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auch diese hat man festgenommen; es sitzen ihrer acht. Murrend und drohend gingen die Männer, weinend und schreiend gingen die Weiber aus einander. Steinert eilte nach Neudorf in die Pfarre. Ich war nicht im stand, meine Reise an dem Nachmittage fortzusetzen, und hätte ich es vermocht, so wäre es doch nicht zulässig gewesen. Ich musste bleiben, um die Stelle zu weihen, wo die Erschlagene ruhen sollte, und um sie zu bestatten, und in Beidem habe ich keine Störungen erlitten. Ich habe ihr Grab in der Nähe des zertrümmerten Standbildes graben lassen, damit die Leute es auf ihrem täglichen Wege vor den Augen haben.

Der Caplan schwieg, der Freiherr hatte sich niedergelassen und den Kopf auf die Hand gestützt. Er schauderte zusammen, aber er sagte nicht, was ihn bewegte, bis er sich plötzlich mit dem Ausrufe: Gleich morgen muss ich hin, gleich morgen! von seinem Sessel erhob.

Um Ihre Rückkehr zu bitten, hatten sowohl Steinert als der Justitiarius mir auch aufgetragen! meldete der Caplan, indem er gleichfalls aufstand.

Und weshalb das? fragte der Freiherr.

Um zu begnadigen, wo jene nur Gerechtigkeit zu üben hätten!

Der Freiherr blieb vor ihm stehen. Und Sie würden mir raten, dem gesetz vorzugreifen? Sie würden der Meinung sein, dass ich durch schwache Nachgiebigkeit ähnlichen Freveln Tür und Tor öffne?

Ich würde die höchste Strenge für den bewussten Urheber des Frevels fordern und Gnade üben ....

Der Freiherr fuhr auf. Strenge fordern, wo ich nicht zu richten habe, und freveln lassen, wo ich Herr bin? – Nein, Caplan! Ich gehe nach haus, morgenaber sie sollen sich meiner Rückkehr nicht zu freuen haben, sie sollen sehen, dass ich der Herr bin!

Der Caplan versuchte, Einspruch zu tun, des Freiherrn Ansicht umzustimmen, aber es gelang ihm nicht.

überzeugung gegen überzeugung! sagte der Freiherr. Sie folgten Ihrem Gewissen, als Sie sich an den Fürstbischof wandten, ich folge dem meinigen, indem ich mich meines Rechtes bediene, mir selber Recht schaffe, und ich muss der verruchten Rotte zeigen, was sie vor meinem Willen und Belieben gilt! Aber vor allen Dingen muss ich die Herzogin sehen! – Und der tür zuschreitend, sprach er zu sich selber: Das ist ein schwerer, schwerer gang!

Neuntes Capitel

Der Tod und das gewaltsame Ende ihrer Kammerjungfer erschütterten die Herzogin nicht in dem Grade, in welchem der Freiherr es gefürchtet hatte. Die Revolution mit ihrer Schreckensherrschaft hatte die Menschen ihres Landes hart gewöhnt, und die Herzogin hatte mehr verloren, hatte unter dem Beile der Guillotine zahlreiche Opfer fallen sehen, die einen anderen Anspruch an ihr Herz und an ihr Mitgefühl gehabt, als ihre Dienerin, wie sehr dieselbe ihr auch ergeben und bequem gewesen war. Hätte die Herzogin sich in Richten befunden, hätte sie heute die Dienste von Mademoiselle Lise empfangen und sie morgen entbehren, morgen mühsam einen Ersatz für sie suchen müssen, so würde sie ihren Verlust schmerzlicher bedauert haben und von dem Ereignisse mehr ergriffen worden sein. So aber übte die Entfernung ihre abschwächende Kraft. Die Herzogin hatte daneben die Bemerkung gemacht, dass die junge Kammerjungfer der Baronin eben so brauchbar und weniger launenhaft als die alte Mademoiselle Lise sei, und die Herzogin machte niemals einen unnützen Gefühlsaufwand, wo sie nicht etwas Bestimmtes damit zu erreichen dachte. Sie nannte die tote ein Opfer ihres frommen Glaubens, eine arme Martyrin, und kaum hatte sie diese Bezeichnung für sie gefunden, als sie dieselbe mit so viel Leichtigkeit handhabte, als wäre es der Eigenname der Erschlagenen gewesen. Sie war mit jedem Ereignisse fertig, sobald sie die Form gefunden hatte, in der sie es betrachten und den Anderen darstellen wollte, und wichtiger als alles Uebrige war ihr jetzt die Frage, ob sie den Freiherrn nach Richten begleiten oder in der Stadt zurückbleiben solle, um erst mit Angelika nach deren erfolgter Herstellung auf das Land zu gehen.

Dass man der Kranken den Vorfall in Richten verbergen müsse, verstand sich von selbst. Indess für die plötzlich beschlossene Abreise des Freiherrn musste man ihr doch Gründe angeben, und während man überlegte, was man ihr sagen sollte, ging die Herzogin mit sich selbst zu Rate. Angelika hatte seit ihrem Erkranken sich weniger als sonst die Mühe genommen, den Anschein eines guten Einvernehmens zwischen sich und ihrem gast aufrecht zu erhalten. Die Frauen sahen sich oft in mehreren Tagen nicht; wenn die Herzogin sich entfernte, wurde also in ihrem Verhältnisse zur Baronin nicht eben viel verändert. Sie hatte neben ihr nicht zu gewinnen und nicht zu verlieren, aber dem Freiherrn konnte sie ihre Freundschaft beweisen, wenn sie sich erbot, ihn in einem Augenblicke zu begleiten, in welchem widerwärtige Ereignisse und unangenehme Pflichten ihn in Anspruch nahmen.

Während er es noch mit gewohnter Rücksicht überdachte, wie er in seiner Abwesenheit am besten für das Behagen der Herzogin sorgen könne, hatte diese ihren Entschluss gefasst, und sanft ihre Hand auf seinen Arm legend, sagte sie: Heute, mein Freund, behandeln Sie mich nicht nach meiner Würde, denn nicht nur in der Ehe, auch in der Freundschaft verbindet man sich für gute und für üble Tage. Sie können nicht glauben, dass ich hier verweilen werde, wo ich Niemandem von Nutzen bin, und dass ich Sie allein nach Richten gehen lasse, wo es mir vielleicht doch hier und da gelingt, Ihnen mit meinem Geplauder über eine verdriessliche Stunde fortzuhelfen,