dass wir Richten noch erreichen, bevor das Wetter aufkommt.
Die Kutscher trieben die Pferde an, man fuhr schnell an den Gegenständen und an den Menschen vorüber. Auf den Wiesen war Alles in voller Tätigkeit; man war in der Heu-Ernte und hastete sich bei dem heraufziehenden Wetter, wenigstens die wartenden Wagen noch voll zu laden, um sie womöglich trocken unter Dach zu bringen. Trotzdem erregte das erscheinen der beiden Reisewagen ein grosses Erstaunen. Niemand war von der Heimkehr des Freiherrn unterrichtet gewesen, und man hielt erschrocken mit der drängenden Arbeit inne. Die Mützen flogen bei dem Anblicke des Freiherrn mit gewohnter Untertänigkeit von den Köpfen, aber die Gesichter lachten nicht so freudig wie sonst, wenn der Freiherr nach längerer Abwesenheit heimzukehren pflegte. Man fragte einander, was diese unerwartete Ankunft zu bedeuten habe, aber man war nicht begierig, die Antwort des Befragten zu vernehmen; und dass die Herzogin bei dem Freiherrn sass, während die Baronin nicht mitgekommen war, das steigerte die unheimliche Angst, von welcher die Leute sich in der Erinnerung an ihre Missetat ergriffen fühlten.
Jeder Einzelne wollte nicht gern besonders wahrgenommen werden, sondern trat lieber hinter seinen Nebenmann zurück; denn sie dachten, wen der Herr ins Auge fasse, auf den richte sich sein Verdacht so wie sein Zorn. So geschah es, dass die Leute, Alt und Jung, zurückwichen, wo des Freiherrn Wagen vorüberfuhr, und sein scharfes Auge bemerkte das und wusste es zu deuten. Man fürchtete in ihm den Richter, das sollte und musste so sein. Er war nach haus gekommen, um strenges Gericht zu üben, aber nichts desto weniger kam es ihm bitter an, denn er fühlte sich dadurch von den Leuten geschieden, die er bis dahin gewissermassen mit sich Eins gewusst hatte, und ihre scheuen, misstrauischen Blicke missfielen ihm.
Im Pfarrhause sass die Pfarrerin wie immer am Fenster in dem grossen Lehnstuhle; sie sah hinaus, als sie die Wagen kommen hörte, aber sie fuhr schnell mit dem kopf zurück, und als man an dem haus vorüberkam, war sie verschwunden.
Jetzt wird der Herr Pfarrer von Ihrer Rückkehr unterrichtet, bemerkte die Herzogin, und er wird keine Hymne singen, wenn er sie erfährt.
Gewiss nicht, entgegnete der Freiherr, aber ich finde es unangenehm, Schrecken zu erregen und Furcht einzuflössen.
trösten Sie sich mit dem Sturme, der über das Land fährt. – Er erschreckt uns auch, aber wir beugen uns seiner Gewalt und er befreit die Luft, damit wir ungehindert und frei in ihr atmen.
Er antwortete ihr nicht. Man hatte den Wagen und die Fenster schliessen müssen. Wie Binsen bogen sich die jungen Bäume zu beiden Seiten der Landstrasse unter dem schweren Drucke des Sturmes, der Himmel verdüsterte sich mehr und mehr, die dunklen Wolkenmassen rückten einander nach jedem Windstosse näher, ballten sich zusammen, senkten sich tiefer hinab, und wirbelnd flogen die hohen Staubsäulen empor, wo der Wind den ausgedörrten Boden berührte. Bisweilen hörte man fernen Donner rollen, und dann zuckte es hell durch die dunkle Luft, dass man nicht wusste, ob ein Sonnenstrahl noch einmal seinen Weg durch die Wolken gefunden oder ob es der Blitz sei, der die Gegend erhelle. Das Wetter drohte sehr schwer zu werden, und Jedermann hat es auf dem offenen land zu fürchten, wenn das Gewölk sich grünlich färbt, als berge es den zerschmetternden und vernichtenden Hagel in seinem Schoosse.
Vor der Kirche in Rotenfeld liess der Freiherr das Fenster herunter. Ein blick liess ihn Alles übersehen. Vorn, dicht an dem eisernen Gitter, erhob sich der Grabhügel, welcher die Reste von Mamsell Lise umschloss. Von dem Crucifixe war der rechte Flügel mit dem arme des Heilandes heruntergeschlagen; ohne Kopf, die hände verstümmelt, knieete die Büsserin zu seinen Füssen. Der Freiherr mochte den Gräuel nicht sehen, die Herzogin war blass geworden und biss die Lippen zusammen. Sie sprachen beide nicht.
Im amt liefen ein paar Knechte umher, die Fensterladen und Torflügel festzuhaken, während der Hirt die eilende Schafheerde in den Hof trieb. Oben in ihrer stube schloss Eva das Fenster, aber sie konnte es nicht gewältigen, und es bog sich ein Mann heraus, ihr hülfe dabei zu leisten. Der Freiherr erkannte ihn, es war Herbert. Der Caplan hatte ihm nichts von dessen Anwesenheit berichtet, er mochte vielleicht auch erst nach der Abreise des Geistlichen in Rotenfeld eingetroffen sein, und es war natürlich, ja, sogar gefordert, dass er sich hier aufhielt, dass er im amt wohnte. Der Freiherr würde unzufrieden gewesen sein, hätte er den Baumeister nicht bei seinem Werke gefunden, und er war nun eben so unzufrieden, ja, noch unwilliger darüber, als er ihn eben da erblickte, wo er hin gehörte. Es war für den Freiherrn nicht mehr herauszukommen aus dem Missmute und aus den Verdriesslichkeiten, und ärgerlich sagte er zu sich selber: Mag er sein, wo er will, heiraten soll er nicht, ehe er seine Arbeit hier vollendet hat und so lange die Steinerts in meinem Dienste stehen!
Je mehr er an innerer Ruhe verlor, je mehr er sich aus seinem gewohnten Gleichmasse herausgerissen fühlte, um so reizender wurden ihm die Macht und die Gewalt, über die er zu verfügen hatte, und während ihm noch vor einer halben Stunde die Scheu, mit welcher man ihn empfing, einen betrübenden Eindruck erzeugt hatte, fing er jetzt mit einem ihm bis dahin völlig fremden Vergnügen zu überlegen