

Während dessen war der Freiherr nach Rotenfeld gefahren, um jetzt, bei ruhigem Wetter, den dort angerichteten Schaden in Augenschein zu nehmen. Er wollte die Statue hergestellt haben, ehe die Berka's kämen, und wünschte diesen Besuch auch nicht allzu weit hinausgeschoben zu sehen, eben weil er ihm lästig war. Es drängte sich so Vieles zusammen, was geordnet und abgetan werden musste, und wie er sich auch vorsetzte, sich davon nicht beunruhigen zu lassen, gab es ihm doch etwas Hastiges, das seinen Leuten auffiel und das mit seiner schönen, würdigen Gestalt gar nicht zusammenstimmte.

Als er in Rotenfeld vor der Kirche seinen Wagen verliess, sah er Herbert mit dessen jungem Gehülfen aus dem Portale derselben heraustreten. Dieses zufällige Zusammentreffen war grade, wie er es sich wünschte, und leicht den Hut lüftend, während die beiden ihm entgegen kamen, sagte er: Sehen Sie diesen Vandalismus! Ich erwarte in Nächstem die Baronin zurück, habe auf den Besuch ihrer Familie zu rechnen und mag der Heimkehrenden und den Gästen den Anblick dieser wüsten Zerstörung nicht bereiten. Wie ist da Rat zu schaffen?

Herbert, welcher wie der Freiherr auch erst am vorigen Tage, und zwar wie dieser kurz vor dem Ausbruche des Unwetters in Rotenfeld eingetroffen war, hatte gleich am Morgen, noch ehe er die Arbeit in der Kirche in Augenschein genommen, die Gruppe besichtigt und die Stücke, welche man abgeschlagen, hereinbringen lassen, um zu untersuchen, ob man sie anzupassen und so die Gruppe herzustellen hoffen dürfe. Glücklicher Weise hatte Adam gleich nach geschehener Tat die abgeschlagenen Stücke bis auf die Splitter zusammensuchen lassen, und da Herbert sich aus Neigung viel mit plastischen Entwürfen beschäftigt hatte und obenein der Modelleur noch anwesend war, welcher die Stuckverzierungen über dem Altare angebracht, so waren, noch ehe der Freiherr gekommen, schon die nötigen Verabredungen getroffen worden, und dieser durfte sich also der Aussicht hingeben, wenigstens diesen Schaden so gut als möglich ausgeglichen zu sehen.

Das heiterte ihn auf; er nahm selbst die Fragmente zur Hand, passte sie an einander, erteilte Ratschläge wegen der Politur der Stellen, an denen die Restaurationen gemacht werden mussten, trat dann in die Kirche ein, und ihr Anblick befriedigte ihn, ja er übertraf seine Erwartungen.

Man hatte innen wie aussen die letzten Gerüste fortgenommen, der weite, hohe Raum zeigte sich frei und schön. Die Pfeiler strebten kräftig und doch leicht in die Höhe und trugen das Dach, dessen fein gegliederte Wölbung dem Auge, ohne es zu drücken, eine wohltätige Schranke setzte. Ueberall waren die Verhältnisse so richtig eingehalten, das gebotene Material so geschickt benutzt, dass des Freiherrn Kennerblick sich mit sichtlichem Vergnügen in dem bis auf unbedeutende Ausschmückungen nun fast vollendeten Baue erging.

Schön, sehr schön! rief er mehrmals aus; ich muss Sie loben, Herbert! Sie verstehen Ihr Fach; ich bin zufrieden! – Nun nur schnell die letzte Hand ans Werk gelegt! Wann meinen Sie, dass wir die Kirche weihen können?

Wenn der Holzschnitzer uns den Beichtstuhl liefert, wie er versprochen hat, und die übrigen Arbeiter ihre Zeit einhalten, so denke ich Ihnen heute in drei Wochen die Schlüssel des Baues überliefern zu können, sagte Herbert nach kurzem Besinnen.

Gut, gut! rief der Freiherr abermals, und plötzlich nachdenkend, fügte er hinzu: Wir haben heute den zehnten des Monats. In drei Wochen wollen Sie fertig sein. Lassen Sie uns, den störenden Zufälligkeiten ihren Raum gewährend, die Uebergabe des Baues, der Sicherheit wegen, erst am Schlusse der vierten Woche erwarten, so sind wir dem dreizehnten des Juli nicht allzu fern und mögen, die Weihung der Kirche auf diesen Tag verlegendwelcher der Namenstag der Herzogin, der Margareta-Tag ist –, unserem Gäste eine Ehre damit erweisen und ihr Andenken dauernd mit unserem Baue verknüpfen.

Er sah sich danach noch einmal in allen Teilen der Kirche um, betrachtete den Taufstein in der Sacristei, liess sich das Gewölbe öffnen, welches man zur Familiengruft bestimmt, stieg die Treppe zum Turme hinauf und oben um sich schauend, sagte er, als er den auf der Birkenhöhe errichteten Freundschaftstempel ebenfalls vollendet sah: Sehr brav! In der Tat, Herbert, Sie haben sich wacker daran gehalten!

Die Freude, ein grosses Unternehmen so wohlgelungen seinem Ende nahe zu sehen, liess ihn vergessen, mit welchen Opfern dies erkauft war, und gab ihm plötzlich seine freie, vornehme Sorglosigkeit zurück. Er hatte sonst nichts so sehr geliebt, als heitere Gesichter um sich zu haben und Zufriedenheit um sich her zu verbreiten. Diese alte, schöne Neigung wallte auch jetzt wieder in ihm auf. Es fiel ihm ein, dass er ein Mittel habe, Herbert, wie er es wünschte, zu vergelten, ja, dass er ein Unrecht, eine Uebereilung und, was ihm schlimmer als dies Alles dünkte, einen Verstoss gegen die Klugheit ungeschehen machen könne, wenn er sich dieses Mittels richtig zu bedienen wisse. Er