fuhr der Pastor auf, den sein Vaterherz wie seine gekränkte Amtsehre alle seine Vorsätze vergessen machten, – gnädiger Herr, Sie sprechen zu einem Vater von seinem Sohne! Sie sprechen zu einem Geistlichen, zu dem bestallten Pfarrer dieser christlichen Gemeinde, der ohne Frage die Befugniss hat, sich von seinem Sohne, von einem unbescholtenen jungen mann, einem geprüften Candidatus teologiae in seinem amt vertreten zu lassen, wenn er dieses nötig findet!
Ja, allerdings, das ist es grade! Ich spreche zu dem Vater! betonte der Freiherr scharf, eben weil er mir als Vater einzustehen hat für die Frechheit seines Sohnes! Ich spreche zu dem von mir erwählten und eingesetzten Pfarrer, weil er sich unterfangen hat, gegen meinen Glauben, gegen die Religion, zu der ich und mein Haus uns bekennen, in meiner Kirche und von meiner Kanzel herab freveln zu lassen!
Der Pfarrer machte eine abweisende Handbewegung. Die Kirche ist des Herrn, die Kanzel ist ihm heilig und der Wahrheit, Herr Baron, auf die wir getauft sind, auf die wir unser Bekenntniss abgelegt und die rein und lauter zu verkünden wir mit unserem Amtseide beschworen haben! rief der Pfarrer, und seine stimme und seine Haltung hoben sich, je länger er vor dem Freiherrn stand. Freilich steht es geschrieben: Es soll Friede sein auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! Und so weit es an mir gewesen, habe ich Frieden zu halten gestrebt, obschon es meinen Augen kein Wohlgefallen gewesen ist, hier, mitten in unserer luterischen Gemeinde, die katolische Kirche sich erheben und ihre Heiligenbilder aufrichten zu sehen! Aber, Herr Baron, es steht eben so geschrieben: Ich bringe euch nicht den Frieden, sondern den Krieg! Und wie ich für mein teil danach getrachtet habe, den Frieden hier zu land nicht zu stören, so vermag ich vor meinem Gewissen den jüngeren Streiter nicht darob zu tadeln, dass er von heiliger Stätte die Gemeinde warnte, dass er ihr die Gefahren zeigte, welche ihr drohen, dass er verkündet hat, was ihm sein Herz geboten! Es kommt für Jeden einmal der Tag, an dem er mit unserem Martin Luter rufen muss: Hier stehe ich! Ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen!
Der Pfarrer hatte die hände gefaltet, er war sehr gerührt. Seit Jahren hatte er sich mit dem Gedanken getragen, dass es ihm einmal beschieden sein könne, nach dem Vorbilde des herrlichen Paul Gerhard von Heimat und Amt vertrieben zu werden; jetzt fühlte er sich dem Augenblicke nahe, und seine Erschütterung würde zu jeder anderen Stunde auf seinen Patron ihre wirkung nicht verfehlt haben, denn des Freiherrn Herz war leicht bewegt und die kirchlichen Streitigkeiten waren ihm bei seiner religiösen Gleichgültigkeit im grund sehr verhasst. Aber er sah auch in dieser ganzen Angelegenheit nur eine Auflehnung gegen seine gutsherrliche Macht, und bitter, wie sein Ton es gegen den Pfarrer heute von Anfang an gewesen war, sagte er: Lassen Sie die Beispiele und die Bibel-Citate! Was ich mit Ihnen abzumachen habe, dazu finde ich den Ausdruck in mir selbst, und wenn denn einmal durchaus die Bibel die Belege liefern soll, so mag das Wort Ihnen und der Gemeinde zur Richtschnur dienen, dass Jedermann der Obrigkeit untertan sein soll, die Gewalt über ihn hat! –
Er machte eine kurze Pause und sprach danach: Ich bin Herr auf Richten, in Rotenfeld und in Neudorf! Die Kirche in Neudorf ist mein! Sie haben Ihr Amt von mir, Sie wohnen in meinem haus, auf meinem Grund und Boden, unter meiner Jurisdiction; die Leute, welche Ihre Gemeinde bilden, sind von mir abhängig, zum grossen Teile mir hörig – bedenken Sie das wohl! – Ich hindere Sie in Ihrem luterischen Bekenntnisse nicht; beten Sie, singen Sie, predigen Sie, wie Sie wollen – das ist Ihnen und meinen Leuten von den Staatsgesetzen gewährleistet! Aber merken Sie es sich: wo Sie es sich beikommen lassen, etwa auch einmal als Glaubensstreiter, von Ihrem Gewissen getrieben, meine religiöse Freiheit auf meinem Grund und Boden anzutasten, da hört Ihre religiöse Freiheit auf, da beginnt meine gutsherrliche Machtvollkommenheit, und – der Freiherr wurde rot vor Zorn – dass der Gottard sich nicht unterfängt, sich jemals wieder innerhalb meiner Grenzen blicken zu lassen ....
Herr Baron! fiel der Pastor ihm in die Rede, Herr Baron! – Die stimme versagte ihm, und wie der Zorn des Freiherrn Wange gerötet, hatte der Schrecken das Antlitz des Greises entfärbt. Aber er nahm sich zusammen, und mit ruhiger Würde an den Freiherrn herantretend, sagte er: Es ist ein Amt des Friedens, das der Herr in meine Hand gelegt hat. Ich habe es bis hieher verwaltet nach bestem Wissen und Gewissen, und ich hatte fest gehofft, in demselben fortarbeiten zu können bis an meinen Tod. Indess Gott hat es anders beschlossen. – Er hielt aufs Neue inne, und mit bebender stimme, aber dem Freiherrn ruhig in das Auge sehend, sprach er: Menschenfurcht soll die letzten Tage meines Lebens nicht entehren. Ich werde meinen Sohn nicht abweisen von der Tür seines Vaterhauses, auch wenn er irrte und sein heiliger Eifer ihn zu weit geführt hat; ich werde ihm und mir nicht Schweigen auferlegen, wo der mir anvertrauten Heerde Gefahr zu drohen scheint, und – bin ich doch der einzige nicht, dessen Bleiben hier fürder nicht mehr ist!
Er verneigte sich tief und wollte sich