Stoff und Anlass, und er hat sich denn in den heftigsten Ausdrücken, in jenen landläufigen Redensarten gegen den Baalsdienst, gegen die Götzenanbetung, gegen die heimliche Verführung zu derselben und gegen unsere Kirche überhaupt, so lange gehen lassen, bis er es der Gemeinde endlich förmlich an das Herz gelegt, sich über die Gewalt zu beschweren, die man ihr mit dem Baue der Kirche angetan habe, und die Errichtung von Götzenbildern in dem land der reinen Lehre nicht zu dulden.
Die Frechheit kennt nicht Mass, nicht Ziel! rief der Freiherr, sich von seinem Sessel erhebend. Und die Leute, wie verhielten sie sich? Was taten sie?
Es traf sich übel, dass ihrer Aufregung eine gelegenheit, sich zu bekunden, dargeboten wurde. Missgestimmt waren sie seit langer Zeit, und die Menge liebt es ja, Alles, worunter sie zu leiden hat oder wovon sie sich beeinträchtigt glaubt, auf eine und dieselbe Ursache und Quelle zurückzuführen. Als die Leute von Neudorf aus der Kirche nach Rotenfeld zurückkehrten, machten die Kammerjungfer der Frau Herzogin und der Koch eben ihren Feiertags-Spaziergang. Aus ihrer Heimat des Anblicks gewohnt, den das Standbild ihnen darbot, warfen ihr religiöses Gefühl und ihre Rührung bei dem Gedanken an das verlassene, unglückliche Vaterland sie betend zu den Füssen des Heilandes nieder. – Sie knieend im Gebet erblicken, an ihrer Andacht Aergerniss nehmen und diesem Aerger Ausdruck geben, war bei den vorübergehenden Leuten Eines. Wir wollen unseren Sabbat nicht durch Götzendiener schänden lassen! rief eine stimme, und als hätte es nur dieses Anstosses bedurft, so erhob sich von allen Seiten der Ruf: Nieder mit dem Götzenbilde! Nieder mit den Götzendienern! Jagt das fremde Pack zum land hinaus!
Weiter, weiter! drängte der Freiherr.
Im Begriffe, mich hieher zu Ihnen zu begeben, kam ich mit meinem Wagen durch Rotenfeld. Schon beim Einfahren in das Dorf sah ich, dass etwas Ungewöhnliches vor sich gehen müsse, und das wüste Durcheinander lärmender Stimmen zeigte mir den Weg. – Der Caplan hielt einen Augenblick inne, dann sagte er: Erlassen Sie es mir, Ihnen die Scene zu schildern, die ich auf dem Kirchhofe erleben musste. Die Leute kannten sich nicht in ihrer Aufregung. Alt und Jung, Männer und Weiber waren über die beiden Unglücklichen hergefallen. Man machte ihnen die Flucht unmöglich, man steinigte sie buchstäblich, während die kräftigsten unter den Männern das Standbild zu Boden rissen und mit Aexten darauf einhieben. Das Flehen, der Angstschrei der beiden Gemarterten übertönten das Geschrei und Toben der Wütenden.
Aber war denn Niemand da, der Einhalt tat? fragte der Freiherr, atemlos vor zorniger Erregung. Wo war der Pfarrer? Wo war Steinert? Wo war der Justitiarius? Und Sie selbst, Caplan ....
Sie vergessen, Herr Baron, dass der unselige Vorfall sich nicht in Neudorf, sondern in Rotenfeld ereignete, dass der Pfarrer also nichts davon erfuhr, bis Alles vorüber war – und es wird ihm dies sicherlich das Erwünschteste gewesen sein. Steinert war über Land gefahren, und der Justitiarius, der sich unter den Besuchern der Kirche befunden hatte und gleich herzukam, hatte, wie ich, vollauf zu tun, die beiden Verwundeten ....
Verwundet – die Unglücklichen sind verwundet? Aber doch nicht ernstlich, es hat doch mit ihnen keine Gefahr, Caplan?
Der Caplan zuckte die Schultern. Die Verwundung des Kochs war unbedeutend, er ist völlig davon hergestellt. Mademoiselle Lise aber, die ein Steinwurf an die Schläfe traf – ist tot!
Der Geistliche hielt inne; der Freiherr schloss unwillkürlich die Augen. Er sprach kein Wort. Die hände auf dem rücken ging er mit schwerem Schritte im Zimmer auf und nieder. Ein Mord, sagte er endlich tonlos, ein Mord an einem schwachen, wehrlosen weib – entsetzlich! – Und die Herzogin – wie wird sie es vernehmen? – Und wieder fing er an umherzuschreiten.
Nach einer Weile hob der Caplan noch einmal an: Auch mich hatte ein Stein am Hinterkopfe verletzt ....
Sie, Sie, mein Freund? rief der Freiherr, in der sorge um den altbewährten Lebensgenossen alles Andere vergessend und an den Geistlichen herantretend, dessen hände er in lebhafter Bewegung ergriff. Darum also fiel mir Ihr übles Aussehen auf; aber freilich solch einen Anlass, solch einen Grund war ich mir nicht vermutend. Und jetzt, wie fühlen Sie sich jetzt?
Denken Sie nicht an mich, sprach der Caplan, die Wunde war nicht schwer, und – fügte er mit seiner sanften stimme begütigend hinzu – der sie mir schlug, des Hirten armer, schwachsinniger Bube, wusste in Wahrheit kaum, was er getan hatte.
Der Freiherr atmete schwer auf, drückte dem Geistlichen tief ergriffen die Hand und wandte sich ab. Es widerstand ihm, seine Erschütterung zu zeigen. Er trat an das Fenster, das auf den Markt hinaussah, aber er gewahrte nichts von dem, was draussen vor seinen Augen vorging. Er war einzig mit dem so eben Gehörten beschäftigt, ganz in seine Gedanken versunken. So verging eine geraume Zeit. Beide Männer hielten vor einander zurück, was doch ausgesprochen werden musste, und beiden ward das Schweigen drükkender, je länger es sich fortsetzte.
Endlich raffte der Freiherr sich zusammen. Lassen Sie uns zu Ende kommen! sagte er finster und gepresst. Wie verlief die Sache, und wie verliessen Sie die Dinge?
Es war, als ob der Unfall,