Paul anstellen, so widerwärtig das dadurch gemachte aufsehen und die unvermeidliche Besprechung aller seiner persönlichen Verhältnisse ihm auch waren. Er litt unter dem Gedanken an den immer wahrscheinlicher werdenden Untergang des Knaben, und er trug doch kein Verlangen danach, ihn wieder vor sich zu sehen; aber auch Renatus mochte er nicht um sich haben, und vor Allem vermied er es, Seba zu begegnen, deren herbe Wahrhaftigkeit ihn schwer beleidigt hatte.
Selbst die Gesellschaft der Herzogin war ihm nicht willkommen. Ihre leichte Unterhaltungsgabe vermochte nicht, ihn zu zerstreuen, ihr Bestreben, ihn von sich abzuziehen, tat ihm jetzt nicht wohl. Er fühlte sich allein und von jedem Anspruche an ihn belästigt. Erst nachdem er sich eines Tages eingestanden, dass auf ihm ein schweres, ein besonderes Schicksal laste, dass eine dämonische Gewalt, mächtiger als sein Wille, nicht aufgehört habe, ihn, seit er sich von Pauline getrennt und mit der Baronin verbunden habe, zu verfolgen, begann er seine Fassung wieder zu finden. Er kam sich eben durch diese Besonderheit seines Looses ausgezeichnet und wie durch seine Geburt und die Bedeutung seiner person von den ihn umgebenden Menschen geschieden und über sie erhaben vor. War es doch etwas so Gewöhnliches, glücklich zu sein! Ein Jude wie Flies konnte das Glück für sich haben auf allen seinen Wegen, denn das Glück wohnt und waltet auf jener breiten Heerstrasse des Lebens, auf der sich die Mittelmässigkeit und die Niedrigkeit berechnend und schwachherzig bewegen. Ein Mann, der wie der Freiherr seinem inneren Bedürfen, seinem Glauben an ein Ideales, der einzig den grossmütigen Regungen seines Herzens folgte, der seinen Ehrbegriffen und den unabweislichen Pflichten seines Standes nachzuleben hatte, der wandelte auf einem anderen Pfade, der hatte wenig Aussicht, auf seinem einsam erhabenen Wege dem Glücke zu begegnen. Was war es denn gewesen, als Grossmut, dass er einst sein Leben an das Leben eines armen Kindes gesetzt? Was war es gewesen, als sein Glaube an ein Ideales, der ihn bewogen, dieses Mädchen zu bilden? Seinen Standespflichten zu genügen, seinem alten Stamme zur Ehre hatte er das geliebte geschöpf von sich entfernt und sich mit Angelika verbunden. Aus achtung vor seiner Ehe und um Angelika seinen guten Willen zu beweisen, hatte er darauf verzichtet, Paulinen's Sohn unter seinen Augen aufwachsen zu lassen – und beide, Pauline und ihren Sohn, hatte der Tod ereilt, beide hatte er Angelika geopfert, der Frau geopfert, die ihn für einen Mann vergessen können, dem er grossmütig und vertrauend, wie er Angelika vertraut, sein Haus geöffnet. Grossmut und das Gefühl der Standesehre hatten ihn bewogen, die Herzogin und den Marquis gastlich bei sich aufzunehmen. Sein eigenes Ehrgefühl hatte ihn veranlasst, sich auf das Ehrgefühl des Marquis zu verlassen, und wie hatte dieser ihm die Rücksicht für die Herzogin, wie hatte er ihm das Zutrauen gedankt, das er ihm bewiesen! – Grossmut war es gewesen, die ihn zu dem Bau der Kirche getrieben, als er Angelika nach einer äusseren Befriedigung ihres religiösen Sinnes trachten sehen, deren er für sein teil nicht bedurfte; und all diese hohen Empfindungen, all sein edles Wollen hatten ihm keine beglückende Frucht getragen, hatten ihm die Liebe der Menschen nicht zugewendet, ja, waren von ihnen kaum erkannt geschweige denn gewürdigt worden. Sogar sein ältester Lebensgenosse, der Caplan, ward ihm nicht mehr gerecht, hielt nicht mehr zu ihm, wie er es erwarten durfte, und auch die Herzogin hatte es nicht ganz begriffen, dass ein Mann wie er mit seinem Glauben, mit seinem Vertrauen und mit seiner Neigung nicht unterhandeln, dass er keine Gemeinschaft mehr mit seiner Gattin haben könne, wenn deren Hingabe für ihn nicht mehr eine volle und unbedingte war. Auch die Herzogin verstand ihn nicht vollkommen, nicht wie er's bedurfte. Er stand allein, ganz allein in seiner Umgebung, unter seinen Standesgenossen, weil ihnen allen der rechte Sinn des Adels verloren gegangen war. Aber das Bewusstsein dieser Einsamkeit warf ihn nicht nieder, sondern hob ihn in seinen Augen über die Andern hoch empor; denn "fortis in adversis", "Mut in Widerwärtigkeiten" war der Wahlspruch seines Hauses! Mochte die Gunst des Lebens sich von ihm wenden und das Glück sich ihm entziehen, – den stolzen Herzschlag seines edlen Blutes, den frei über die Reihen der niedrig geborenen Menschen sich aufschwingenden Sinn seines alten adeligen Geschlechtes, den konnte ihm nichts rauben; und diese Vorzüge immer und gegen Jedermann mit Entschiedenheit geltend zu machen, das däuchte ihm in diesen zeiten und in seiner besonderen Lage seine ideale Aufgabe, die wahre Aufgabe des Edelmannes zu sein.
Madame Flies jedoch, die in ihrer schlichten Güte wenig Ahnung von solchen idealen Lebensaufgaben hatte, weil sie sich immer an das Nächste und an das Natürliche hielt, sah es mit Erstaunen, wie ruhig und sicher der Freiherr einherschritt, wie das Verschwinden des Knaben, wie die Krankheit seiner Gemahlin, wie selbst die Verwicklung seiner Vermögensverhältnisse und alle jene Sorgen, von denen eine einzige zu tragen ihr schwer gefallen sein würde, ihn gar nicht anzufechten schienen. Sie wusste nicht, sollte sie ihn bewundern und loben, oder ihn verabscheuen und tadeln, aber sie konnte sich, wenn sie den Freiherrn am Krankenbette der Baronin sah, es wohl erklären, warum dieselbe seufzte, sobald er sie verliess, warum sie ihr und vor Allem ihrer Seba so freundlich die weisse, schmale Hand entgegen reichte, so oft sie sich ihr