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Schrecken daran, wie sie die Tochter, die er einst so blühend und so hoffnungsreich aus ihrer Hand erhalten, jetzt wiederfinden mussten.

Er nahm den Brief noch einmal auf, aber er konnte sich nicht überwinden, ihn noch einmal zu lesen, und ihn auf den Tisch schleudernd, rief er ärgerlich: Ich wollte, sie hätten mich mit ihrer späten Versöhnlichkeit verschont!

Trotzdem musste er zu einem Entschlusse kommen, und rasch, wie man etwas Lästiges abzutun sucht, warf er mit fester Hand die folgenden Zeilen auf das Papier:

"Empfangen Sie, teurer Freund, meinen nachträglichen Glückwunsch zu Ihrem Geburtstage, den wir doppelt zu segnen haben, da er Sie zu einer für uns so erwünschten Einsicht und Entschliessung geführt hat. Ich nehme die Versöhnung, welche Sie mir bieten, ohne alles weitere Erörtern an, und meine Frau wird glücklich sein, ihren verehrten Eltern die Hand küssen und ihren Segen wieder empfangen zu können. – Leider war ich genötigt, da Geschäfte mich hieher riefen, sie unter der Obhut des Caplans noch in der Stadt zurückzulassen. Ein Brustübel, dessen Symptome sich schon vor der Geburt unseres Sohnes zeigten und in Zwischenräumen immer wieder bemerkbar machten, hat sich plötzlich entschieden ausgebildet und sie vor wenig Wochen mir zu rauben gedroht. Auf dem Wege der Genesung, ist sie der grössten Schonung bedürftig, und ich bin eben desshalb noch nicht im stand, Ihnen, teurer Graf, und der Gräfin, die ich meiner aufrichtigen Ergebenheit zu versichern bitte, anzugeben, wie und wann ich meiner Frau die Mitteilung Ihres Briefes werde machen können und in welcher Weise wir unser Wiedersehen mit Ihnen einzurichten haben, damit es auf die Kranke nicht zu erschütternd wirke. Ich hoffe, dass ich Angelika in acht Tagen ihre Reise nach Richten antreten lassen darf, und ich will noch heute den Caplan von Ihrem Briefe in Kenntniss setzen, oder besser ihm Ihr Schreiben übermachen, damit dieser erfahrene und bewährte Freund, der mein und Angelika's Vertrauen ganz und gar besitzt, vorsichtig den Augenblick wähle, in welchem wir meiner Frau die von ihr sicherlich ersehnte, sie aber eben so gewiss sehr erschütternde Kunde zugänglich machen dürfen.

Meinen Sohn habe ich aus der Stadt mit mir hieher genommen. Er sieht seiner Mutter völlig gleich und wird, wie ich hoffe, Ihre Liebe gewinnen, da er ja das älteste Ihrer Enkelkinder ist. In der Erwartung, Sie, bester Graf, und die Gräfin bald persönlich zu begrüssen,

der Ihrige."

Er las das Geschriebene zu wiederholten Malen, ohne recht damit zufrieden zu sein. Er wollte nicht entgegenkommen, er wollte sich nicht ablehnend zeigen, und er ersah an der Art und Weise seines Erwägens, wie fremd die Familie seiner Frau ihm geworden war und wie fest die Abneigung gegen sie in seinem inneren gewurzelt hatte. Jetzt, da sie ihm, wie er es nannte, grundlos eine Versöhnung aufnötigten, nachdem sie sich einst eben so grundlos von ihm und von ihrer Tochter losgesagt, weil diese sich freiwillig dem Bekenntnisse ihres Gatten angeschlossen, fühlte er sich fast erbitterter gegen sie, als zuvor, und dass er dieser Erbitterung nicht Worte geben durfte, dass er gezwungen war, sich aus Rücksicht auf Angelika und auf die Welt einer fremden Willkür hinzugeben, verdüsterte seine Seele nur noch mehr. Hätte er mit einem Federstriche Alles, was ihn umgab, vernichten können, er würde ihn getan haben, auf die Gefahr, selbst dabei zu grund zu gehen; und mitten in seinem zornigen Grimme dünkte ihm eben dieser doch wieder seiner und seiner natur so unangemessen, dass er grade davon am allermeisten litt. Er konnte das ideale Bild, welches er von sich selber stets vor Augen gehabt und im Herzen getragen hatte, nie mehr in seiner Reinheit wiederfinden: das heisst, er wusste, dass er ein für alle Mal sich selbst verloren hatte.

Grade, als der Freiherr den Brief an den Caplan beendete, meldete man ihm den Pfarrer.

Er soll kommen! befahl er kurz, und übergab dem Diener die Briefe an den Grafen und an den Caplan mit der Anweisung, sie sofort nach der Stadt zu senden, damit die am nächsten Morgen durchpassirende Post sie noch mitnehmen könne.

Mit raschem Schritte ging er dem eintretenden Geistlichen entgegen. Der Pfarrer hatte sich auf eine harte Stunde vorbereitet. Er war nicht unterrichtet gewesen von dem Vorhaben seines Sohnes; er beklagte und verdammte von Grund der Seele die in Rotenfeld geschehenen Freveltaten und Verbrechen, denn er besass nicht des Candidaten wilden Glaubenseifer; er war duldsam und gelassen, und er hatte sich, als er zu so ungewohnter Stunde vor den Freiherrn beschieden worden war, fest gelobt, dass er, seine Würde und seine überzeugung wahrend, dennoch versuchen wolle, den gerechten Zorn des Gutsherrn zu besänftigen. Aber der Empfang, welcher ihm zu teil ward, liess ihn das Aeusserste befürchten.

Ohne ihm, wie er es sonst stets getan, die Hand zum Grusse zu bieten, ohne ihm einen Sessel anzuweisen, sagte der Freiherr, während er den Greis inmitten des Zimmers stehen bleiben liess: Ich habe Sie gleich kommen lassen, weil ich zuvor mit Ihnen im Klaren sein wollte, ehe ich weiter gehe, und weil Sie, Pastor, Sie ganz allein, mir für all den Schaden und für all das Unheil verantwortlich sind, die hier angerichtet worden! Wer hiess Sie, den frechen Burschen meine Kanzel besteigen zu lassen? Wer hiess Sie ....

Gnädiger Herr!