1864_Lewald_163_198.txt

Es regnete noch immer, auch das Gewitter war noch nicht vorüber. Die feuchte Kühlung, welche herein drang, erfrischte ihn, aber sie vermochte seine Ungeduld nicht zu besänftigen. Er verlangte nach einer Ableitung für dieselbe, und rasch seine Hand erhebend, schellte er dem Diener. Es soll sogleich ein Bote nach Neudorf reiten, befahl er, und den Pfarrer zu mir rufen!

Es ist sechs Uhr vorüber, gnädiger Herr! bemerkte der Diener.

Und? fragte der Freiherr, indem er ihn gebieterisch anblickte.

Der Diener verneigte und entfernte sich schweigend. Ehe der Reitknecht sattelte und nach Neudorf kam, ehe der Pfarrer anspannen liess und in Richten sein konnte, musste es halb neun Uhr werden und der Freiherr bei dem Abendbrode sein.

Er ist wie ausgetauscht! dachte der Diener, während er die Treppe hinunterstieg, und es widerstrebte ihm, den Befehl zu überbringen; denn es war sonst nie des Freiherrn Art gewesen, seine Untergebenen zur Unzeit zu bemühen oder sie in ihren Feierstunden zu stören, und eben seine rücksichtsvolle Menschlichkeit gegen den Geringsten seiner Leute hatte ihm deren Liebe und Verehrung erworben.

Er hatte den Diener auch kaum entlassen, als er sich selber die Berechnung machte, wie er sich ein lästiges Erwarten einer lästigen Besprechung auferlegt; indess er liebte es nicht, seine Befehle zu widerrufen, und um die langsam schleichenden Stunden zu bewältigen, setzte er sich endlich an seinen Schreibtisch nieder, die Postsendung zu mustern, welche für ihn nach der Abreise des Caplans in Richten angekommen war.

Aber er hatte die tasche kaum geöffnet, als er die Zeitung und alles Uebrige zur Seite legte, um ein Couvert zu betrachten, dessen Handschrift ihn in eine lebhafte Ueberraschung versetzte. Er hatte sie seit Jahren nicht gesehen und doch war sie ihm vertraut genug. Mit einer Hast, die gegen seine sonstige Gemessenheit sehr abstach, erbrach er das Siegel, auf dem mit festem Drucke das gräflich Berka'sche Wappen ausgeprägt war, um den Brief zu lesen, den ersten Brief, welchen sein Schwiegervater seit dem Familienzerwürfniss an ihn richtete.

"Ich bin lange mit mir zu Rate gegangen," schrieb der Graf, "ob ich Ihnen schreiben, oder mich auf den Weg machen sollte, Sie aufzusuchen; und nun ich mich zu dem ersteren entschlossen, da ich Sie nicht zu überraschen und durch die Gewalt des Augenblickes zu bestimmen wünschte, weiss ich kaum noch, mit welchem Namen ich Sie nennen soll. Wo sich nach einer langen, ungetrübten Lebensgemeinschaft, die man von beiden Seiten als einen Vorzug zu schätzen wusste, ein Bruch auftut, der durch viele Jahre offen bleibt, verändert die Zeit, die uns in unserem eigensten Wesen umgestaltet, auch notwendig die beiderseitigen Verhältnisse, und kein Erfahrener kann an die Möglichkeit glauben, das alte Band und die früheren Zustände wieder zu finden oder wieder herzustellen. Trotzdem mag es zwischen uns, wo die nächsten und heiligsten Bande des Blutes ihre Ansprüche geltend machen, vielleicht gelingen, sich in neuer Weise und auf neuem Boden zu vereinigen, und ich biete Ihnen die Hand, lieber Arten, um diesen Versuch zu machen.

Ich verhehle Ihnen nicht, dass ein bestimmtes Ereigniss mir den nächsten Anlass zu diesem Briefe gegeben und den Entschluss, Ihnen eine Versöhnung vorzuschlagen, in mir zur Reife gebracht hat. Ich habe meinen sechzigsten Geburtstag begangen, und vorwärts blickend auf die Jahre, die mir noch gegönnt sein können, zurückschauend auf den Weg, den ich gegangen bin, wird Alles einheitlicher, sieht Alles sich milder und weniger ungewöhnlich an.

Was ich meiner Tochter einst nicht verzeihen zu können glaubte, den Abfall von der Lehre, in der sie mit uns vereinigt war, und ihren Uebertritt zur römischen Kirche, das habe ich als eine Tatsache hinnehmen lernen, wofern sie ihr Glück und ihren Frieden in ihrem neuen Bekenntnisse findet. "In meines Vaters haus sind viel Kämmerlein", – mag sie weilen, wo ihr die Sonne am wärmsten scheint. Sie ist um ihret-, nicht um meinetwillen in der Welt; sie ist uns eine gute Tochter gewesen, sie ist Ihnen sicherlich eine würdige Gattin geworden. Glaubte sie dazu der kirchlichen Gemeinschaft mit Ihnen nötig zu haben, so tat sie vielleicht wohl, dieselbe zu suchen, und Gott wird ihr mit seinem Troste nahe geblieben sein, in welcher Form sie sich auch zu ihm gewendet hat, sofern nur ihr Streben ein Gott wohlgefälliges gewesen ist.

Ich habe unsere Angelika, ich habe meine Tochter schwer vermisst, als ich gestern ein Decennium meines Lebens abschloss, und auch Angelika's Gedanken werden bei mir gewesen sein. Ich und ihre Mutter haben die Härte bereut, mit der wir sie von uns gewiesen, unser täglicher Segenswunsch hat das VerdammungsUrteil längst entkräftet, das wir einst gegen sie gefällt, und ihr eigenes Mutterherz wird sie gelehrt haben, dass die Elternliebe zwar beleidigt, aber nicht zerstört werden, dass sie irren, aber auch bereuen kann.

Man sagt mir, Angelika sei krank, Sie hätten sie nach der Stadt gebracht, einen der dortigen ärzte zu Rate zu ziehen. Hat sie nicht verlangt, uns zu sehen? Hat sie nicht daran gedacht, uns Kunde von sich zu geben? Und wollen Sie uns dieselbe zukommen lassen, wenn Sie dieses Schreiben empfangen haben werden? Ihre Mutter und ich sind in schwerer sorge um sie.

Unsere Glaubensstrenge hat den Bruch veranlasst, der uns, mein teurer Arten, so lange von unserem kind und von Ihnen