sie mit einer Ergebung trug, die ihm dieses Unrecht beständig ins Gedächtniss rief. Es kamen augenblicke, in welchen er die Trennung, die er freiwillig und vermessen über sich und seine Frau verhängt hatte, als einen unheilvollen Schritt beklagte, und in denen Gewohnheit und aufwallende Neigung ihn zu ihr ziehen wollten; aber wo in einer Ehe selbstsüchtiger Stolz einmal die Alles umfassende und tragende Liebe zurückgedrängt hat, wo das volle Vertrauen einmal anbrüchig geworden ist, da flüchtet die kleinste Misshelligkeit sich in den Riss, nistet sich ein, schlägt Wurzel und wächst mit der nächsten noch unbedeutenderen Misshelligkeit zusammen, bis sie stark genug werden, den Riss zu erweitern, und der Bruch wird vollends unheilbar, wenn, wie in dem freiherrlichen haus, ein scharfes Auge und eine geschickte Hand bereit sind, dem natürlichen Lauf der Dinge arglistig nachzuhelfen. Der Freiherr wusste, dass seine Gattin unglücklich war, er fühlte sich auch nicht glücklich, aber die Herzogin verstand es, jede der Baronin günstige Stimmung in dem Freiherrn entweder zu verbittern oder zu unterdrücken, und was im Beginne nur ein müssiges Spiel für sie gewesen, war ihr allmählich zum Lebenszweck geworden.
Sie hatte am Anfange weder für den Freiherrn noch für Angelika eine besondere Vorliebe gefühlt, aber die Leichtigkeit, mit welcher dieser sich für ihre selbstsüchtigen Zwecke benutzen und ausbeuten liess, und das heimliche Widerstreben gegen ihren Einfluss, das zu allen zeiten immer wieder in der Baronin rege geworden war, bis es sich zu einem entschiedenen Misstrauen und einer nicht mehr verhehlten Abneigung gegen die Herzogin gesteigert, hatten auch die Empfindungen der letzteren bestimmt, und sie fand ein Wohlgefallen daran, es sich auszusprechen, dass sie ihrem guten Vetter, dem Freiherrn, eben so ergeben sei, als sie dessen kränkelnde, empfindsame und für ihn in keiner Weise passende Gemahlin hasse! Ja, dieser Hass war ihr zum eigentlichen Genusse geworden, weil er eine starke, mächtige, sie immer belebende und antreibende Empfindung war. Sie liebte, sie pflegte diesen Hass in sich.
Es versetzte sie in die beste Laune, nun einmal aller Rücksichtnahme für Angelika entoben zu sein, und auch der Freiherr fand es leichter und angenehmer, die geistreiche, witzige, mit allen Dingen leicht und schnell fertige Herzogin zu unterhalten, als eine Kranke neben sich zu haben, deren kummervolles Herz, deren besorgter Sinn sich nicht von den Gegenständen abziehen liessen, mit denen sie erfüllt und beschäftigt waren.
Das Wetter war schön, die Gegend, durch die man fuhr, zeigte sich im günstigsten Lichte, die Unbequemlichkeiten, welche das Reisen in jenen Tagen immer noch mit sich brachte, wurden bei der guten Jahreszeit wenig fühlbar, und die Herzogin hatte in ihrem Wanderleben so mannigfache Beschwerden und Entbehrungen ertragen lernen, dass diese Reise an des Freiherrn Seite ihr in der Tat Vergnügen bereitete. Seine Zuvorkommenheit und ihre Dankbarkeit, seine Galanterie und die heitere Gefallsucht, die geistvollen Frauen nie verloren geht und sie selbst im späten Alter den Männern noch zu erwünschten Gesellschafterinnen macht, steigerten sich an einander, und ihre Gleichaltrigkeit liess sie beide immer leicht vergessen, dass die Tage der Jugend so fern hinter ihnen lugen. Der Freiherr betraf sich mehrmals bei dem Bedauern, dass er der Herzogin nicht vor zwanzig, vor fünfundzwanzig Jahren so nahe gestanden habe als jetzt; auch sie selber dachte daran, dass es sich mit einem mann von den Eigenschaften des Freiherrn wohl hätte leben lassen, wenn er ihr, wie ihr Gatte, einen Herzogstitel zu bieten gehabt hätte; und wie die Kindheit es liebt, sich spielend in das Alter der Erwachsenen hinein zu denken, so gefielen die Reisenden sich darin, von ihren Erinnerungen die hellen Farben der Jugend zu entlehnen, um sich mit ihnen vor sich selbst zu schmücken. Sie spielten mit einander Jugend, wie die Kinder Alter spielen, und auf das beste unterhalten durch den Selbstbetrug, einander noch mehr angenähert als je zuvor, schwanden die Reisetage ihnen so anmutig dahin, dass der Freiherr fast des Anlasses vergass, der ihn in die Heimat zurückgerufen hatte.
Indess mit der Annäherung an seine Grenzmark konnte er sich der Gedanken, die er gern geflohen, doch nicht mehr entschlagen, und die Herzogin bemerkte, wie er still und stiller wurde. Es war spät am Nachmittage, als sie den Wald erreichten, der sich von der Grenze bis nach Neudorf hinzog. Die Hitze war während der letzten Wochen sehr gross gewesen; die Sonne stand noch hoch. Wie mit rotem Golde übergossen, glühten die braunen Stämme der Kiefern, und über ihren breiten, grünen Dächern, auf ihren leuchtenden Wipfeln flammte das heisse Licht. Kein Luftauch störte die Stille in dem weiten wald, dessen mächtige, schlanke, von ihren reichen Kronen überwölbte Stämme sich wie die Hallen eines Tempels weitin vor den Reisenden ausdehnten. Man meinte es zu sehen, wie die brütende Hitze den harzigen Stämmen ihren balsamischen Duft entlockte und wie aus den einzelnen moorigen Wiesen, die sich zwischen dem wald hinzogen, die letzte Feuchtigkeit entwich. Lautlos flogen die Vögel von Zweig zu Zweig, nur die Käfer summten, und langsam, wie beladen mit zu schwerer Bürde, flogen einzelne Bienen über den Wagen hin, während hellfarbige Schmetterlinge ihm in gaukelndem Fluge paarweise folgten.
Auf den Befehl ihres Herrn hatten die Diener geschäftig den Wagen zurückgeschlagen, und in dem wald umherschauend, sagte der Freiherr, indem er sich mit leichter Hand die Stirn trocknete: Ah, endlich auf eigenem Grund und Boden, endlich in freier, heimischer natur!