an, wie er die Missetäter strafen, wie er sie entgelten lassen wolle, dass sie sich gegen seinen Willen aufgelehnt und Hand angelegt hatten an das Heiligtum, das er errichtet.
Der Regen strömte vom Himmel, es blitzte nicht, aber ein elektrisches Feuer flammte zitternd durch die ganze Luft, als die beiden Reisewagen in das grosse eiserne Gattertor einfuhren, rasch die Allee durchflogen und auf der Rampe vor dem Portal hielten. Die Diener sprangen von ihren Sitzen, triefend und mit nassen Händen hoben sie Renatus aus dem Wagen, die Bonne und die Kammerjungfer folgten, und vorsichtig half der Freiherr selbst der Herzogin auszusteigen und die Stufen zu überschreiten, welche der wolkenbruchartige Regen schnell unter wasser gesetzt hatte.
Im schloss war Alles in der grössten Bestürzung. Es war noch niemals vorgekommen, dass der Freiherr in solcher Weise, ohne sich anzumelden, nach haus zurückgekehrt war. In den Zimmern hatte man, weil man Hagel besorgte, der Vorsicht wegen die Läden geschlossen, die Möbel waren während der Abwesenheit der herrschaft mit Decken verhüllt, die Dienerschaft hatte es sich in ihren Räumen bequem gemacht und musste erst zusammengeholt werden. Es waren natürlich gar keine Vorkehrungen für die gewohnte Bequemlichkeit der Herrschaften getroffen, und während Alles durch einander lief und Jedermann sich hastete, um zur rechten Zeit ein Abendbrot bereit zu haben und die Zimmer wohnlich herzustellen, hielt man doch die aus der Stadt zurückkommende Dienerschaft, wo man ihrer habhaft werden konnte, fest, um in aller Eile zu erfahren, was es bedeute, dass die Baronin nicht mitgekommen sei, um zu fragen, wie der Freiherr die Nachrichten aus Rotenfeld und Neudorf aufgenommen, und um es mit ungläubigem Erstaunen zu vernehmen, dass die kranke Baronin noch immer bei den Juden wohne, bei denen der Unfall sie betroffen; dass die Tochter dieser Juden ihre Pflegerin und ihre Herzensfreundin sei, dass der Freiherr sein Haus in der Residenz verkauft habe, und dass die alte, spukhafte Mamsell Marianne zur Bedienung der Baronin nach Richten berufen worden, weil die Kammerjungfer jetzt die Stelle der französischen Mamsell bei der Herzogin vertreten solle, was ihr auch nicht an der Wiege vorgesungen sei. Dazwischen liess man ahnen, dass es die Baronin sicherlich nicht weit in Jahren bringen werde. Der Kammerdiener vertraute dem Secretär, dass der Doctor sie eigentlich aufgegeben habe, und wenn die Frau Baronin ihre Augen schliesse, dann wolle er nicht hinsehen.
Der Secretär fragte, ob er es denn für möglich halte, dass der Freiherr .... er sagte nicht zu Ende, was er dachte.
Der Kammerdiener antwortete, man müsse sie kennen, wie er; sie sei falsch und schlau, wie kein Mensch es sich nur denken könne. Auch er nannte keinen Namen, und doch meinte nach einer halben Stunde Einer wie der Andere im schloss: nur davor sollte der liebe Herrgott sie bewahren, und das werde der Freiherr auch nicht tun. –
Draussen tobte das Wetter in ununterbrochener Heftigkeit, aber selbst die alte, schreckhafte Beschliesserin, welche es sonst nicht leicht versäumte, bei solchem sichtlichen Zorne Gottes ihr Vaterunser zu beten, merkte heute gar nicht, was um sie her geschah. Die überraschenden Neuigkeiten, das Verwundern, das Vermuten und Prophezeien nahmen sie wie alle ganz und gar in Beschlag; denn wie allen Menschen von beschränktem Gesichts- und Gedankenkreise verschwand ihnen vor dem nächsten, das sie beschäftigte, die ganze übrige Welt, und es hätte eines Erdbebens bedurft, um das Hauspersonal von dem Erstaunen über die plötzliche Ankunft der herrschaft und von der Frage, was denn nun kommen und geschehen werde, abzuziehen.
Zehntes Capitel
Einsam und verdüstert ging der Freiherr in seinen Gemächern umher. Er hatte die weiten Räume sonst immer gern gehabt, heute waren sie ihm zuwider. Sie kamen ihm leer vor. Er begab sich nach dem Flügel, den seine Frau bewohnte; dort war noch Alles zugeschlossen. Er kehrte also wieder um, er wusste auch selbst kaum, was er dort gewollt. Im Vorübergehen trat er bei Renatus ein. Der Knabe war ganz von dem Wiedersehen seines Hundes hingenommen, hatte seine Spielgerätschaften ausgekramt und achtete wenig auf den Vater. Der Freiherr verweilte nur kurze Zeit bei ihm und fand sich bald wieder in seinen Zimmern allein.
Es überfiel ihn eine marternde Unruhe. Sein Schloss schien ihm wie ausgestorben. Er hatte geglaubt, allen Zusammenhang mit der Baronin verloren zu haben, jetzt fehlte ihm die unsichtbare Fürsorge, mit der sie ihn umgab, ohne dass er ihr Eingreifen und Tun gewahrte; ihm fehlte eben so die Nähe des Caplans, so selten er diesen in der letzten Zeit auch im Vertrauen gesehen; es fehlte ihm eben Alles, selbst der Pendelschlag der Uhren, den er zu hören gewohnt war. Sie waren alle abgelaufen. Er ging sie selber aufzuziehen. Es war eine Mühe, die er sich sonst nie zuvor gegeben, aber er musste etwas tun, um das unheimliche Gefühl der Vereinsamung zu überwinden. Er kam sich wie ein irres, über den Ruinen seines eigenen Daseins wandelndes Gespenst vor, und plötzlich dachte er mit Grauen der Tage, in denen einst Paulinens Gestalt ihn in diesen Zimmern spukhaft umschwebt hatte. Dann wieder sah er die bleiche, hinsinkende Angelika und den Knaben vor sich, der ihn mit so starrem, angstvoll flammenden Blicke angesehen.
Es war ihm, als presse die Luft in diesen Räumen, die ihm eben noch so leer gedäucht, ihm Kopf und Brust zusammen, er musste die Fenster öffnen.