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Herrn Grafen Berka, den Grafen Gerhard, der im Quartiere bei uns lag!

Die Baronin schwieg. Es war lange her, dass Jemand ihr von ihrem Bruder gesprochen hatte. In der Welt, in welcher sie lebte, wusste Jedermann, dass sie mit ihrer Familie zerfallen war, und man hütete sich, sie daran zu erinnern; aber sie hatte in den bangen Stunden, in welchen sie zu sterben geglaubt, sich lebhaft nach ihrem Vater und nach ihrer Mutter gesehnt, und hier in diesem haus, in dem sie, fremd unter Fremden, einer Liebe teilhaftig wurde, welche sie an ihr Vaterhaus gemahnte, hier plötzlich von ihrem Bruder reden zu hören, kam ihr wie ein Gruss aus fernen Tagen, wie ein Gruss der Ihrigen vor.

Sie kennen meinen Bruder? fragte sie endlich.

Ob ich ihn kenne! rief Madame Flies, und erging sich in einer Schilderung des Grafen, in einer weitläufigen Erzählung der kleinen Erlebnisse, die man hier im haus zur Zeit seines Aufentaltes mit ihm gehabt, um dabei der Bewunderung gedenken zu können, welche er ihrer Tochter gezollt, und es mit lebhaftem Kopfschütteln völlig unbegreiflich zu finden, dass er ihres Hauses und ihrer Seba niemals gegen die Schwester Erwähnung getan habe.

Angelika schwankte unentschlossen. Jene Schamhaftigkeit der Seele, welche die zuverlässigste Bewahrerin und Schutzwehr wirklicher Würde ist, machte sie davor zurückschrecken, einer Frau, welcher eben diese Eigenschaft fehlte, ein Vertrauen zu beweisen, das bei ihr sicherlich nicht wohl aufgehoben war; aber sie mochte auch den Bruder nicht gegen die Menschen undankbar erscheinen lassen, denen sie sich selbst zu so grossem Danke verpflichtet fühlte, und die Rücksicht auf Andere trug es bei ihr über ihr eigenes Empfinden fort. Ich habe meinen Bruder seit Jahren nicht gesehen! sagte sie nach langem Zögern leise und begütigend.

Indess sie hatte selbst diese Aeusserung zu bereuen; denn nun der Damm der strengen Zurückhaltung einmal durchbrochen war, überstürzte Madame Flies die Kranke mit den fragen ihres beschränkten Erstaunens, ihrer scharfsichtigen Neugier, und wie man sich von der harmlosen und doch quälenden Zudringlichkeit eines Kindes, nur um der Beunruhigung zu entgehen, oftmals mehr entlocken lässt, als man ihm irgend zuzugestehen dachte, so fand Angelika, als Madame Flies sich zurückzog, dass sie, solcher anmassenden Herzlichkeit in ihrer Umgebung nicht gewohnt, der Fragenden mehr, weit mehr anvertraut, als sie irgend beabsichtigt hatte. Aber auch sie meinte erfahren zu haben, was ihr bisher nicht deutlich gewesen war. Sie meinte jetzt zu wissen, wesshalb Seba sich nicht verheiratet hatte, wesshalb ihre dunkeln Augen oft so traurig und forschend auf ihr ruhten, ja, wesshalb ihre Zärtlichkeit sie so warm umfing; und Seba wurde ihr nur werter, seit die Baronin sich sagen konnte: auch sie liebte hoffnungslos, auch ihr traten die Schranken entgegen, welche die Stände von einander halten, auch sie hat es gekannt, das hoffende Verlangen und das traurige Entsagen, und sie ist besser als Du, denn keine Pflicht verbot ihr, frei über ihre Liebe zu verfügen, und kein Eid stand zwischen ihr und ihres Herzens freier Wahl!

In dem einsamen Sinnen des Tages, in dem schlaflosen Brüten der Nächte hatte Angelika eine Einkehr in sich selbst gehalten, sich Bekenntnisse gemacht, wie man sie nie vor einem Andern, wie man sie nur dem eigenen Gewissen abzulegen vermag; denn es gibt ein Innerstes in dem Seelenleben fast eines jeden Menschen, das er nicht Preis geben kann, ohne das geheime Band zu zerreissen, welches die Elemente seines Wesens zusammenhält, ohne sich des freien Willens zu entäussern, der ihn zu einem selbstständigen Menschen, eben zu dem Menschen macht, als welcher er sich von der Masse seiner Mitmenschen unterscheidet. Jedes Bekenntniss, welches der Mensch vor einem andern Menschen ablegt, ist daher immer ein bedingtes. Die Persönlichkeit, die Meinung, der Glaube dessen, vor dem wir sprechen, wirken auf uns zurück, und hüllenlos, schrankenlos wahr vermag der Mensch nur gegen sich selbst zu sein, wenn geständnis und Urteil, aus gleicher Quelle entspringend, in Eins zusammenfallen.

So lange sie sich in der Nähe und unter der geistigen Obhut des Caplans befunden, hatten sein religiöser Sinn und sein fester Glaube sie vor jedem Schwanken bewahrt. Sie hatte selbst die sehnsucht nach dem ihr versagten Glücke eine Sünde in ihrer Brust gescholten. Das Beispiel des Caplans hatte sie zur Entsagung ermahnt, und wie der Freiherr es auf seine Weise tat, hatte auch sie danach gestrebt, sich mit dem Gedanken an ihre bevorzugte Lebensstellung, mit der Erinnerung an ihren Rang und an ihre Geburt zu trösten und von dem Schicksale damit abgefunden zu glauben.

Aber die Gedanken und Anschauungen des Menschen gehören ihm nur an, wie die Frucht dem Samenkorn angehört. Sie werden in ihrer mehr oder weniger schnellen entwicklung, wie in der Art ihrer Entfaltung durch die äusseren Umstände bedingt, und seit Angelika nicht mehr im schloss weilte, seit sie nicht mehr ausschliesslich von ihren Standesgenossen umringt, nicht mehr von der Unterwürfigkeit ihrer Dienerschaft umgeben ward, fing die Welt an, ihr verwandelt zu dünken, weil der blick sich änderte, mit dem sie in ihr Inneres und in das Leben schaute.

Von dem Tage ab, an welchem sie des Freiherrn Gattin geworden war, hatte die Ruhe sie geflohen. Schwere Enttäuschungen, sorge um seinen Gemütszustand, Gewissenszweifel, religiöse Kämpfe und Familienzerwürfnisse hatten ihre Seele nicht zum Frieden gelangen lassen, ehe die Herzogin ein Gast des freiherrlichen Hauses geworden war,