zum Gehen wenden. Der Freiherr hielt ihn nicht zurück.
Tun Sie ganz nach Ihrer überzeugung, sprach er, aber verlassen Sie sich darauf, dass ich mir hier Ordnung und Gehorsam schaffen werde!
Der Pfarrer ging still hinweg. Der Freiherr sah ihm mit kaltem Auge nach. Meine Lässlichkeit hat es verschuldet; sie fühlen sich alle hier als Herren! Es war Zeit, ein Ende damit zu machen und die Zügel in die eigene Hand zu nehmen, sagte er zu sich selber, während er nach der Uhr sah. Dann klingelte er und befahl, das Abendbrod herzurichten und die Frau Herzogin zu benachrichtigen, wenn es geschehen sein würde.
Der Pfarrer aber fuhr, als er vom schloss kam, im Amtofe vor. Er wollte Fassung gewinnen, ehe er seine greise Lebensgefährtin wiedersah; er musste auch einen Menschen haben, zu dem er sprechen konnte, denn in sich zu verschliessen, was ihn bestürmte und bedrängte, bis er nach Neudorf kam, das, fürchtete er, würde über seine Kräfte gehen. Und der Adam hatte es ja auch erlebt.
Und offene arme, offene Herzen, und ein volles Mitgefühl empfingen den schwer gekränkten Mann. Man hatte die Heimkehr des Freiherrn gescheut, man hatte es mit Besorgniss angesehen, dass er so plötzlich und unangemeldet eingetroffen, und doch kam Allen unerwartet, was geschehen war. Sie waren im amt dem Gottard eben nicht freund; sie gönnten es ihm, dass sein Hochmut eine gründliche Lection erhielt; aber den Pfarrer, den Greis, den sie zu verehren gelernt von Kindesbeinen an, so herzzerrissen zu sehen, das betraf sie selber tief. Sie mochten ihn nicht allein in die Pfarre zurückkehren lassen, denn allerdings, der Amtmann wusste, was es heisst, die Schwelle eines heimatlichen Hauses zu betreten, das man bald für immer meiden soll. Man liess den Knecht, welcher den Pastor gefahren, zu fuss gehen, man rückte zusammen, und Alle fuhren sie, so spät es war, mit dem Pastor: der Amtmann, die Eva und der Architekt.
Die Pfarrerin hatte, die Minuten zählend, am Fenster gestanden, seit ihr Mann durch die Botschaft des Freiherrn abgerufen worden war. Sie wusste nicht, was sie denken sollte, als der Wagen voll Gäste vor ihrer tür hielt; sie konnte nicht fassen, was geschehen war, als man es ihr meldete. Sie weinte, sie klagte, sie schalt den Sohn, sie tadelte ihren Gatten, dass sie sich nicht fügsamer gezeigt, und nannte doch gleich darauf den abwesenden Sohn ihres Lebens Stolz und Freude, und dankte Gott, dass er ihrem mann Kraft verliehen, als sein Streiter auszuharren bis zum Ende.
Der Pfarrer setzte sich nieder, seine Gedanken zu sammeln. Er wollte dem Sohne schreiben, seine Meldung an das Consistorium machen, aber ihm fehlte noch die Ruhe für solch ein Tun, und Adam hielt ihn auch davon zurück.
Warten Sie, Herr Pfarrer, warten Sie bis morgen, bat er. Es war ein Anderes zwischen dem Freiherrn und zwischen mir; ich stand für mich allein, Sie stehen für Ihr Amt; ich konnte gehen, Sie müssen zu bleiben trachten, oder wollen Sie sich freiwillig einen Nachfolger hieher setzen lassen, der sich dem Willen der herrschaft besser fügt, der Herrendienst dem Gottesdienst voranstellt?
Die Pfarrerin trat schnell auf Adam's Seite. Sie hoffte, der Freiherr werde in sich gehen, die gütige Baronin werde wiederkehren und vermitteln; sie meinte, Gottard könne, auch ohne seinem Gewissen etwas zu vergeben, sich einlenkend an den Freiherrn wenden. Sie wollte von dem Amtmanne, von Herbert, von Eva und von ihrem mann Zuspruch haben; aber sie hatten sich alle über den Freiherrn zu beschweren, und wie vermochte man ihm beizukommen, was hatte man noch weiter mit ihm zu befahren?
Man konnte zu keinem befriedigenden Abschlusse gelangen, und es war schon spät, als man sich trennte.
Das Gewitter war vorüber, die Wolken hatten sich zerteilt, der Mond stand hell am Himmel und goss sein volles Licht über die blühenden und duftenden Lindenbäume vor des Pfarrers tür, von denen unter dem leisen Windhauche die Regentropfen niederfielen. Die Nachtigall, welche in den büsche rechts vom haus nistete, lockte und flötete in langen Tönen durch die stille Nacht, man sah die Falter langsam schweben, die Mondesstrahlen glänzten und zitterten in dem leicht bewegten Teiche, von dem der Nebel silbern in die Höhe stieg.
Der Pfarrer und seine Frau begleiteten ihre Gäste vor das Haus hinaus. Nach dem Unwetter und neben ihrer Aufregung wirkte die friedensvolle Schönheit der natur doppelt stark auf sie. Der Greis sah mit stillem Blicke um sich her. Dann nahm er sein Käppchen von dem weissen Haar, und seiner Frau Hand in seine gefalteten hände schliessend, sprach er, an die Dichtung seines Vorbildes Paul Gerhard denkend, fromm und gläubig, während es feucht in seinen Augen schimmerte:
Der Sonne, Mond und Winden
Weist ihre eig'ne Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Da mein Fuss wandeln kann!
Eilftes Capitel
Wie es herumgekommen, das wäre nicht leicht zu sagen gewesen, aber am folgenden Morgen um die Frühstückszeit wussten sie es in allen drei Dörfern, was geschehen war, und wer es etwa noch nicht erfahren hatte, der konnte doch an den finstern und sorgenvollen Mienen der Leute sehen, dass sich etwas Schlimmes ereignet hatte und Schlimmes zu befürchten war.
Es hatte den Freiherrn nicht schlafen lassen in