, mein alter, werter Freund, entfernt gehalten hat. An uns, die wir die Trennung verschuldeten, ist es daher, eben so offen und unumwunden die Versöhnung zu versuchen; und mich dünkt, diese Erklärung kann und muss allen Ihren Anforderungen und Bedenken Genüge tun. Es ist ein Freund, der von Ihnen die alte Freundschaft, es sind Eltern, die von Ihnen ihre Tochter wieder zu erhalten wünschen, Grosseltern, die sich danach sehnen, Ihrem Renatus die segnende Hand auf das Haupt zu legen. wir haben Angelika's Sohn noch nicht gesehen.
Meinem ältesten Sohn ist nach zwei Töchtern vor wenig Wochen der Erbe geboren, der ihm und meinem haus fehlte. Wir haben ihn an meinem Geburtstage taufen lassen, die ganze Familie ist bei mir versammelt. Wollen Sie kommen, den Kreis vollzählig zu machen, in dem wir Sie entbehren? Oder verlangen Sie es, fordert es Ihr Gefühl, erheischt es Angelika's Befinden, dass wir Sie in Ihrer Heimat suchen kommen? – Ich überlasse Ihnen die Entscheidung.
Für unsere Tochter füge ich von mir und ihrer Mutter nichts hinzu. Es gibt Dinge, die über das Wort erhaben, weil sie selbstverständlich sind. Unsere besten Wünsche, unsere Liebe, unser Segen sind mit ihr und mit Ihnen Allen! Und so lassen Sie uns denn in Zukunft wieder immerdar zusammenstehen, wie wir einst zusammenstanden, als Verwandte und Freunde in Neigung und in anerkennender achtung."
Der Freiherr las den Brief noch einmal, nachdem er ihn beendet hatte, und es wäre schwer gewesen, aus seinen Mienen die wirkung zu erkennen, welche er auf ihn machte, denn er konnte sich selber keine Rechenschaft darüber geben. Freude war es nicht, was er empfand.
Die Dinge müssen zur rechten Zeit kommen, um uns angenehm zu sein! rief er endlich im Selbstgespräche aus, während er sich von seinem platz am Schreibtische erhob und den Brief aus den Händen legte.
Wäre dem Freiherrn ein solches Schreiben, ein solches Eingeständniss und eine solche Aufforderung zur Versöhnung bald nach dem Zerwürfniss dargeboten worden, so würde er sie ohne alle Frage bereitwillig und mit Freuden aufgenommen haben und damals sehr zufrieden gewesen sein, in dem alten, gewohnten Geleise mit so viel Zugeständnissen und Nachsichten, wie jedes Familienleben sie erheischt, weiter fortzugehen. Aber das Zusammenleben innerhalb der Familie hat, weil es kein sittlich frei gewähltes, sondern ein zufällig bestimmtes ist, als erstes Bedingniss die ununterbrochene Dauer, die duldsam machende und den blick beschränkende Gewalt der langen Gewohnheit für sich nötig. Werden diese vermittelnden Elemente einmal zerstört, ist der Zauber gebrochen, der uns über Charakterverschiedenheit, ungleiche Lebensansichten und Ueberzeugungen, der uns über Alles dasjenige leicht fortsehen machte, was uns an den uns angeborenen Menschen störte und von ihnen im grund trennte, so ist auch die Schranke aufgehoben, welche alle Teile innerhalb eines gewissen Gleichmasses zusammen und einzelne derselben eben desshalb in ihrer freien und völligen Entwicklung – im Guten wie im Schlimmen – zurückgehalten hatte. Jeder nimmt dann frei den Weg, den er bedarf, bildet sich persönlicher, eigenartiger aus; macht man später einmal wieder den Versuch, das Ungleichartige in die alten Bande und Verhältnisse zurückzuführen, so ist dies eigentlich in Wahrheit niemals möglich, und der alte Ausspruch, dass man über seinen Zorn die Sonne nicht untergehen lassen solle, beweist sich als eine tiefe Weisheit, wofern man überhaupt eine Herstellung der früheren Verbindungen ersehnt.
Alle Eingeständnisse und Zugeständnisse, welche Graf Berka seinem Schwiegersohne und alten Freunde in diesem Versöhnungsbriefe machte, hatten für den Freiherrn nur etwas Peinigendes. Er war der Berka'schen Familie nun einmal entwöhnt. Es hatte in derselben bei grossen Vorzügen, die er auch jetzt noch anerkannte, immer eine gewisse Familienbeschränkteit geherrscht; man hatte dem Ergehen und Tun des Einzelnen eine viel zu grosse Bedeutung beigelegt und damit geringfügige Ereignisse zum gegenstand weitläufiger Besprechungen und unverdienter Teilnahme gemacht. Das war ihm auffällig erschienen, so lange er ausserhalb der Familie gestanden hatte, war ihm als Angelika's Verlobter ein wenig lästig gewesen, und er hatte sich aus dieser übertriebenen Familienliebe später die Züge in Angelika's Charakter erklärt, die er als Empfindsamkeit und als zu grosse Ansprüche an die Leistungen und Empfindungen der Anderen zu bekämpfen für nötig gehalten.
Jetzt – er fuhr sich unmutig mit der Hand über die Stirn – jetzt kam diese Versöhnung ihm sehr ungelegen, und zurückweisen konnte, durfte er sie nicht, wollte er nicht gegen Angelika, die in ihres Herzens Tiefen nie aufgehört hatte, sie zu wünschen, ein Unrecht begehen, wollte er der Kranken nicht einen ihr erwünschten Trost entziehen. Und selbst um der Meinung seiner Umgangsgenossen willen musste er die dargebotene Hand seines Schwiegervaters freundlich zu ergreifen scheinen! Aber je länger er darüber nachsann, um so schwerer und unwillkommener dünkte ihm diese erneute Annäherung.
Er wusste, wie wenig die Geistesrichtung der Herzogin und ihre Ansprüche und Gewohnheiten mit denen der Berka'schen Familie zusammenstimmten. Es kam ihm daneben nicht willkommen, die Berka's so nahe in seine Verhältnisse blicken zu lassen. Er konnte sich denken, mit welchen Augen sie den Kirchenbau betrachteten, welche fragen der Graf, der in der eigenen Bewirtschaftung seiner Güter grosse Befriedigung fand und glänzende Erfolge erzielte, wegen der Ausschlagung der Wälder und wegen der Entlassung der Steinerts an ihn richten würde. Es beunruhigte ihn, dass seine Schwiegereltern gerüchtweise von seinen augenblicklichen Geldverlegenheiten, von dem Verkaufe des Hauses erfahren haben könnten, und vor Allem dachte er mit