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hinein sollte in das schöne Schloss zu den glücklichen Kindern, die einst hinter den goldenen Fenstern spielen würden.

Mache, dass Du hineinkommst! rief die Mutter mit unterdrückter stimme, denn Dir kommt es zu, dort in dem schloss zu wohnen. Dir kommt es zu! Hörst Du, Dir! Du bist der älteste Sohn! Dir kommt es zu, dieses Schloss!

In dem Augenblicke hörte sie Schritte. Sie fuhr zusammen, fasste ihres Sohnes Hand, und als sie sich umwendete, stand der Caplan vor ihr. Er hatte sie aus dem Fenster seines Zimmers auf der Terrasse gesehen und kam besorgt herab, sie zu fragen, was sie hierher geführt habe.

Paul soll doch wenigstens einmal sehen, wo sein Vater wohnt, antwortete sie trocken. Da er den Park und das Schloss nie hat betreten dürfen, so lange wir hier lebten, soll er es sich genau betrachten, ehe wir von hier scheiden.

Der Caplan machte keine Einwendungen dagegen. Er sprach ihr und dem kind freundlich zu, aber er suchte sie, indem er vorwärts ging, von der Terrasse, auf welche auch die Fenster von dem Zimmer des baron hinaussahen, fortzubringen, und weil die Achtsamkeit des Knaben sich auf die Schwäne unten im Flusse hinwendete, gelang es Jenem leicht, Mutter und Sohn dortin zu leiten. Am Flusse blieb Pauline stehen. Die Sonne war herunter, das wasser sah schon ganz finster und schwarz aus, die Schwäne zogen mit ihren weissen gehobenen Flügeln langsam darauf hin.

Sieh', wie breit der Fluss hier ist! sagte Pauline, der geht durch das ganze Land, und ist tief, sehr tief. Noch ein paar Wochen, dann wird er gefroren sein. Vergiss das nicht, Paul! Oben liegt das grosse, helle Schloss und unten fliesst das tiefe, finstere wasser! Wirst Du das behalten?

Ja! versicherte der Knabe.

Nun, dann können wir gehen! rief die Mutter, blieb aber doch noch einmal stehen, um noch einen blick auf das Schloss zu werfen, und sagte: Da oben ist auch Alles leer, all die Stuben von der seligen gnädigen Frau und von dem gnädigen fräulein! Die haben auch Platz machen müssen!

Sie seufzte, wollte noch Etwas sagen, unterliess es jedoch und wünschte dem Caplan eine gute Nacht, wobei sie ihm dankte, dass er so viel Geduld und Nachsicht mit ihr gehabt habe und dass er sie und den Knaben hier nicht gestört. Er versuchte, mit ihr von ihrer Reise, von ihrer Einrichtung in der Stadt zu sprechen, und geleitete sie während dessen bis zum Parke hinaus. An der Pforte desselben bat er sie, sie möge das Wort halten, das sie ihm neulich gegeben, den Baron nicht weiter zu beunruhigen. Was ich versprochen habe, das habe ich versprochen und das werde ich halten! Was der Herr Baron von mir noch hören soll, das erfährt er durch Sie, Hochwürden! beteuerte sie. Der Caplan lobte das, sie boten sich nochmals gute Nacht, und Pauline schritt mit ihrem Sohne durch die hereinbrechende Dunkelheit gegen Rotenfeld nach haus.

Viertes Capitel

Als der Geistliche in das Schloss zurückkehrte, sagte man ihm, dass der Baron nach ihm gefragt habe, und er verfügte sich nach dessen Zimmer.

Ein freundliches Licht, eine behagliche Wärme strömten ihm entgegen, als er in dasselbe eintrat. Im Kamine knisterte und flackerte das Feuer und warf seine Streiflichter nach den Genien von Marmor empor, die von der hochgegiebelten Spitze desselben Kränze und Palmenzweige herniederreichten. An dem grossen schreibe-Bureau, oben, gegen das Fenster hin, sass der Baron. Bei dem klaren Lichte der Wachskerzen, die auf den silbernen Armleuchtern brannten, ordnete er verschiedene Briefschaften und Papiere, und die im Kamine auffliegenden leichten Feuerflokken verrieten, dass er auch Papiere verbrannt haben musste.

Als er den Caplan gewahrte, stand er auf und ging ihm ein paar Schritte entgegen. Es ist gut, dass Sie da sind, Bester, sagte er dann; mir wurde allmählich bange vor diesem Schreibtische. Alte Papiere durchzusehen, ist mir beinahe noch quälender, als auf einem Kirchhofe umher zu wandeln. Der Kirchhof, so traurig seine Mahnung an unsere Vergänglichkeit ist, zeigt sich uns doch immer als die Ruhestätte für manches Leiden, und wir selber empfinden uns auf demselben mit Behagen als die Lebenden, wir sind für den Augenblick wenigstens noch die Bevorzugten. Aber vor solchen Papierener wies mit der Hand darauf hinfühlen wir selbst uns schon in gewissem Sinne als Vergangene. Wir kennen uns selbst nicht in den durchlebten Zuständen wieder, wir belächeln das, was uns einst wichtig schien, wir sehen auf uns selbst wie auf etwas Fremdes zurück, und daneben wälzt sich uns die ganze Masse von Irrtümern und Verschuldungen auf, die man sich nicht ableugnen kann und mit denen man sich selbst und Andere leiden machte. Die vergangenen Freuden sind uns keine rechten Freuden mehr, die Menschen, die vor uns auftauchen, sind teils wirklich tot, teils tot für uns, und weil wir auf so viel Vergangenes blicken, verlieren wir das Zutrauen zu demjenigen, was wir jetzt wünschen und erstreben. Der grüne Rasen des Kirchhofes ist lange nicht so melancholisch, als solche Päcke vergilbter Papiere. Sie müssten uns alle Lust am Leben nehmen, wären wir nicht wie die Kinder geneigt, uns das Kommende, das Unbekannte, trotz aller unserer Erfahrungen, doch immer wieder schöner und verlässiger, als das