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nahten.

Die Kranke hatte nach dem Caplan verlangt und der Freiherr sogleich eine Staffette zu ihm gesendet; indess es mussten Tage um Tage vergehen, ehe man auf sein Eintreffen rechnen durfte, und der Arzt sah, da er jede Aufregung für die Baronin scheute, die notwendig verzögerte Ankunft des Geistlichen nicht ungern. Angelika hingegen fragte an jedem Morgen, ob der Caplan noch nicht angekommen sei, schien aber sonst kaum ein Bedürfniss nach Mitteilung zu haben. Sie lag meist still und in sich gekehrt mit gefalteten Händen da und verlangte wenig, wenn sie im Laufe des Tages ihren Sohn einmal gesehen hatte, dem sie mit ernster Zärtlichkeit begegnete. Seba, die ihr unverkennbar die liebste Pflegerin war, verliess sie selten. Einstmals, als sie wieder an ihrem Bette weilte und das Sonnenlicht sie wieder so hell wie an dem ersten Krankheitstage Angelika's umfloss, blieb diese lange in ihrem Anschauen versunken, dann reichte sie ihr die Hand und sagte: So wie in diesem Augenblicke hatte ich Sie in Ihrem weissen Kleide vor mir, als ich, aus dem ersten träumerischen Schlummer erwachend, den ich unter Ihrer Hut genossen, Sie für meinen Schutzgeist hielt! Sie blickten so liebevoll, so traurig auf mich nieder! Sie sind gewiss sehr gut! Und dass man Ihnen ansieht, wie sanft, wie glücklich Ihr Lebensweg gewesen und wie Sie reinen Herzens sind, das macht mir Ihre liebe Nähe so erquicklich!

Es fuhr wie ein Messerschnitt durch Seba's Brust. Alles Blut entwich aus ihren Wangen, ihre Lippen zuckten, und mit dem Ausrufe: Und das sagen Sie, eben Sie! sank sie vor dem Lager der Baronin auf die Kniee, das Gesicht in ihren Händen bergend. Aber in dem nämlichen Augenblicke kam ihr auch der Gedanke, dass sie Angelika erschreckt habe, dass sie sie nicht beunruhigen dürfe, und gewaltsam die herrschaft über sich gewinnend, richtete sie sich empor. Ihre Wangen waren noch bleich, indess ihr Mund konnte wieder lächeln, und Angelika's hände sanft in die ihren schliessend, sprach sie freundlich: Wie mich das freut, dass meine Dienste Ihnen angenehm und meine Nähe Ihnen lieb ist! Nur danken, nur loben müssen Sie mich nicht, ich verdiene das nicht!

Wer eine Wunde in seinem inneren zu verbergen hat, wird feinfühlig für fremden Schmerz. Angelika hörte, dass in Seba's Worten mehr als jene höfliche Ablehnung eines Dankes verborgen war, mit der die gesellschaftliche Sitte sich ihr Dankescapital auf Zinsen legen lässt; darum wagte sie keine Frage zu tun, aber die Frage, was ihrer sanften Pflegerin begegnet sein, was sie erfahren und erlitten haben könne, beschäftigte sie fort und fort. Sie wünschte von ihr zu hören, sie wünschte zu wissen, ob ihre Teilnahme für Seba Wert besitzen könne, und sie hatte, als ihre Kräfte sich wieder hoben, keine grosse Mühe, Madame Flies von ihrem einzigen kind, von ihrer Seba sprechen zu machen.

Mit grösster Genugtuung erzählte dieselbe der Baronin wie jedem Anderen von der fröhlichen Kindheit, von der ersten, blühenden Jugend ihrer Tochter, von den zahlreichen Bewerbern, welche sie zurückgewiesen, und wie sie jetzt mit ihren bleicheren Wangen und ihrem ernsten, stillen Blicke, so schön sie sei, doch lange nicht mehr so herrlich aussehe, als vordem.

Aber was hat Ihre Tochter denn so verändert? War sie krank oder was ist ihr geschehen? fragte die Baronin, die, abgesehen von ihrer Teilnahme für Seba, immer mehr von der Fremdheit der Lebensverhältnisse, welche sie umgaben, angezogen wurde.

Madame Flies schöpfte Atem. Also endlich war er doch gekommen, der Augenblick, auf den sie so lange gehofft, auf den sie sich vorbereitet hatte, seit die Baronin in ihrem haus darniederlag, endlich war er gekommen, endlich war er da! Sie rückte näher an das Bett heran, sah vorsichtig hinter den grünen Schirm, der das Lager der Baronin umgab, schob sich die Kantenhaube zurecht und sagte mit klopfendem Herzen, während sie vertraulich ihre Hand auf den Arm der Kranken legte: Aufrichtig, gnädige Frau Baronin, wissen Sie denn gar nichts von uns? Hat er Ihnen denn gar nicht von ihr gesprochen?

Angelika verstand sie nicht. Was soll ich denn von Ihnen wissen, meine Beste?

Nicht von mir, Gott bewahre, nicht von mir; denn was wir getan haben, war unsere Schuldigkeit, und wir haben es sehr gern getan! Nur von meiner Seba meinte ich! bedeutete die Mutter.

Von Sebawer sollte mir wohl von ihr gesprochen haben? fragte Angelika.

Ich dachte der Herr Graf! – Aber freilich, der Herr Graf sind gerade .... Sie wollte sagen: wie der Herr Baron; indess sie unterdrückte das Wort, und Angelika fiel ihr mit der Frage: Von welchem Grafen sprechen Sie? auch lebhaft in die Rede.

Madame Flies schwankte einen kurzen Augenblick. Sie wusste, dass sie auf dem Punkte stand, ein Unrecht gegen die Ruhe der ihr anvertrauten Kranken zu begehen, und dass Seba ihr sicherlich nicht danken würde, was sie unternahm; aber die Selbstsucht und die anmassende Gewalttätigkeit, von denen die Liebe so vieler Mütter nicht frei ist, trugen es über jede Rücksicht davon, und auf die wiederholte Frage Angelika's, welchen Grafen sie denn meine, antwortete sie schnell, als wolle sie es sich unmöglich machen, sich eines Besseren zu besinnen: Wen denn anders, als den