1864_Lewald_163_19.txt

Magd hinaus.

Als Pauline allein war, fing sie laut und heftig zu weinen an. Das währte eine geraume Zeit. Bisweilen war es, als wolle sie sich besänftigen, aber dann nahm sie den Brief wieder vor, den sie nach der Entfernung des Kindes von dem Boden aufgehoben hatte, und ihre Tränen flossen auf's Neue.

Sie liess beim Mittagessen die speisen unberührt, war aber mit dem Knaben freundlich und legte ihm reichlich zu essen vor. Nach der Mahlzeit ging sie wieder daran, verschiedene Sachen einzupacken, indess sie kam damit nur langsam vorwärts, denn sie setzte sich oftmals nieder, ihre hände gegen die Stirn pressend, weil der Kopf sie schmerzte. Nach einer Weile stellte sie die Arbeit gänzlich ein und blieb wohl eine Stunde hindurch ruhig aufgestützt am Fenster sitzen. Dann stand sie auf, zog sich zum Ausgehen an, hiess den Knaben seine Mütze nehmen und verliess mit ihm das Haus.

Gleich am Eingange des Dorfes bog sie von der grossen Fahrstrasse ab und schlug einen Feldweg ein. Er führte durch den Wald in den Park des Schlosses. Durch eine Hecke trat sie in denselben ein. Es war hell unter den grossen Bäumen, aber die Luft wehte stark und die Blätter rauschten mit leisem Klingen, sofern sie noch an den Bäumen hielten. Der ganze Boden war mit welkem, vielfarbigem Laube wie mit einem dichten Teppiche bedeckt, dass die Schritte bald unhörbar darüber hinglitten, bald es raschelnd nach sich zogen, je nachdem es trocken oder feucht war. Hier und da flog ein Vogel auf, hier und da kamen ein Hirsch oder ein paar Rehe aus dem Unterholze hervor und streckten zutraulich die feinen Köpfe mit den klaren, neugierigen Augen aus der leichten Umzäunung hervor. Die Mutter hatte dem Knaben oft von den schönen, schlanken Rehen und von den Hirschen mit ihren grossen Geweihen erzählt, aber er hatte sie niemals gesehen, und seine Freude an den Tieren war sehr lebhaft. Er hatte den Rest seines Vesperbrodes in der tasche und wollte sie füttern. Die Mutter gab es nicht zu.

Lass es gut sein, sagte sie, das ist Nichts für Dich; hier werden andere Kinder die Rehe füttern! – Sie hielt ihn an der Hand fest, um schneller mit ihm vorwärts zu kommen, und zeigte ihm im Vorübergehen die Statuen im Garten, welche grosse Blumenkörbe und schwere Füllhörner in den Armen trugen. Ein Ende weiter standen auf den Postamenten Knabenund Mädchengestalten aus Stein gehauen, welche die Flöte bliesen und Guitarre spielten. Es war das Alles neu für Paul und machte ihm Freude; aber seine Freude konnte nicht aufkommen vor dem finstern Ernst der Mutter. Er fragte mehrmals: Wem gehören die Rehe? Wem gehören die Hirsche? Wem gehört das Alles? Sie antwortete ihm kurz: Dir nicht!

In der Nähe des Schlosses sah sie der Gärtner, der die Orangeriehäuser zur Nacht decken liess. Er blickte ihr verwundert nach, weil sie seit Jahren nicht im Schlossgarten gewesen war, bot ihr den Guten Abend, sagte aber Nichts. So kam sie bis zu der Stelle, an welcher der kleine Fluss sich durch die Ausgrabungen zu einem grossen Teiche verbreiterte und von wo sich das Schloss auf seiner Terrasse am stolzesten ausnahm. Die Sonne war schon zum Sinken geneigt, sie spiegelte sich in den Fenstern, dass sie leuchteten, als wäre Feuer dahinter. Auf den Terrassen standen, wie in Paulinen's Garten, auch noch einige Stockrosen, die der Nachtfrost verschont hatte und die dem Knaben als etwas Bekanntes Vergnügen gewährten. Aber obschon die Terrasse durch das Schloss vor dem Winde geschützt war, waren auch hier die Bäume schon entlaubt. Die letzten acht Tage hatten sie sehr mitgenommen, ihre Blätter schwammen auf dem wasser, von dem der Nebel aufzusteigen begann, denn die Luft war klar und kalt.

Die vielen Schornsteine des Schlosses, die sich, drei, vier aneinandergelehnt, emporhoben, fielen dem Knaben auf.

Zähle die Schornsteine und merke Dir Alles, denn hier wohnt Dein Vater! Das ist Deines Vaters Haus! sagte die Mutter mit dem kurzen, nachdrücklichen Tone, der alle ihre Worte auf diesem Wege dem kind auffallend und eindringlich machte, ohne dass es wusste, weshalb ihm Alles so besonders klang.

Zähle die Schornsteine, wiederholte sie, und zähle, wie viel blanke Fenster das Schloss hat, und wie viel grosse Tore und Türen. Hinter den blanken Fenstern, in denen die Sonne sich so golden spiegelt, werden glückliche Kinder wohnen und spielen, aber Du wirst nicht hineinkommen in das Haus. Merke es Dir gut. Das ist Schloss Richten! Hörst Du, Paul! Das ist Schloss Richten, das gehört dem Baron von Arten, dem Onkel Baron, und der Onkel Baron ist Dein Vater! Der Baron von Arten ist Dein Vater, Paul!

Sie sah den Knaben an, sein ernstes Gesicht, in dem sich ein grosser Scharfsinn kundgab, befriedigte sie. Weisst Du's jetzt? fragte sie.

Ja; das ist Schloss Richten, das gehört dem Onkel Baron, und der Baron von Arten ist mein Vater! sprach der Kleine ihr halb verwundert und halb im Schrecken nach.

Merk' Dir's, Dein Vater heisst Herr Baron von Arten! wiederholte sie. Sage das noch einmal nach!

Mein Vater heisst Herr Baron von Arten! sprach das Kind; und ich komme nie hinein! setzte er aus freiem Antriebe hinzu, denn es tat ihm leid, dass er nicht