1864_Lewald_163_182.txt

, einen dieser Edelleute, den Freiherrn von Arten, der seines Kindes vergessen konnte, der Herbert beleidigt, der Adam gekränkt, der kein Herz hatte, so wenig Graf Gerhard ein Herz gehabt, unter ihrem Blicke zusammenbrechen und vor ihrem Worte zittern und leiden zu sehen, erhob der Freiherr sich und sagte mit schonender Herablassung: Ihre Aufregung macht Ihrem guten Herzen Ehre, Mademoiselle Flies, und der Unerfahrenheit muss man selbst den Mangel an der nötigen Delicatesse nachsehen! Ich hoffe, dass man nichts versäumt, den Knaben aufzufinden, an dem Sie so viel Anteil nehmen! Der Vorsicht wegen will ich selbst dafür Schritte tun lassen! Leben Sie wohl, Mademoiselle!

Seba stand und blickte ihm nach. Sie biss die Zähne auf einander, um die laute Verwünschung zurückzudrängen, welche ihr aus dem Herzen auf die Lippen stieg. Sie hörte, wie der Baron leise mit ihrem Vater sprach, dem er im haus begegnete, und zornig das Haupt schüttelnd, rief sie: Es gibt keine Gerechtigkeit im Himmel und auf Erden, wenn nicht einst der Tag der Vergeltung für sie Alle kommt, wenn sie nicht ernten müssen, was sie säeten!

Aber es blieb ihr nicht lange Zeit für ihre Gedanken. Ihr Vater, der Kriegsrat und die Kriegsrätin kamen herbei; sie sollte noch einmal Alles erzählen, was sie gestern von Paul gehört, was sie mit ihm gesprochen, und während sie im grund nur wenig zu sagen hatte, während sie gar keine Vermutung hegte, die auf irgend eine Spur zu leiten vermocht hätte, wurde die Kriegsrätin nicht müde, es immer zu wiederholen, mit welcher Voraussicht und Sorgfalt sie gehandelt, wie sie allein daran gedacht habe, dem geschehenen Unheil vorzubeugen, und wie nur der widerspänstige Charakter des Knaben, den er von seiner Mutter habe, sie um die Früchte jahrelanger Opfer gebracht, alle ihre Plane zerstört, die Baronin von Arten auf das Krankenlager geworfen und dem Freiherrn die übelsten Begriffe von der Erziehung gegeben haben müsse, welche Paul genossen. Sie verlangte Anerkennung, Trost und Zuspruch von ihrem mann und von den Andern zu erhalten, und nicht ein einziges Mal fiel es ihr ein, welchen Anteil sie an der traurigen Gemütsverfassung des armen Knaben hatte, und kein Vorwurf in ihrem inneren sagte ihr, dass sie und ihre unheilvollen Aufklärungen ihn aus dem haus getrieben, in welchem sie, die Trostbegehrende, nie eine Aufwallung der Liebe, nie ein Herz für ihn gehabt hatte.

Während sich bei Seba und bei den Männern mit den fortschreitenden Stunden die Hoffnung, dass Paul freiwillig wiederkehren werde, verminderte, und die sorge, dass er ein unglückliches Ende genommen habe, sich steigerte, gab die Kriegsrätin, als sie sich ermüdet zu fühlen begann, immer zuversichtlicher sich der Erwartung hin, Paul werde nach Kinder-Art von selbst nach haus kommen, wenn Hunger und Müdigkeit ihn dazu trieben, und wenn man nur aufhören wolle, so ängstlich auf seine Wiederkehr zu achten. Er sei fraglos ganz in der Nähe, er warte nur auf die gelegenheit, sich unbemerkt in seine Schlafkammer zu schleichen. Und stets bereit, die Umstände so anzusehen, wie es mit ihren Wünschen am besten zusammenstimmte, nannte sie es das Geratenste, die Ruhe zu suchen und nicht um eines Knabenstreiches willen das Haus, die Nachbarschaft oder gar, wie es in Folge eines Schreibens, das der Freiherr dem Kriegsrate für den Polizei-Director übergeben, geschehen war, die Stadtbehörden in Bewegung zu setzen. Indess weder der Schlaf, dem die Einen sich überliessen, noch die Herzensangst, mit welcher Seba in ihrem Zimmer wachte, änderten das Geschehene; – Paul blieb aus.

Gegen den nächsten Mittag, als die Kammerjungfer der Baronin sich entfernt hatte, um aus dem Hotel verschiedene Gegenstände herbeizuholen, deren man für die Kranke bedurfte, hatte Seba deren Stelle an dem Lager eingenommen.

Die Sonne schien warm in das Zimmer hinein, durch die geöffneten und leicht verhängten Fenster stieg der Duft der Reseda aus dem Garten in das Gemach. Man hörte das leise Säuseln der Blätter, der linde Windhauch bewegte die Vorhänge, und hier und da schlich sich ein gedämpfter Sonnenstrahl hinein, seinen Schimmer über Angelika's bleiche Stirn und über ihr goldblondes Haar verstreuend. Es waren schwere Stunden gewesen, der Tag und die Nacht, die hinter ihr lagen. Sie hatte kein Auge geschlossen.

Als sie am verwichenen Nachmittage von ihrer Erschöpfung zu sich gekommen war, hatten ihre ersten Worte Paul gegolten.

Unfreiwillig habe ich seine Mutter getödtet, unfreiwillig gibt er mir den Tod! sagte sie zum Freiherrn, der düster brütend an ihrem Lager weilte. Sie verlangte nach Paul, sie wollte ihn sehen; man stellte ihr die Anordnung des Arztes dagegen auf, und sie verzichtete auf die Erfüllung ihrer Forderung. Aber ihre Gedanken blieben mit ihm beschäftigt, und selbst als die verwirrenden Nebel des Fiebers ihren Sinn überwältigten, sah sie ihn vor Augen. Bald rief sie, dass er sie ergreife, dass er sie morde, bald klagte sie sich an, dass sie ihm die Mutter nicht ersetzt habe, und gelobte ihm, es künftig zu tun. Dann wieder musste sie ihn im Kampfe mit Renatus wähnen, denn sie schrie auf und beschwor den fremden Knaben, ihres Sohnes zu schonen, der schuldlos an all dem Unheil sei. Noch am Mittage, als Seba an ihr Lager gekommen war, hatte sie gewacht, und erst unter Seba's Obhut, die mit so brennenden Erinnerungen an