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zu welcher vielleicht diese Anschaffung der Altar-Gerätschaften den Anlass gegeben habe. Herr Flies hingegen erklärte sich die Erscheinung leicht, wenn er auch keine Ursache hatte, sie unbeachtet hinzunehmen. Er blieb geduldig, wie es dem Verkäufer ziemt, er zeigte sich gefällig, obschon Angelika eine Lust daran zu haben schien, ihn und seine Leute zu bemühen; aber sein Ton ward kälter, sein klarer blick senkte sich forschend und fest in die von Erregung leuchtenden Augen der Baronin, und die überzeugung, dass dieser Mann errate, was in ihr vorgehe, dass er wisse, wie es nicht mehr so wohl stehe um das Haus des Freiherrn von Arten, und wie sie zum ersten Male schwere sorge trage um die Zukunft ihres Gatten, ihres Sohnes, ihres Geschlechtes, empörten das stolze Herz der kranken Frau.

Sie ist eine Berka und weiss, wie ihre Sachen stehen; dachte der Juwelier. Nun, es kann ihr auch nicht schaden, wenn ihr Stolz gebeugt wird! – Und er hatte Recht! Heute, eben jetzt, da ihr Stolz gekränkt ward, fühlte die Baronin es mit schmerzlichem Genusse, dass sie stolz sei. Es befriedigte sie, dem reichen Juden ihren Stolz zu zeigen, sie hätte viel darum gegeben, wenn auch der Freiherr sich noch kälter gegen den Juwelier bewiesen, wenn Renatus nicht so freundlich mit der Frau desselben geplaudert hätte, wenn die Herzogin nicht dabei gewesen wäre! denn Angelika war zorniger, erbitterter, als sie sich je gekannt hatte, und doch fand sie sich durch diesen Zorn erniedrigt und er tat ihr selber wehe, furchtbar wehe! – Das Herz klopfte ihr beängstigend, die Stirn schmerzte sie, die Pulse flogen ihr wie im Fieber. Sie konnte sich nicht in ihre Lage finden, sie spielte mit Bewusstsein eine Rolle, in der sie sich missfiel. Und Alles, Alles missfiel ihr heute, die Gerätschaften, für die sie sich endlich ausgesprochen hatte, der Verkäufer und ihr Gatte, das Leben und die Welt!

Komm', Renatus, rief sie endlich, als Herr Flies, sich verbeugend, die gewählten Gegenstände in das Hotel zu schicken versprach, komm' Renatus, wir sind fertig: lass uns gehen!

Als sie sich aber mit diesen in unmutiger Eile ausgesprochenen Worten zu ihrem Sohne wandte, erblickte sie plötzlich einen anderen, älteren Knaben neben diesem stehend. Er war gross, schien breitschulterig werden zu wollen, und sein dunkles, schönes Antlitz mit den mächtigen Augen und den hochgeschwungenen Brauen, sein voller, stolzer Mund sahen noch kräftiger neben dem blonden und sehr zart gebauten jungen Freiherrn aus. Das ganze Aeussere des fremden Knaben, der feste und doch angstvolle blick, mit dem seine Augen an dem Freiherrn hingen, fielen ihr auf. Sie hatte sein Eintreten nicht bemerkt, sie war ihn überhaupt nicht gewahr geworden, bis eben jetzt, aber ein rätselhaftes Etwas in des Knaben Wesen und Erscheinung erfasste sie mit plötzlicher Gewalt. Auch der Freiherr schien seiner erst in diesem Momente ansichtig zu werden. Angelika sah zu ihrem Gatten, sah zu dem Knaben hinüber. Da begegneten sich auch die Blicke des Freiherrn mit dem Blicke des fremden Knaben, und Angelika täuschte sich nicht, der Freiherr wurde bleich, während eine dunkle Röte die Wangen des kleinen Fremden überzog.

Sie sah es, wie der Freiherr sich finster von ihm wandte, sie sah, wie des Knaben Brauen sich düster zusammenzogen, sie fühlte den scharfen, stechenden blick, den er auf den Freiherrn, auf Renatus warf. Sie wollte ihren Sohn entfernen; aber auch dieser schien von den dunklen Augen des fremden Knaben festgehalten zu werden, und ihm nahe tretend, rief er: Aber der Knabe da sieht ja ganz wie Du aus, lieber Vater, leibhaftig wie Dein Bild im Ahnensaal!

Der Ausruf von Renatus machte auch die Herzogin auf den Vorgang aufmerksam. Sie wandte sich nach dem kleinen Fremden hin; Paul's Aehnlichkeit mit seinem Vater musste Jeden überraschen.

Des Freiherrn Auge war über den Sohn Paulinens schnell und flüchtig fortgeglitten. Er hatte sich entfernt und Renatus mit hinaus geführt. Der Juwelier gab Paul ein Zeichen, das Zimmer zu verlassen; aber der Knabe blieb wie angewurzelt auf derselben Stelle stehen, und sein blick, sein finster glühender blick mit aller seiner Not und Pein traf nur noch die Baronin, traf nur noch sie bis mitten in das Herz. Sie konnte den blick nicht ertragen. Auch das noch, auch das noch heute! rief sie und brach zusammen, während ein heisser Blutstrom ihren Lippen entquoll.

Sechstes Capitel

Es war Alles still im haus, aber Niemand schlief. Schrecken und sorge hielten Jedermann wach.

Als die Baronin von dem Blutsturze befallen und der Arzt herbeigekommen war, hatte er es für unmöglich oder doch für höchst gefährlich erklärt, sie in diesem Zustande nach ihrem Hotel bringen zu lassen, in welchem ohnehin kaum die für eine solche Kranke unerlässliche Ruhe und Bequemlichkeit zu finden waren, und Herr und Madame Flies hatten augenblicklich mit der grössten Bereitwilligkeit dem Freiherrn ihre ganze wohnung und ihre Dienste zur Verfügung gestellt, die man unter diesen Verhältnissen annehmen zu müssen geglaubt hatte.

Vorsichtig hinaufgetragen, lag Angelika in dem besten Zimmer des Hauses, das in den Garten hinaussah, wohl gebettet, vor dem Schimmer der Nachtlampe geschützt, und hörte schlaflos die leisen Pendelschläge der Uhr aus dem Nebenzimmer an ihr Ohr klingen, die sich langsamer, ach, viel langsamer bewegten, als der fiebernde Schlag ihres müden Herzens