Gegenwart hier nicht mehr gefordert, denn ich kann Sie mit der erfreulichen Kunde empfangen, dass die Baronin ihrer Genesung entgegengeht. Wir sind also hoffentlich zum Längsten hier gewesen und werden die Schwüle der Stadt bald mit unserer frischen Luft vertauschen können, nach der auch unsere Kranke zu verlangen anfängt. Aber was bringen Sie uns, lieber Freund, der Sie von haus kommen?
Zuerst meine Entschuldigung wegen meines späten Eintreffens.
Lassen Sie das, lassen Sie das! Unser ruhiges Leben hat Ihnen die Gewohnheit schnellen Aufbrechens genommen, ich kenne das, und im grund war das niemals Ihre Sache! rief der Freiherr, anscheinend in der besten Stimmung. Ich hoffe nur, dass nicht ein Unwohlsein Sie zurückgehalten hat!
Nur wirkliche Krankheit hätte mich hindern können, dem Rufe der Frau Baronin und meiner Pflicht zu folgen! sagte der Geistliche mit einer ernsten Zurückhaltung, die den Freiherrn zu der Frage veranlasste: Sie hatten also andere Gründe, die Sie zum Verweilen zwangen?
Ja, Herr Baron, und sie waren nicht so erfreulich, als die angenehme Kunde, mit der ich hier empfangen werde! Da aber in allem Unglück sich immer noch etwas findet, was man zu segnen hat, so möchte ich's ein Glück nennen, dass die Frau Baronin und die Frau Herzogin eben jetzt von haus fern gewesen sind!
Der Freiherr sah den Geistlichen fest an und sagte: Sie lassen mich sehr langsam erfahren, was Sie mir zu sagen haben; es ist also sicher etwas recht Verdriessliches geschehen!
Leider mehr, als das! sprach der Caplan. Am Mittwoch vor Pfingsten langte der Wagen in Richten an, den man zum Abholen des Standbildes nach der Stadt gesandt hatte, und der Verabredung gemäss wurde es gleich nach Rotenfeld gebracht, um dort vor der Kirche abgeladen und ausgepackt zu werden. Da die Vorbereitungen für die Aufstellung im Voraus getroffen waren, gab der Bauführer denn auch die Weisung, mit der Errichtung der Gruppe sofort zu beginnen.
Und durch die Ungeschicklichkeit unserer Arbeiter ist sie beschädigt worden! rief der Freiherr.
Nein, Herr Baron! Der Bildhauer selbst hat sie, wie er übernommen, herausgebracht und auch die Auspakkung besorgt.
Und die Arbeit, wie ist sie ausgefallen? unterbrach der Freiherr den Geistlichen noch einmal.
Es war eine lobenswerte Arbeit; die Gestalt des Christus recht edel, der Kopf voll Ausdruck, und auch die Figur der büssenden Magdalena nahm sich schön und charakteristisch aus.
Sie sagen: es war eine schöne Arbeit, die Figur nahm sich gut aus – was soll das heissen? fragte der Freiherr.
Das Standbild ist zerstört! berichtete der Geistliche, und sein Ton und seine Miene verrieten die Empfindung, welcher er das Wort nicht gab.
Zerstört? Und wie, durch wen? rief der Freiherr lebhaft.
Durch geflissentlich erregten Glaubenshass! antwortete der Caplan mit jener Selbstbeherrschung, welche ihm zur natur geworden war.
Den Freiherrn jedoch verliess in diesem Falle seine Fassung, und mit dem fuss stampfend, rief er heftig: Unerhört! Das ist ganz unerhört! Sind denn jetzt alle Teufel los? – Aber er bereute diese Aufwallung eben so schnell, und sich niedersetzend, während er auch dem Geistlichen einen Sessel anwies, sprach er: Man sollte sich eigentlich in diesen zeiten über nichts mehr wundern und auf jede Art von Ausschreitungen vorbereitet sein; dennoch überrascht uns, wenn uns widerfährt, was wir Andere in gleicher Weise erleben sahen. Verzeihen Sie meine Aufwallung und fahren Sie fort. Halten Sie mir nichts zurück, mein Freund, ich bin jetzt vollkommen vorbereitet.
Am Mittwoch, fuhr der Caplan fort, war, wie gesagt, die Gruppe angekommen, Samstags, als die Feierstunde nahte, hatte man die Arbeit des Aufstellens beendet; ich fuhr also nach Rotenfeld, das Geleistete zu betrachten. Die Gruppe gereichte dem ganzen Baue zur Zierde; man konnte in jeder Weise seine Freude daran haben. Man hatte keine Schwierigkeiten, keine Störungen irgend welcher Art bei der Aufrichtung gehabt. Die Arbeiter, welche niemals ein Kunstwerk gesehen, hatten es angestaunt; nun standen die Kinder draussen an dem Gitter und betrachteten es neugierig. Des Försters Sohn, ein aufgeweckter Knabe, fragte mich, ob das die Mutter Maria sei, die an dem Kreuze kniee. Als ich ihm Bescheid gab, ging der Candidat vorüber. Er war, wie immer, zum Pfingstbesuch zu seinen Eltern nach Neudorf gekommen, aber er hatte sich, was er doch sonst zu tun pflegte, bei mir nicht sehen lassen.
Der Bursche war mir stets zuwider, bemerkte der Freiherr, den Erzähler unterbrechend, und er weiss es, dass seine ehrgeizige Scheinheiligkeit, wie man diese Richtung von oben her jetzt auch beschützt, bei mir ihre wirkung verfehlt!
Um so grösser und unheilvoller war aber die wirkung, welche er auf die Gemeinde übte, berichtete der Geistliche, der sich geflissentlich jedes Urteils entielt und sich nur auf die Mitteilung der Tatsachen beschränkte. In der Absicht, die Leute an ihn zu gewöhnen, hatte der Pfarrer seinen Sohn, wie seit Jahren, auch jetzt wieder am zweiten Feiertage für sich die Predigt halten lassen, und der Candidat mochte die Abwesenheit der Herrschaften für den geeigneten Zeitpunkt angesehen haben, in welchem er seinem Zorne gegen unsere Kirche einmal Luft machen und bei seinen Vorgesetzten sich damit eine geneigte Anerkennung verdienen könne. Die Aufstellung des Standbildes, meine zufällige Unterredung mit dem Knaben, deren Zeuge der Candidat eben so zufällig geworden war, boten ihm dazu den erwünschtesten