und wo Sie an mir wenigstens eine verständnissvolle Zuhörerin besitzen, wenn Sie sich zu irgend welchen Mitteilungen aufgelegt fühlen. Das muss feststehen unter uns, dass ich Sie jetzt begleite, und ich meine, auch unsere Kranke wird den Caplan ruhiger bei sich behalten, wenn sie weiss, dass Sie, mein Freund, desshalb nicht ohne Gesellschaft bleiben müssen.
Der Freiherr, der wie gar viele Menschen jedes Opfer, welches ihm die Seinigen brachten, als selbstverständlich ansah, aber die geringste gefälligkeit, welche ihm von Fremden bewiesen ward, hoch anzuschlagen liebte, weil er darin eine doppelte Befriedigung seiner Eitelkeit fand, nahm das Anerbieten der Herzogin mit warmer Erkenntlichkeit auf und an, und nachdem man sich über diesen einen Punkt verständigt hatte, legte alles Uebrige sich leicht zurecht. Man sagte der Baronin, dass eine schwere Krankheit von Mademoiselle Lise den Caplan so lange in Richten zurückgehalten habe, dass die Kranke nach der Herzogin verlange, und dass diese sich bewogen fühle, den Wunsch ihrer vieljährigen Dienerin zu erfüllen. Allein reisen konnte man die Herzogin nicht lassen, und da der Caplan eben erst angekommen, der Freiherr aber lange von Richten entfernt war, so lag es nahe, dass der Letztere die Herzogin nach haus geleitete und dass er den Vorschlag tat, auch Renatus mit sich zu nehmen, für welchen man den Aufentalt in der Stadt bei der heissen Jahreszeit nicht vorteilhaft glaubte.
Die Baronin zeigte sich mit dieser Einrichtung einverstanden, ja, sie selber machte den Vorschlag, der Herzogin ihre Kammerjungfer ein für alle Mal abzutreten, da sie sich künftig von Mamsell Marianne bedienen zu lassen dachte, und Seba hatte kaum davon gehört, als sie sich erbot, die Pflege und Wartung der Baronin ausschliesslich über sich zu nehmen, bis Marianne, die man sogleich benachrichtigen wollte, aus der Residenz bei ihrer Herrin eintreffen würde. Indess dem Freiherrn wollte das nicht gefallen. Er war gerecht genug, die Dienste zu schätzen, welche Seba der Baronin bisher geleistet hatte, aber er konnte den Zusammenstoss nicht vergessen, den er um Paul's willen mit Seba gehabt. Allerdings hatte ihr ruhiges und gleichmässiges Betragen ihm später keinen Grund zum Missfallen gegeben, und wenn er die Angelegenheit nur von Seiten der Bequemlichkeit betrachtete, so konnte er es gar nicht besser wünschen. Beide Frauen, die Herzogin und Angelika, wurden zufrieden gestellt, beide wusste er bedient, wie sie es bedurften, die Abreise brauchte durch die Wahl einer Kammerjungfer für die Herzogin nicht um eine Stunde verzögert zu werden, und man hatte für die Zukunft eine angemessene Verwendung für Marianne gefunden, während man den Aufwand für die Bedienung der Baronin sparte. Aber mit der fortschreitenden Erholung seiner Frau regte sich in dem Freiherrn ein immer lebhafteres Bedenken dagegen, sie überhaupt in dem haus des Juweliers zu lassen, weil Herbert in demselben wohnte.
Er hatte augenblicklich daran gedacht, als die Ba
ronin erkrankte, aber er hatte Herbert abwesend gewusst und sich damit beruhigt, dass Angelika das Haus verlassen haben werde, ehe jener in dasselbe wiederkehre. Nun, da er seine Gattin allein zurücklassen sollte, musste er sich fragen, ob sie von jenem Umstande Kenntniss habe, ob und in wie weit Seba von den obwaltenden Verhältnissen unterrichtet sei und in wie fern er sich auf ihre Zurückhaltung verlassen könne. Mit Angelika jetzt von Herbert zu sprechen, hielt er nicht für ratsam, gegen die Flies'sche Familie irgend eine Abmahnung zu äussern, hätte ihm eine Beleidigung seiner eigenen Ehre gedünkt, und nachdem er in seinem geist das Für und Wider schnell erwogen, gab ein blick auf die Gestalt Angelika's für seine Entscheidung den Ausschlag.
Er hatte immer nur von der baldigen und völligen Herstellung seiner Frau gesprochen, weil es ihm töricht dünkte, sich unabweisliche Trübsal im Voraus zu vergegenwärtigen, aber jetzt, da er seine Entschlüsse danach zu fassen hatte, verbarg er sich es nicht, was selbst der Arzt ihm kaum verhehlen mögen: Angelika hatte keine völlige Herstellung zu erwarten, er hatte von der Zukunft dieser Frau nicht viel zu hoffen, nichts mehr zu befahren. Er konnte und musste ihr zu seiner eigenen Genugtuung gewähren, was sie wünschte, was sie freute. Er gönnte ihr also auch die Gesellschaft Seba's, er gönnte ihr den Aufentalt im Flies'schen haus, in dem man zu grösserer Beruhigung der Scheidenden auch dem Caplan ein Unterkommen anbot, und zufrieden, sich allen Teilen gefällig zeigen zu können, durfte der Freiherr sich das zeugnis geben, dass er unter diesen Umständen das Richtige tue, wenn er Angelika der Pflege Seba's überlasse, und sich getrösten, dass er auch in Richten das Notwendige und Rechte zu tun nicht versäumen werde.
Die Zurüstungen für die bevorstehende Abreise wurden denn nun schnell gemacht, und da die Baronin zuversichtlich hoffte, dass sie in nicht zu ferner Zeit den Scheidenden werde folgen können, trennte sie sich von ihrem Gatten und selbst von ihrem Sohne weniger schwer, als man es für sie gefürchtet hatte.
Sowohl für den Freiherrn als für die Herzogin waren die Ereignisse traurig genug, welche ihre Abreise aus der Stadt veranlassten, und doch atmeten beide freier auf, als sie sich auf dem Wege fanden. Keiner von ihnen vermisste die arme Kranke, jeder von ihnen fühlte sich fern von ihr erleichtert. Der Freiherr hatte doch gar manche Stunden, in denen er es sich nicht wegleugnen konnte, dass er, von aufgestachelter Eifersucht verblendet, eine schwere Ungerechtigkeit gegen seine Frau begangen habe, welche