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ihrer Seite sass, hatte sie Schlaf und Ruhe finden können.

Seba hatte die Baronin zuerst gesehen, als man sie, eine Bewusstlose, in dieses Zimmer brachte. Sie hatte es bis dahin geflissentlich vermieden, ihr zu begegnen, aber sie kannte dieses Antlitz. Sie kannte diese hohe, weisse Stirn, diese schmale, feine Nase, den kleinen Mund mit seinen weichen, vollen Lippen. Gerade so zogen an der Schläfe sich die blauen Adern unter der durchsichtigen Haut des Grafen hin, gerade so bogen seine leichten Brauen sich in der Mitte ihrer Wölbung aufwärts. Jeder Zug dieses schönen Antlitzes war ihr vertraut, und sein Anblick wendete ihr das Herz im Busen um.

Alles, was sie seit Jahren durchlebt und durchlitten, es drängte sich in ihr in diese Stunde zusammen! Sie musste es noch einmal erleben und erleiden, sie konnte kaum der Hast ihrer eigenen Gedanken, der wilden wechselnden Gewalt ihrer Empfindungen folgen. Gerhard's Schwester lag in ihrem Vaterhause, eine zum tod Erkrankte, vor ihren Augen da. Es war des Grafen Schwester, über der sie wachte, von deren Schlummer sie jede Störung fern zu halten strebte, – und Jahre lang hatte sie die Nächte im grimmen Schmerze durchwacht, in Verzweiflung durchweint, in Scham durchseufztum Gerhard's willen! Mit welcher Stirn würde er da stehen, wenn die Baronin einst Seba's Namen vor ihm nennen würde, den Namen des vertrauensvollen Mädchens, dessen Glück und Liebe er so frevelhaft gemordet! Wenn er, er selber es wäre, wenn er so daläge, hülflos mir hingegeben! dachte sie.

Tödtlicher Hass und das heisse Verlangen, sich zu rächen, schwelgende Erinnerungen und Erbarmen mit dem eigenen Leide bedrängten sie, und es dünkte sie ein Fluch, dass sie den Hass kennen lernen, dass die Verachtung statt der Liebe in ihr lebendig geworden war. Dann wieder fühlte sie sich plötzlich über alle Trübsale fortgetragen, leicht und frei. Sie konnte auf ihre Vergangenheit zurückblicken wie auf eine abgelegte Hülle, die ihr fern lag, sie fühlte sich durch ihr Denken und Tun weit über sie hinausgehoben, und doch blutete ihr das Herz, doch schwammen ihre Augen in Tränen; denn wie sie auch danach rang, sich neu aufzuerbauen, – es blieben ihr doch unwiederbringlich jene unschätzbaren Güter verloren, ohne welche das Menschenleben trübe wird wie ein Tag, dem die Sonne bei seinem Aufgange und Niedergange nicht leuchtet: die freudige Erinnerung an die eigene Jugend und der Glaube an das Glück der Zukunft!

Und wenn sie eine Weile den eigenen Erinnerungen und dem Schmerze nachgegeben, dann fiel der arme Paul, ihr armer Paul ihr ein. Wo mochte er weilen, wo konnte er sein? Sie hätte hinauslaufen mögen, ihn zu suchen, aber wohin sollte sie sich wenden? Warum war er nicht zu ihr gekommen, der er doch vertraute, die er liebte, die ihn in ihr Herz geschlossen, als dieses Herz sich an Liebe und an Freude ganz verarmt geglaubt? Was musste ihm geschehen sein, was musste man ihm getan haben, dass er ihrer nicht gedacht, dass er sie vergessen hatte? Es war ihr, als müsse sie ihn rufen, als könne er gar nicht ausbleiben, wenn sie ihn nur riefe; aber hier, an diesem Lager, durfte sie ihn nicht rufen, nicht seinen Namen nennen, denn hier, in ihrem Schutze, sollte die Gräfin Berka, die schöne Frau des Freiherrn von Arten, Ruhe finden, die Frau, um deretwillen die Mutter Paul's die sonnige Erde verlassen und sich begraben hatte in des Wassers kalte, dunkle Tiefe.

Wie aber, wenn auch Paul wirklich nicht mehr auf der Erde weilte? dachte sie; wenn auch seinen schönen jungen Leib die Wellen verschlungen hätten, wenn seine Augen, in deren hoffnungsreiche Fröhlichkeit sie sich so gern versenkt, gebrochen wären, wenn die Flut ihn jetzt schon mit sich trüge weit hinaus, hinaus ins Meer! Ihr graute vor der Vernichtung seiner jugendlichen Schönheitihr graute vor dem tod. Und schwebte nicht vielleicht auch über dem stolzen, blonden haupt, das hier vor ihren Augen schlummerte, schon des Todes Sichel? War denn jetzt Alles dem Untergange geweiht?

Sie neigte sich leise zu der Kranken hernieder, um zu hören, ob sie atme, da schlug Angelika matt die Augen auf und blieb mit dem träumerischen Blicke an Seba haften. Sie konnte sich nicht besinnen, wo sie war, sie schaute Seba mit Befremdung an, aber ihre Miene wurde dabei immer freundlicher, und beide hände faltend, bewegte sie leise ihre Lippen.

Seba kniete nieder, um ihre Worte zu verstehen. Die Baronin schien das mit Ueberraschung zu gewahren. Sie fasste nach Seba's Hand; ein leises Ach! entfloh ihrem mund, da sie dieselbe berührte, und mit schmerzlicher Klage sagte sie: Ich lebe also noch?

Ja, Gott sei Dank, Sie leben! rief Seba. Gott sei Dank, Sie leben! wiederholte sie, von einer Rührung ergriffen, die sie nicht bemeistern konnte, und Sie werden leben bleiben!

Die Baronin legte ihre Hand matt und langsam auf das Haupt der Knieenden. Ich bin sehr müde, seufzte sie, und die Augen schliessend, während sie Seba's Hand in der ihrigen hielt, bat sie: Gehen Sie nicht von mir, es ist mir wohl in Ihrem Schutze!

Teure, teure Frau! rief Seba, indem sie die Hand