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Die Herzogin sah ihn an, als wolle sie sich überzeugen, ob er ernstaft spreche, und sagte dann lächelnd: Gewisse Dinge kann ich auch meinen ältesten und besten Freunden immer nur mit Mühe glauben, und dass Sie, mein Cousin, sich wirklich an der rohen natur erfreuen können, dass es Ihnen Vergnügen macht, das Gras auf einer Wiese und das wasser in einem Bache zu betrachten, davon werden Sie mich nicht überreden. Ueberlassen wir das den Leuten, die, wie der Apostel der Uncultur, wie der grillenhafte, unerzogene Rousseau, in der Gesellschaft ihren Platz nicht zu behaupten und mit ihres Gleichen nicht zu leben verstehen. Wir, die wir in unserer Väter Schlössern geboren wurden, dünkt mich, sind nicht dazu gemacht, die Neigungen der gefiederten Waldbewohner und der in Hütten Geborenen zu teilen. Die Bewunderung der natur ist mir ein zu bürgerliches Vergnügen, ist revolutionärer, als es scheint, und ich für meinen teilich fühle sie nicht!

Der Freiherr, bei welchem solche Einfälle der Herzogin sonst einen schnellen Wiederhall fanden, nahm diesen nicht mit der erwarteten Bereitwilligkeit auf. Das verdross sie; sie lehnte sich in die Wagenecke zurück, in der Gewissheit, dass ihr Reisegefährte seine Unachtsamkeit bald zu vergüten streben werde. Aber ihre Voraussetzungen täuschten sie, und von der Wärme ermüdet, von der sanften Bewegung des Wagens gewiegt, liess sie die Augenlider sinken, und bald hatte der Schlummer sie überwältigt.

Dem Freiherrn kam das sehr gelegen. Seine Freude an dem eigenen Grund und Boden währte dieses Mal nicht lange. Schon als er nach der Stadt gefahren, hatte er mit Missvergnügen gesehen, wie stark die Waldungen mitgenommen waren. Grade die mächtigsten Stämme, die Zierden und der Stolz des Waldes, waren mit diesem Teile der Waldungen der unbarmherzigen Axt erlegen, und jetzt, wo er, von der andern Seite kommend, in die Ferne sah, fand er die Gegend so verändert, dass sie ihm fast wie fremd erschien. Gleich am Eingange des Waldes konnte man die Neudorfer Kirche, welche sonst erst am Ausgange desselben sichtbar gewesen war, erblicken. Es nahm sich nicht übel aus; es mochte auch vorteilhaft sein, dass man das grosse Terrain zur Seite des Weges gerodet hatte, denn es war schwerer Boden, der nach gehöriger Behandlung guten Ertrag versprach. Aber alle diese Aenderungen waren nicht freiwillig gemacht; sie waren von einer notwendigkeit geboten worden, und es war nicht mehr das heitere Auge des zufriedenen Besitzers, mit dem der Freiherr auf den weiten, schönen teil des Waldes blickte, der nach den abgeschlossenen Contracten im nächsten Herbste auf Betrieb des Käufers fallen musste. Er genoss diese natur nicht mehr rein, er berechnete ihren Ertrag.

Er konnte sich nicht verbergen, dass er eine völlige Aenderung in seiner Lebensführung eintreten lassen müsse, wenn er erhalten wollte, was noch sein war, wenn er auf Renatus vererben wollte, was er überkommen hatte. Aber wie er auch darüber sann, er fand nicht, dass er ein Ungehöriges getan, er hatte immer nur das von seinen Verhältnissen Geforderte geleistet, und er war so völlig mit seinen Gewohnheiten und Anschauungen verwachsen, dass ihm eine wirkliche Einschränkung unmöglich dünkte. Dass ein Edelmann von Haus und Hof vertrieben, wie seine Freundin heimatlos und flüchtig werden könne, das begriff er, und fast däuchte ihm dieses los erträglicher, als inmitten seiner Standes- und Lebensgenossen von seinen Gewohnheiten abzuweichen, oder eine Stufe von der Höhe hinunter zu steigen, auf welcher die Herren von Arten sich hierlands seit Generationen behauptet hatten. Er wiederholte es sich, dass er in seinem vollen Rechte sei, er versuchte endlich, sich es klar zu machen, dass im grund gar nichts geschehen sei, ihn zu beunruhigen; denn was war es denn so Wichtiges, dass man ein altes, unbehagliches Haus verkaufte, oder dass man Wälder ausschlagen liess, um die Mittel für einen grossartigen Bau und für neue Cultivirungen zu schaffen? Man konnte in der Residenz, wenn man es wollte, ein schöneres, bequemeres Haus erbauen, und die herrschaft hatte des Waldes von allen Arten noch genug. Indess wie oft er sich dies Alles auch wiederholte, es wollte ihm das Wohlgefühl nicht wiedergeben, mit welchem sonst der erste Schatten seines Waldes ihn erfüllt, und es waren lauter unerfreuliche Bilder, lauter trübe Vorstellungen, die sich in seinem geist entwickelten.

Ein scharfer Luftzug schreckte ihn aus denselben empor. Er wurde achtsam, die Sonne schien nicht mehr durch das Laub. Er hörte den Ton des Regenpfeifers, und nicht fern vom Wege klopfte und hämmerte der Specht. Das Wetter hatte sich geändert, während sie durch den Wald gefahren waren. Es überlief den Freiherrn fröstelnd. Auch in seiner Seele klopfte und mahnte es heute gar vernehmlich, und sich in seinen leichten, weissen Reisemantel hüllend, sagte er halblaut und seufzend zu sich selber: Es ändert sich eben Alles; es währt hienieden nichts! – Aber er unterdrückte die Gedankenreihe, welcher der Ausruf entsprungen war, wie jene, welche sich an ihn knüpfen wollte.

Von dem Luftwechsel erwachte die Herzogin. Man hatte das freie Feld erreicht; einzelne Dohlen schwangen sich mit versuchendem Flügelschlage von dem Boden auf, hoben die Köpfe, als wollten sie sehen, woher der Wind komme, und flogen dann dem wald zu. Krächzend und mit schallendem Flattern folgte ihnen die ganze Schaar. Wir bekommen ein Gewitter, sagte der Freiherr; die Krähen suchen Schutz. Aber ich hoffe,