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, ihr diese einzige Gunst zu erwirken, und er sagte ihr zu, dem Baron ihren Wunsch mitzuteilen.

Indess gleich die erste Begegnung mit demselben liess ihn erkennen, dass er hier auf Widerstand stossen werde und dass für die Erfüllung von Paulinen's Bitte Nichts zu hoffen sei. Der Baron war sehr aufgeräumt und in der Tat auch viel beschäftigt. Er fragte Anfangs gar nicht nach Pauline, und da er es später tat, geschah es in einer Weise, die kaum eine Antwort zu verlangen schien. Dennoch, und obschon der Caplan selbst eine Unterredung oder einen Abschied zwischen dem Baron und Pauline für zwecklos ansah, sprach er dem Ersteren davon, um seiner Zusage nachzukommen; indess der Baron lehnte den Vorschlag entschieden ab.

Ich kenne des guten Geschöpfes Liebe und leidenschaft, sagte er, und ich kenne auch meine Schwäche. Es ist nicht Fühllosigkeit oder Härte gegen das arme Weib, das ich meinen Verhältnissen und meiner sittlichen überzeugung opfern muss, es ist die unerlässliche Notwehr gegen mich selbst, wenn ich mir in dem Augenblicke der Abreise zu meiner Braut eine Scene erspare, die mir, sie mag ausfallen wie sie immer wolle, das Herz zerreissen wird, ohne nach der andern Seite hin irgend etwas zu nützen.

Es fiel dem Caplan auf, dass der Baron auch dieses Mal Paulinen's Namen auszusprechen vermied und sich mit anderer Bezeichnung dafür behalf. Er kannte das an seinem Herrn und wusste, was es zu bedeuten habe. So kam er denn auch nicht mehr auf den Wunsch Paulinen's zurück, aber der Baron erbot sich später aus freiem Antriebe, ihr noch einmal zu schreiben, was der Caplan für zweckmässig erachtete. Auch schrieb er ihr noch in derselben Stunde und sandte den Brief sogleich durch einen Boten ab.

"Ich danke Dir", lauteten die Zeilen, "dass Du Dich entschlossen hast, in die Stadt zu ziehen. Du kennst mich genugsam, um zu wissen, dass ich Dir dies lohnen werde. Es soll Dir dort, darauf kannst Du Dich verlassen, ein ganz sorgenfreies Leben bereitet werden, und Paul wird nicht aufhören, ein Gegenstand meiner treuen Sorgfalt zu sein. Der hochwürdige Herr Caplan, der sich in diesen Tagen Deiner so gütig und väterlich angenommen hat, wird auf meine Bitte Dir auch ferner mit seinem Rate zur Seite stehen und dafür sorgen, dass Du Dich nach Deinem Ermessen einrichten kannst. Dass ich nicht zu Dir komme, geschieht aus Rücksicht für Dich sowohl als auch für mich. Wozu ein Wiedersehen, wenn man vergessen will? Und vergessen lernen musst Du! Folge in Allem ganz dem Rate und den Anordnungen des verehrten Herrn Caplans. Was Du in Zukunft etwa von mir wünschest, was ich von Dir erfahren soll, teile ihm mit. An mich selbst schreibe nicht. Meine Teilnahme und mein Schutz werden Dir und Paul nie entgehen, und ich werde mich Dir verpflichtet fühlen, wenn Du Dich mir in diesen Anordnungen pünktlich fügsam zeigst. Somit lebe denn wohl! Sei Gott mit Dir, und möge er uns Allen in seiner Gnade eine ruhige Zukunft verleihen!"

Pauline empfing den Brief gegen Mittag aus den Händen des damit beauftragten Reitknechtes. Sie hiess ihn warten und durchflog das Schreiben. Aber es schien, als könne sie den Inhalt nicht gleich fassen. Ihre Augen, ihr Herz suchten nach einem freundlichen Worte, suchten endlich nur nach der Anrede mit ihrem Namen, nach irgend einem Zeichen der Bewegung in der Seele dessen, der diesen Brief geschrieben hatte. Es war vergebens. Als sie das Blatt zum zweiten Male beendet hatte, liessen ihre bebenden hände es zur Erde fallen.

Ihr Knabe, der dabei stand, glaubte, ein Zufall habe das Papier den Händen der Mutter entgleiten machen, und bückte sich, es ihr zu reichen. Sie hielt ihn davon zurück. Rühre das Blatt nicht an, sagte sie mit befehlendem Tone, rühre es nicht an!

Der Knabe war erschrocken; er lehnte sich auf den Schooss der Mutter, die sich niedergesetzt hatte, weil die Kniee ihr versagten. Sie küsste ihm den lockigen Kopf, ihre Tränen flossen auf ihn nieder. Er wollte bei dem Unbehagen, das ihn peinigte, gern Etwas tun, es los zu werden, wusste aber nicht, was, und fragte also, ob der Ludwig, der den Brief gebracht habe, fortgehen solle. Sie bejahte das, und der Knabe brachte dem Diener die Weisung.

Ist nichts zu bestellen, Mamsell? fragte der Reitknecht, die Tür öffnend.

Nichts! antwortete sie fest, und er ging davon. Der Knabe drängte sich an sie. Du weinst immer! sagte er, und da sie ihm nicht antwortete, setzte er nach einer Weile hinzu: Weine nicht, ich kann's nicht leiden, wenn Du weinst! – Die Worte klangen herrisch in dem mund eines Kindes, aber der Kleine schmiegte sich zärtlich an ihr Knie, während er sprach.

Dieses Mal indess machte die Liebkosung des Sohnes keinen Eindruck auf die Mutter. Sie schob ihn leise von sich. Lehne Dich nicht immer an mich! Lerne allein stehen, Du wirst's nötig haben! sagte sie finster und streng.

Das verdross den Knaben. Ich bin Dir nicht gut, Mutter! schmollte er.

Du hast auch keinen Grund dazu, entgegnete sie ihm. Ihre finstere Weise machte Paul bange. Es wurde ihm unheimlich bei der Mutter und in der stube, und er lief zur