auch an? Was gehen sie mich an? dachte er, und doch fiel ihm die Einsamkeit sehr schwer. Er sah sich in dem Laden um, als müsse er sich Alles recht einprägen, damit er es nicht vergesse. Den Laden sehe ich auch nicht wieder, sagte er sich, und dabei merkte er erst, dass er beschlossen habe, fortzugehen. Er hatte schon die ganze Nacht daran gedacht. Er konnte es nicht aushalten, hier zu bleiben, wo Jedermann es wusste, dass er in Sünde und in Schande geboren sei. Er wollte seinem Vater nicht wieder vor die Augen treten, denn er liebte den Vater nicht mehr, er wollte von ihm nichts mehr wissen, nichts mehr hören, nichts mehr haben, gar nichts mehr haben!
Trotz und Verzagteit, Liebe und Hass, erwachtes Ehrgefühl und erlittene Kränkung stürmten wild durch einander auf ihn ein, und dazwischen tauchte das Bild seiner Mutter, wie er es sich gestaltet hatte, vor seiner Seele auf, und er erinnerte sich, wie sie geendet, wie die Verzweiflung sie aus der Welt und in den Tod getrieben hatte. Er wusste auch nicht, was er hier sollte; er mochte Niemanden sehen, von Niemandem gesehen werden, und am wenigsten von seinem Vater, der sich von ihm abgewendet, und von der Kriegsrätin, die ihm gesagt hatte, dass er in Sünde und Schande geboren sei und dass ein Schimpf auf ihm ruhen werde all sein Leben lang. Das wollte er nie wieder von eines Menschen mund vernehmen; er wollte hin, wo Niemand ihm das sagen konnte, wo Niemand es wusste, Niemand ihn kannte – fort! Er nahm seine Mütze und ging. –
In der Unruhe und Aufregung, welche das Erkranken der Baronin veranlasst hatte, beachtete man es nicht, dass Paul nicht um die gewohnte Stunde zum Vesperbrode kam. Als die Kriegsrätin ihn später vermisste, meinte sie, dass Schrecken und Furcht vor einer Strafe ihn abhalten möchten, vor ihr zu erscheinen, da sie ihm verboten, sich seinem Vater in den Weg zu stellen, und da er jetzt erlebt habe, welch ein Unheil er damit angerichtet. Indess es war nicht seine Weise, ohne erlaubnis fortzugehen oder sich feige einer Strafe zu entziehen, und als eine Stunde um die andere verging, als der Abend hereinbrach, als die Dämmerung der Nacht zu weichen begann, fing man unruhig zu werden an, und vor Allen zeigte sich Seba besorgt.
Man hatte Paul's Büchertasche unten auf dem Zahltische liegen gefunden; der Lehrling hatte ihn eine Weile im Laden stehen und dann fortgehen sehen. Man schickte zu den Knaben, mit denen er Verkehr hielt, er war aber bei keinem von ihnen gewesen; man fragte in der Strasse, ob man ihn bemerkt, aber Niemand wusste sich dessen zu erinnern, und wer achtet auch an einem schönen Sommerabende, an dem die Leute alle draussen sind, auf das Kommen und Gehen eines Knaben?
Um elf Uhr, als Angelika ruhiger geworden war und als der Freiherr das Haus verlassen wollte, um sich in seinem Gastofe zur Ruhe zu begeben, trat er in die Wohnstube der Flies'schen Familie ein. Er fand nur Seba in derselben, und nachdem er gebeten, ihn augenblicklich zu benachrichtigen, wenn der Zustand der Baronin seine Anwesenheit erheischen sollte, fragte er: Wer war der Knabe, Mademoiselle, der sich in Ihrem Laden aufhielt, als die Baronin von dem üblen Anfalle betroffen ward?
Wie er das fragen kann? dachte Seba. Sie hätte ihm sagen mögen: Es ist Ihr Sohn, und Sie wissen das. Indess sie überwand sich und antwortete: Es ist der Pflegesohn des Kriegsrats Weissenbach, der hier im haus wohnt.
Sein Name?
Paul Mannert, sprach sie nachdrücklich, und wie fest das Auge Seba's auch auf den Freiherrn gerichtet war, sie konnte keine Veränderung in seinem ernsten gesicht lesen. Das empörte sie, und, hingerissen von der Angst um ihren Schützling, voll Abscheu vor der Ruhe seines Vaters, die mit ihrer sorge in so grellem Widerspruche stand, rief sie: Er ist aber nicht mehr da, der Knabe! Er ist fort, der Paul, und wir suchen ihn vergebens! Gott gebe, dass er in seiner Verzweiflung nicht wie seine Mutter geendet hat!
Wie ein Blitz zuckte es durch die Gestalt des Freiherrn, es zitterte in seinen Mienen, und mit bebender Lippe fragte er: Was wissen Sie von ihm, Mademoiselle?
Er musste sich niedersetzen; Seba war über ihr eigenes Tun erschrocken, aber der Grimm gegen diese vornehmen Männer, die Alles unter die Füsse treten zu können glaubten, die Empörung über die Herzenskälte des Freiherrn, die Erinnerung an die Schmach des eigenen Geschickes hoben sie über sich hinaus, und kalt und stolz, wie der Freiherr eben erst vor ihr gestanden hatte, sagte sie: Ich weiss wer der Knabe ist, weiss, dass seine Mutter in Verzweiflung ihren Tod im wasser gesucht, und Gott gebe, dass er ihr's nicht nachgetan hat, denn er fühlte sich verstossen!
Der Freiherr fuhr auf. Er wollte die unberechtigte Anmassung dieses Judenmädchens zurückweisen, aber das harte Wort erstarb ihm auf der Lippe, und wie im Schmerze schloss er die zornfunkelnden Augen. Das währte indess nicht lange, dann hatte er seine Wahl getroffen, seine Entscheidung schnell gefasst, und während Seba in ihrem Herzen noch darüber triumphirte, dass es ihr gelungen war