so viel anmutige Freiheit verleiht.
Mit einer Gräfin Berka glaubte der Baron am wenigsten zu wagen. Die einzige Tochter des Hauses zeigte sich ihm nach kurzer Bewerbung geneigt, die Eltern gaben mit Freuden ihre Einwilligung; noch ehe der Herbst herankam, wurde die Zeit der Hochzeit festgesetzt, und der erste Nachtreif ruhte auf dem land, als man in Berka eines Abends den Ehevertrag des baron mit Comtesse Angelika unterzeichnete.
Der Baron befand sich dabei in der angenehmsten Verfassung. Die zurückhaltende Zärtlichkeit seiner Braut hatte einen eigentümlichen Reiz für ihn, die Aussicht, das schöne Mädchen bald sein eigen zu nennen, regte ihn angenehm auf. Er war von den mancherlei Festen hingenommen, welche man zu Ehren der Verlobten in den beiderseitigen Familien auf den verschiedenen Besitzungen derselben veranstaltete, und dazwischen beschäftigten ihn die Vorkehrungen, die er in seinem schloss traf, um es vor der Ankunft seiner jungen Gattin in einer Weise einrichten zu lassen, die ihrer und seiner Bequemlichkeit, ihrem und seinem Geschmacke genügen konnte.
etwa vierzehn Tage vor seiner Hochzeit befand er sich eines Mittags in dem für seine Frau bestimmten Wohnzimmer. Sein Caplan war bei ihm, und sie überlegten gemeinschaftlich, ob man die beiden antiken Statuen des Amor und der Venus, welchen man neue Postamente gegeben hatte, neben dem Kamine oder in den Ecken des Zimmers aufstellen lassen solle. Als der Baron sich eben für das Letztere entschieden hatte, weil Kunstwerke, wenn sie neben dem Kamin stehen, die Aufmerksamkeit, welche den Lebenden, welche der Gesellschaft zukommt, auf sich zu lenken pflegten, brachte der Diener ihm einen Brief.
Der Freiherr blickte das Schreiben an, steckte es, ohne es zu öffnen, in die tasche und versetzte kurz: Sag' Er, ich sei beschäftigt!
Dem Diener schien diese Abfertigung des Briefes nicht aufzufallen, der Baron war offenbar in seiner heiteren Stimmung gestört worden. Er trat noch ein paar Mal hieher und dortin, die wirkung der Statuen zu beurteilen, dann entliess er die Diener, welche dabei behülflich gewesen waren, und ging langsam im Zimmer auf und nieder, als wolle er den Eindruck prüfen, welchen es auf den Beschauer bei einem ersten Anblicke machen würde.
Er war mit seiner Einrichtung zufrieden. Die gediegene Pracht tat der Wohnlichkeit keinen Abbruch, es stimmte Alles zusammen, und was die Schönheit des Raumes noch erhöhte, das war der unbegrenzte blick in die Ferne, den das Zimmer aus seinen hohen Bogenfenstern darbot.
Der Tag war sonnig, die Luft so fein, dass sie dem Blicke nirgend ein Hinderniss entgegenstellte. Auf dem Rasenplatze vor dem schloss lag stellenweise noch der weisse Reif, unter welchem das Gras sommerlich grün und frisch hervorsah. Die weitin sich erstreckenden gradlinigen Hecken von Buchsbaum, die scharf zugespitzten Obelisken und Taxus-Pyramiden hatten durch die späte Jahreszeit noch nichts von ihrer Farbe und Form verloren. Sie entsprachen auch jetzt noch der architektonischen Absicht: die herrschaftliche wohnung über die Grenze des Hauses hinaus in das Freie fortzusetzen, und am Ende des Gartens hoben sich die Bäume des sogenannten Bosquets empor, majestätische Kiefern, deren braunrote Stämme, wie die Pinien, breite, grüne Kronen trugen, und prächtige Eichen, noch voll von ihrem üppigen und jetzt goldgelb gefärbten Laube.
Der Baron ging an das eine, dann an das andere Fenster. Er hatte Neigung genug für seine Braut gewonnen, um sich von ihrer Zufriedenheit Genuss zu versprechen, und es freute ihn, seiner edlen Gattin diese Heimat bieten zu können. War es Zufall oder Absicht, sein blick fiel in den Spiegel, als er sich zurück in's Zimmer wendete, und ohne daran zu denken, richtete er sich dabei mit Selbstgefühl empor.
Er war ein Mann, der gefallen konnte, gefallen musste. Die grosse, breitbrüstige Gestalt entsprach dem stolzen kopf vollkommen. Der prächtige Haarbeutel fiel vornehm über den kräftigen Nacken auf den niedrigen Kragen des gestickten, breitschössigen Tuchrokkes herab; die fein gepuderten Seitenlocken machten die Gesichtsfarbe noch brauner und frischer, die dunkeln Augen noch lebendiger aussehen, und als der Baron sich nach dieser unwillkürlichen Musterung der persönlichen Vorzüge, die er seiner Erwählten darzubieten hatte, auf dem Kanapee niederliess, hätte Jeder ihn in der besten Stimmung glauben müssen, der ihn weniger lange kannte, weniger genau zu beobachten gewohnt war, als sein Caplan.
Nur um einige Jahre älter als der Baron, war er einst als Erzieher desselben in das von Arten'sche Haus gekommen und hatte später den jungen Freiherrn als Gouverneur auf dessen erster grosser Reise begleitet. Er war es denn auch gewesen, der den Geschmack des jungen Edelmannes für die schönen Wissenschaften und für die Künste entwickelt und gepflegt hatte. Was aber den gebildeten und ehrgeizigen jungen Geistlichen später bewogen, sein Leben ganz dem Dienste des freiherrlichen Hauses zu weihen, statt an irgend einem Collegium oder in der Kirche die Laufbahn zu verfolgen, für die er sich vorbereitet hatte und welche seinen Fähigkeiten und Kenntnissen entsprechend gewesen wäre, das war eigentlich selbst der freiherrlichen Familie ein Rätsel geblieben. Indess sie hatte zu benutzen gewusst, was sich ihr dargeboten hatte. Der Freiherr besass in seinem Caplan neben einem sehr formvollen und gelehrten Gesellschafter zugleich einen Bibliotekar und Archivar, und die Familie von Arten hatte in ihm einen geistigen Berater, dessen Treue, dessen umsichtige Verlässlichkeit sich bei den verschiedensten Gelegenheiten eben so tröstend als klug vermittelnd und versöhnend bewährt hatte.
Gemeinsame Jugenderinnerungen und ein langes gemeinsames Leben hatten den Baron und den Caplan zu Freunden gemacht, so weit Herr und Diener,