. Ihre Kammerfrau befand sich an ihrem Lager, hinter dem Bettschirme wachte geräuschlos Madame Flies.
Nebenan in ihrer stube sass Seba an dem offenen Fenster. Sie hatte sich nicht ausgekleidet. Sie musste etwas erwarten, denn sie sah in kurzen Zwischenräumen immer wieder auf die Strasse hinaus, und es war nicht die milde Schönheit der warmen Sommernacht, die sie dazu verlockte. Paul war verschwunden, und man suchte ihn.
Als er am Nachmittage aus der Schule gekommen war, hatte er einen prächtigen Wagen, einen reich geschmückten Jäger vor der tür des Hauses stehen sehen. Ganz hingenommen von einem einzigen Gedanken, war er, wie er das oftmals tat, in das Comptoir gegangen, um zu fragen, wem die schöne Equipage zugehöre.
Dem Freiherrn von Arten, sagte ihm der Lehrling. Paul starrte ihn bei den Worten so erschrocken an, dass der junge Mensch nicht wusste, was dem Knaben beigekommen sei, und ihm den Namen des Freiherrn mit der Frage wiederholte, ob Paul ihn nicht verstanden habe.
Ja, ich habe ihn verstanden, antwortete er, und ging hinaus; indess er wusste nicht, wohin er gehen sollte. Er lief die Treppe hinauf, sich oben zu verbergen. Aber wovor sollte, wovor hatte er sich zu verbergen? Ich habe ja nichts verbrochen, dachte er, und doch war ihm so bange, doch war er so verwirrt. Er konnte es nicht mehr aushalten oben in seinem Stübchen; sein Vater war ja unten!
Er wartete eine kleine Weile; er meinte, der Freiherr werde, da er nun im haus sei, zu seinen Pflegeeltern kommen und ihn rufen lassen. Er horchte, ob die tür nicht aufgehe, ob Niemand die Treppe emporsteige, ob der Wagen fortfahre. Es blieb Alles still. Mit Einem Male sagte er sich: Wenn der Wagen fortfährt, dann ist es zu spät, dann ist Er auch fort! – und wie ein Pfeil schoss er die Treppen hinunter. Er öffnete die stube, welche an den Laden anstiess; es war Niemand darin. Er suchte Seba, er hätte sie etwas fragen mögen, aber er mochte sich nicht noch einmal entfernen. Die tür nach dem Laden war nur angelehnt; er drückte sie behutsam weiter auf. Nun konnte er die Stimmen unterscheiden und hören, was man sprach; aber nur Herr Flies und eine Dame redeten. Sollte mein Vater schon fortgegangen sein? fragte er sich, und das Verlangen, sich zu überzeugen, trieb ihn vorwärts. Wenigstens sehen wollte er seinen Vater doch. Er trat in den Laden hinein, man bemerkte es nicht, und doch musste er mit beiden Händen den Tisch anfassen, um nicht aufzuschreien.
Ja, das war er! Nun kannte er ihn! Das war sein Vater, sein lieber Vater! Nun besann er sich auf Alles! Wie oft hatte er ihn in die Höhe gehoben, wie oft hatte er ihn geküsst, sein Vater, der Onkel Baron! Auf seinen Knieen hatte er ihn reiten lassen; auf dem stuhl hinter dem Onkel Baron hatte er gestanden und seine kleinen arme um dessen Hals geschlungen, bis der Onkel ihn zu sich gezogen und ihm die geschichte erzählt hatte, die geschichte – auf die er sich nicht mehr recht besinnen konnte und die ihm doch noch immer in den Sinn kam. – Sein ganzes Herz flog dem Freiherrn entgegen. Onkel Baron, lieber Vater! wollte er rufen im vollen Glücksgefühle – aber er ist ja nicht Dein Onkel, sagte er sich, und Vater darfst Du ihn nicht rufen, denn er will nichts von Dir wissen, weil Du in Sünde und in Schande geboren bist! – Er schauderte zusammen, er fühlte es wie einen Fluch über sich liegen.
Er blickte den Freiherrn an, er blickte die schöne, schlanke Dame an, er stand dicht neben dem blonden Knaben, er kannte sie alle!
Das war sein Vater, das war seines Vaters Frau, das war sein kleiner Bruder; der Bruder, welcher hinter den goldenen Fenstern des schönen Schlosses wohnte und der die Rehe und die Hirsche hinter dem Gitter füttern durfte. Er hätte ihm die Hand geben mögen, wenigstens mit dem Bruder hätte er sprechen und wissen mögen, wie er heisse. Er ging an ihn heran, indess in dem Augenblicke bemerkte ihn Madame Flies, und dringend und leise befahl sie ihm: Geh', geh', lieber Paul! Geschwind, mach', dass Du fortkommst, Kind!
Aber diese Anweisung bewirkte gerade das Gegenteil, obwohl er ihre Bedeutung ganz und gar verstand. Die Rührung, die sehnsucht, welche er gefühlt, machten einer trotzigen Empfindung Platz. Er wollte nicht gehorchen, nicht hinausgehen; er wollte bleiben, er wollte sehen, was denn daraus werden würde. Endlich musste der Freiherr sich doch umdrehen, endlich musste er ihn doch erkennen, denn er war ja sein Sohn; und wenn er ihn erkannte –
Da drehten sie sich Alle um, da schlug die Bemerkung seines Bruders, der Aufschrei der Baronin an sein Ohr. Er sah, wie sein Vater sich kalten Auges von ihm wendete, wie man die Baronin als eine Sterbende davontrug, er fühlte, wie Madame Flies ihn heftig zurückstiess, und als falle es mit klingenden Hammerschlägen auf ihn nieder, so tönte es immerfort in seinem kopf: Mache, dass Du fortkommst! Sie waren Alle hinausgegangen. Er blieb ganz allein in dem Laden zurück.
Was gehe ich sie