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und seit dem erscheinen dieser Frau war Angelika nicht nur sich selber, sondern war ihr auch der Mann verloren gegangen, dessen Namen sie trug und dem sie sich für gute und für böse Tage unauflöslich verbunden hatte.

Jetzt, da sie nicht mehr täglich auf die Unternehmungen und auf die Handlungsweise der Herzogin zu achten hatte, da die Anforderungen augenblicklicher Notwehr sie nicht mehr in Beschlag nahmen und sie mit nachdenkender Prüfung auf die vergangenen Jahre zurückblicken konnte, wurden ihre Erlebnisse ihr klar und rätselhaft, deutlich und fast unbegreiflich zu gleicher Zeit. Sie konnte sich die Liebe nicht wegläugnen, welche sie für Herbert hegte, aber sie vermochte sich es jetzt völlig darzulegen, mit welcher berechneten Arglist die Herzogin sie dahin gebracht hatte, sich eine Neigung für den jungen Architekten zuzutrauen, und wie schlau und geflissentlich sie dieselbe in ihr zu nähren, ja, selbst durch ihr Abmahnen anzufeuern verstanden habe. Sie erinnerte sich, mit welchem Erschrecken es sie erfüllt, als die Herzogin ihr zuerst die Möglichkeit einer Liebe für Herbert vor das Auge geführt; sie durfte sich sagen, dass sie redlich dagegen angekämpft habe, und wenn sie daneben auf die Verwicklungen, auf das Unglück blickte, das über sie gekommen war, das ihrem ganzen haus drohte, so vermochte sie sich nicht, wie der Freiherr, fest auf sich selbst zurückzuziehen, sondern sie fragte sich: Warum ward mir dieses Schicksal? Warum legte Gott mir Prüfungen auf, die zu bestehen er mich zu schwach gemacht hat? Grade jetzt, wo sie des festen, gottvertrauenden Glaubens nötiger als jemals hatte, versagte er sich ihr, und ihr Verlangen nach der beruhigenden Nähe des Caplans steigerte sich an ihrem Trostbedürfnisse, obschon sie eben in ihrem gegenwärtigen Leiden die Führung und Fügung einer höheren, sie erziehenden und aufklärenden Macht zu erkennen geneigt war.

Krank und im höchsten Grade hülfsbedürftig, hatte sie sich in einem bürgerlichen haus auf die Pflege einer ihr fremden Familie angewiesen gefunden. Keine Verwandtschaft, keine gemeinsame Erinnerung, keine Gleichheit der Gesinnungen, nicht einmal der religiöse Glaube verband sie diesen Menschen. Man hatte die Baronin von Jugend auf gelehrt, die Bürgerlichen gering zu schätzen, die Juden zu verachten; ihre Wirte, ihre Pflegerinnen, die das wussten, liessen sie es nicht entgelten, sondern umgaben sie mit einer Liebe, die ihr das Herz erwärmte und es ihr dartat, was der Mensch dem Menschen über alle Verschiedenheit des Glaubens, der Meinung und der Bildung hinaus zu sein vermag. Sie hörte es gar nicht mehr, was ihr Anfangs in der Sprache des jüdischen Kaufmanns auffällig gewesen war; sie merkte die Verstösse gegen die gute Form nicht mehr, welche Madame Flies sich in ihrem Eifer häufig zu Schulden kommen liess. Sie sah nur das uneigennützige Wohlwollen, mit welchem man sie bediente, nur den Eifer, mit dem man ihre Wünsche zu erraten strebte; sie fühlte nur die Güte, von der sie in jedem Augenblicke umgeben ward, und oftmals meinte sie sich ihrer allmählichen Genesung nur darum zu erfreuen, weil ihre Pflegerinnen sich über dieselbe so glücklich bezeigten. Sie vergass es fast, dass sie vornehm sei, so heimisch ward es ihr unter der Obhut ihrer Wirte. Nur der Dank der Kranken, der jungen Frau gegen die ältere, mütterliche Pflegerin war in ihr lebendig, wenn Madame Flies sich neben ihr bemühte, und die Baronin hatte es bald genug erlernt, wie die Stunde der Not die Schranken niederwirft, welche die Stände von einander halten; sie lernte es in ihrer Hinfälligkeit, wie erhebend es sei, bei seinen Mitmenschen freiwilliger Hingebung und reiner, erbarmender Menschenliebe zu begegnen.

Noch an dem Tage ihres Erkrankens hatte die Aussicht, dass die Familie Flies künftig das Haus von fräulein Ester, das von Arten'sche Haus in der Residenz bewohnen werde, die Baronin in allen ihren Ansichten gekränkt; jetzt konnte sie mit völliger Ruhe daran denken. Denn obschon ihr Befinden sich besserte, sagte ihr eine bestimmte und unabweisliche Ahnung, dass ihr Lebensziel ihr nicht allzu fern gesteckt sei, und vor dem Glauben an die eigene Vergänglichkeit verlor die Vorstellung von der Vergänglichkeit und Wandelbarkeit alles Bestehenden immer mehr ihre Schrecken für sie, bis sie ihr als eine notwendigkeit, ja, fast als eine Wohltat zu dünken begannen. Wie den Freiherrn der Gedanke an die Wandelbarkeit und Vergänglichkeit aller Dinge zur stolzen Aufrechterhaltung seines Ichs und seiner persönlichen Bedeutung anreizte, so machte die gleiche erkenntnis seine Gattin mild und weich, denn das Gleiche wirkt verschieden, je nach dem Boden, auf den es fällt, je nach den Elementen, mit denen es sich vermischt.

Muss ich doch meinen eigenen Leib, meines Geistes Haus, in Staub zerfallen lassen, sagte sich Angelika, wie dürfte mich's betrüben, dass ein Haus von Stein und Mörtel nicht auf ewige zeiten hinaus denjenigen zu eigen bleibt, deren Väter es errichteten! Renatus hat seinen eigenen Leib und seinen eigenen Geist von Gott empfangen, mag er sich auch, gleich seinen Ahnen, sein eigenes Haus erbauen, und wie Gerhard und ich hier in diesem fremden haus weilten und von seinen Bewohnern Gutes erfuhren, Liebe gewannen, so mag die schöne Seba in Gottes Namen in dem haus leben, das wir unser eigen nannten und das ich einst bewohnte; nurfügte sie seufzend hinzumöge sie dort glücklicher werden, als ich!

Achtes Capitel

Sie haben sich lange erwarten lassen, sagte der Freiherr, als an einem Abende der Caplan bei ihm eintrat, und fast wäre Ihre