der Kranken an ihre Lippen presste und heisse Tränen ihre Augen füllten.
Was haben Sie? fragte die Kranke ängstlich. Aber Seba nahm sich schnell zusammen. Nichts, nichts, sagte sie. Ich bin so glücklich, dass Sie Ruhe finden, dass Sie mich um sich haben mögen!
Angelika drückte ihr die Hand, und aufs Neue nahm der Schlummer der Ermattung sie gefangen.
Seba aber sass still und regungslos an ihrem Lager. Sie dachte des Uebels nicht mehr, das der Bruder dieser Frau ihr getan, weil sie jetzt der Schwester liebend beistand; sie vergass des eigenen Unglücks über dem Leiden dieser Frau, und wie Wolken sich bilden und vergehen, sich formen und ihre Formen wechseln, dass man nicht weiss, wofür man sie zu halten und wie man sie zu deuten hat, während doch das Auge und der Sinn sich nicht von ihnen abzuwenden vermögen: so zogen an ihrem geist die Gestalten des Grafen und des Freiherrn, Angelika's und Herbert's und der Geschwister aus dem Amtause vorüber, und dazwischen dachte sie des Knaben, dem sie so viel verdankte und dem sie von ganzem Herzen zu vergelten gewünscht.
Wie komme ich, eben ich denn gerade in diesen Menschenkreis? Wesshalb laufen alle diese Schicksalsfäden in dem Bereiche zusammen, den ich übersehe? Und was kann, was soll ich tun inmitten dieser Menschen? Ich, die ich selbst unglücklich und ohne alle Hoffnung bin? fragte sie sich immer und immer wieder.
Da quoll es warm in ihrem Herzen empor, jenes beseligende Lieben um des Liebens willen, das dem Menschen noch Glück bereitet, wenn er sich alles Wünschens und Wollens für sich selbst entschlagen hat, und mit überwallender Empfindung rief sie sich zu: Ich kann lieben, hoffen, helfen und trösten! Ich will hoffen für den armen Paul, und vor allem Dich trösten und Dir helfen, Du schöne, kranke Frau!
Siebentes Capitel
Alle Bemühungen bewiesen sich fruchtlos; Paul kam nicht wieder. Ein Arbeiter hatte spät am Abende einen Knaben, auf den die Beschreibungen des Vermissten passten, am Aussenhafen gesehen, aber wohin er gegangen oder wo er geblieben war, das hatte er nicht bemerkt. Die Polizei, die man in Bewegung gesetzt hatte, war ungeübt und lässig, und man kannte damals jene wundervollen Erfindungen noch nicht, welche, Zeit und Raum überwindend, dem Menschen fast eine Allgegenwärtigkeit verleihen und sich zu unfehlbaren Dienern und Boten unserer Freude, unseres Schmerzes, unserer sorge machen. Man musste abwarten und hoffen oder sich bescheiden, das Schlimmste zu erfahren, und in diesem Falle war die Liebe verzagter als der Eigennutz.
Die Kriegsrätin, welche ohne das ansehnliche Kostgeld ihres Pflegesohnes gar nicht auszukommen wusste, rechnete zuverlässig auf dessen Wiederkehr; Seba betrauerte seinen Verlust. Sie allein hatte die leidenschaftliche natur des Knaben, die starken, tiefen Empfindungen gekannt, deren er fähig war, und die ihn in einem Augenblick vernichtender Enttäuschung leicht zu einem Aeussersten getrieben haben konnten. Wohin sie sich wendete, fehlte ihr Paul, vermisste sie ihren jungen gefährten, dessen zuversichtliche Liebe ihr ein Bedürfniss geworden war, und mit dessen Zukunft sie sich zu beschäftigen liebte, wenn ihr der Mut gebrach, der eigenen Zukunft zu gedenken; und wie sie sich auch dagegen wehrte, drängte sich ihr doch oftmals die entmutigende Vorstellung auf, dass Paul besser daran gewesen sein würde, wenn er sich ihr nicht angeschlossen, und sich im Verkehr mit ihr nicht über seine Jahre hinaus entwickelt hätte.
Es war gut für Seba, dass die Familie von Arten noch immer in der Stadt war, die Baronin noch immer in dem Flies'schen haus verweilen musste, denn es gab Seba eine Beschäftigung, welche sie von dem Schmerze um den Knaben abzog.
Der Arzt hatte es, selbst als die dringendste Gefahr vorüber war, entschieden widerraten, die Kranke in den Gastof bringen zu lassen, und Madame Flies wollte davon auch gar nicht sprechen hören. Ihr gutes Herz und ihre bürgerliche Eitelkeit fanden eine grosse Befriedigung darin, eine solche Dame zu bedienen und zu pflegen, mit ihr beständig zu verkehren, ihren Umgangsgenossen von diesem Verkehr zu erzählen, und daneben dachte sie, in dem romantischen Glauben an die wunderbaren Wege der Vorsehung, von welchem nur wenige Frauen frei sind, man könne doch nicht wissen, wozu es gut sei, dass die Schwester des Grafen Gerhard eben in ihrem haus erkranken müsse und dass sie ihre Seba und die ganzen Verhältnisse der Familie nun so unerwartet kennen lerne. In der Residenz hatten schon Grafen und Prinzen sich mit Jüdinnen verheiratet, und was Einer Jüdin widerfahren war, konnte der andern auch begegnen, besonders wenn dieses ihre Seba war.
Weniger angenehm war es dem Freiherrn, seine
Gemahlin noch immer in der Obhut der Familie Flies zu wissen und sich von dieser eben in diesem Augenblicke Verbindlichkeiten auferlegen zu lassen, die er nicht bezahlen, nicht gleich vergelten konnte. Sein Geist war ohnehin verdüstert, sein Gemüt beschwert. Das plötzliche Wiedersehen seines Sohnes, an dem er einst gehangen, das eben so plötzliche Verschwinden desselben hatten einen furchtbaren Eindruck auf ihn gemacht. Trotz des flüchtigen Blickes, den er auf Paul geworfen, hatten die Schönheit des Knaben, die auffallende Aehnlichkeit mit dem von Arten'schen Geschlechte ihn erschüttert, und es war eine wundersame Freude gewesen, mit der er Paul's unleugbare Ueberlegenheit über Renatus anerkannt. Auch jetzt konnte er des Zwiespaltes in seinem inneren nicht Meister werden. Er liess die eifrigsten Nachforschungen nach